Die deutsche Kombination stand Kopf

Ski Nordisch  Neuanfang mit einer Veränderung im Trainerteam: Für Ronny Ackermann kam im Mai Heinz Kuttin als Sprungcoach. Beim Weltcup-Auftakt in Ruka schaut aber alles wieder auf den Norweger Jarl Magnus Riiber.

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Das waren noch Zeiten − sie haben bei Olympia 2018 alles in der Kombination gewonnen (von links): Johannes Rydzek, Fabian Rießle, Vinzenz Geiger, Eric Frenzel und Bundestrainer Hermann Weinbuch.

Foto: Archiv/dpa

Es war ein schmerzhafter Prozess. Die deutschen Nordischen Kombinierer haben in den vergangenen beiden Jahren die Menschlichkeit entdeckt. "Wir sind zuvor fast ein Jahrzehnt ganz oben geschwommen", sagt Bundestrainer Hermann Weinbuch. "Das war fast unmenschlich." Und ist Schnee von vorgestern. Denn der spektakuläre Zweikampf aus Eleganz und Weite auf der Schanze sowie Härte und Geschwindigkeit in der Loipe ist mittlerweile der Sport der Norweger.

Der sprunggewaltige Jarl Magnus Riiber hat zwei Mal den Gesamtweltcup gewonnen und "uns gezwungen, die Kombination anders zu sehen und anders zu trainieren", sagt Hermann Weinbuch, der 60-jährige Trainerfuchs. Deshalb verließ Ronny Ackermann nach der enttäuschenden Saison im Frühjahr das Trainerteam. Deshalb hatte auch Weinbuch, der seine Athleten bei Großereignissen zu mehr als 50 Medaillen geführt hat, seinen Rücktritt angeboten. Mit anderen Worten: Die deutsche Kombination stand im Corona-Frühjahr Kopf. Und ist extrem heiß darauf zu wissen, wo sie beim Weltcup-Auftakt in Ruka steht - am Donnerstag (16 Uhr) geht es in Finnland mit dem provisorischen Wettkampfsprung los, für Freitag bis Sonntag sind drei Einzelwettkämpfe geplant.

Rießle spricht von einem "Schlag ins Gesicht"

Dass Sprungtrainer Ronny Ackermann das Team verlassen würde, "damit habe ich nicht gerechnet", sagt Fabian Rießle, "das war wie ein Schlag ins Gesicht". Bundestrainer Weinbuch suchte selbstkritisch das Gespräch mit seinen Athleten, hätte bei unterschiedlichen Zielvorstellungen Konsequenzen gezogen, wie er sagt. Denn das Problem beim Springen hatte sich zu einem ernsten Grundübel entwickelt: "Wir haben festgestellt, dass viele Basissachen nicht mehr up to date waren."

Hermann Weinbuch suchte einen Fachmann und präsentierte im Mai Heinz Kuttin als neue rechte Hand. Der Österreicher war einst Skispringer, war Cheftrainer der Austria-Adler. Weinbuch: "Die Jungs waren gewohnt, alles zu gewinnen. Deshalb war es wichtig, einen gestandenen Mann zu finden." Alles richtig gemacht, es funktioniert. "Heinz ist ein super Typ, ein feiner Kerl, der einen super Einstieg ins Team hatte und uns extrem gut tut", sagt Fabian Rießle. "Es ging ein Ruck durchs Team." Das mit sieben Assen und einem Ersatzmann per Charterflug von München gestern nach Finnland geflogen ist und "sehr selbstbewusst" (Weinbuch) an den Start geht. Die Vorbereitung sei trotz Corona gut verlaufen.

Keiner weiß, wo er steht

Da es wegen der Pandemie aber keinerlei Sommer-Wettkämpfe gab, weiß niemand, wo er im internationalen Vergleich steht. Erst jetzt werde man wissen, "was wir in der Lage sind zu leisten", sagt Eric Frenzel, der wie Johannes Rydzek vergangenen Winter ohne Podestplatz blieb. Beide hatten ihren Sport zuvor über Jahre dominiert. Beide hatten auf der Schanze große Probleme.

Weil Jarl Magnus Riiber so exzellent und weit springt - bei den norwegischen Meisterschaften der Spezialspringer wurde der 23-Jährige Fünfter - muss der Anlauf kurz gehalten werden. Das ist Gift für alle, die auf der Schanze Probleme haben. Es ist ein Teufelskreis. Den Heinz Kuttin mit einer neuen Ansprache, neuen Übungen und neuen Reizen unterbrochen zu haben scheint - was aber auf Kosten der Ausdauertrainingszeiten ging.

Frenzel und Rydzek haben nicht zu hohe Erwartungen

Die einstigen Dauersieger sind zurückhaltend. "Ich gehe nicht mit zu hohen Erwartungen rein", sagt der 32-jährige Eric Frenzel. Johannes Rydzek (28) formuliert es so: "Ich bin auf der Schanze einige Schritte vorwärts gekommen." Allen ist klar, dass es ein komplizierter Winter wird - der Weltcup nächste Woche in Lillehammer wurde wegen Corona abgesagt, ebenso der Jahresauftakt 2021 in Otepää. Der Höhepunkt steigt Ende Februar. "Klar ist die Heim-WM in Oberstdorf ein ganz, ganz großes Ziel", sagt Fabian Rießle (29). "Es wäre ein Traum, eine Einzelmedaille zu holen." Aber jetzt gehe es darum, in den Flow zukommen, vor allem auf der Schanze einen schönen Einstieg zu haben.

Ja, die deutschen Kombinierer haben die Menschlichkeit entdeckt. Ehrgeizig sind sie geblieben. "Es reizt uns, wieder die Nummer eins zu sein", sagt Hermann Weinbuch.

 

Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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