Die Angst geht um unter den Reitsportlern

Reitsport  Eine neue Variante des Herpes-Virus sorgt weltweit und in der Region für große Unsicherheit unter den Reitsportlern. Auch die Ilsfelder Familie Schlüsselburg ist betroffen

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An Wettkampfteilnahmen ist für Sven Schlüsselburg und sein positiv getestetes Pferd Bud Spencer dieser Tage nicht zu denken. Beide sitzen in Doha fest.

Foto: dpa

Die jüngste Bedrohung trägt den kryptischen Namen "EHV-1" - eine Abkürzung für "Equine herpesvirus 1". Hinter der englischen Bezeichnung verbirgt sich ein Herpes-Virus, dessen Existenz zwar seit langem bei Pferden bekannt ist, doch seit vergangener Woche in einer neuen Variante grassiert und den Reitsport nach ersten Todesfällen in Teilen Europas weitestgehend zum Erliegen gebracht hat.

"Wir haben alles dichtgemacht"

"Es ist eine hochgefährliche Herpes-Variante, gegen die es zwar Impfungen, aber keine Medikamente gibt", erklärt Dieter Melwitz. Der Vorsitzende des RV Ilsfeld sieht kaum Aktionsmöglichkeiten, um die Virus-Variante, die häufig zu Lähmungserscheinungen und Unbeweglichkeit führt, zu bekämpfen.

Die Isolation der Tiere und das Abwarten seien momentan die einzig sinnvollen Präventivmaßnahmen. "Wir haben in Ilsfeld alles dicht gemacht", berichtet der Vorsitzende des Reitervereins. Eigene Pferde verlassen die heimischen Stallungen nicht mehr, fremde Tiere kommen nicht hinein.

Auch alle externen Trainingseinheiten sind abgesagt worden. "Alle haben dafür Verständnis", sagt Melwitz, der die hohe Verbreitungsgefahr auch daran festmacht, dass man nicht allen Tieren eine Erkrankung anmerkt.

Quarantäne in Doha

Besondere Vorsicht herrscht in Ilsfeld, weil mit Sven Schlüsselburg ein dort ansässiger Springreiter unmittelbar von Virus-Fällen betroffen ist. Schlüsselburg war mit seinen Pferden bei der "CES Valencia Tour" an der Südostküste Spaniens, von der die neuste Verbreitungwelle des Virus ausging. Von dort war er nach dem Turnier ohne Kenntnis über eine Infektion seiner Pferde ins katarische Doha weitergereist, wo er sich aktuell in Quarantäne befindet.

Zwei von Schlüsselburgs Tieren waren im Emirat schließlich positiv getestet worden. "Ich habe wirklich Angst - auch um die Pferde zu Hause. Das kann ja alles so schnell gehen, und keiner ist am Ende sicher", sagte Schlüsselburg jüngst der Deutschen Presse-Agentur.

Geritten wird in Doha - anders als in vielen europäischen Ländern - trotz der bekannten Virus-Gefahr. Zum Start der "Global Champions Tour", der am höchsten dotierten Serie des Pferdesports, starten die Teilnehmer seit Donnerstag in der katarischen Hauptstadt unter verschärften Sicherheits- und Hygienebedingungen.

Schlimme Bilder von verendeten Tieren

Vielen der Starter sind die Bilder verendender Tiere aus Valencia präsent. Auch Bundestrainer Otto Becker, der mit seinen Reitern in Katar und Spanien in engem Kontakt steht, hat die Bilder von Pferdekadavern gesehen, die mit schwerem Gerät abtransportiert werden mussten. "Die Bilder aus Valencia sind ganz schrecklich, einige Videos konnte ich nicht bis zum Ende anschauen", gab Becker gegenüber der Deutschen Presse-Agentur zu.

Der Pferdesportkreis Franken (PSK) hat an seine Mitgliedsvereine unterdessen die klare Botschaft gerichtet, keine fremden Pferde auf die eigenen Höfe zu lassen. "Ein Großteil unserer Pferde ist bereits geimpft. Und da regelmäßiges Impfen einen tödlichen Krankheitsverlauf verhindert, sind auch Nach-Impfungen weiterhin ratsam", sagt Frank Uhde, Vorsitzender des PSK Franken.

Zweifelsfrei bestätigte Fälle weiterer Virus-Ausbrüche in der Region liegen ihm nicht vor, er hofft jedoch, dass es dank Turnier-Absagen und Bewegungseinschränkungen nicht zu weiteren Fällen kommt: "Allein wegen Corona gilt momentan eine Abstandsregelung von 200 Quadratmetern pro Pferd. Darauf müssen wir jetzt noch stärker achten als ohnehin schon."

Notfallkonzepte für die Zukunft notwendig

Uli Collée sieht in Folge des Infektionsausbruchs vor allem die Notwendigkeit, Notfallkonzepte für die Zukunft zu entwickeln. Der international tätige Pferdehändler und -züchter kennt das Turniergelände in Valencia: "Es hätte jeden treffen können, aber dort stehen 750 Pferde ohne Separationsmöglichkeiten in einem riesigen Stallzelt."

Man müsse Ideen entwickeln, wie künftig die Rückführung der Tiere organisiert werden könne. Die Frage, wohin mit den "einreisenden" Tieren, die aus Angst vor einer Virus-Verbreitung niemand aufnehmen will, steht vielerorts weiterhin unbeantwortet im Raum.

Doch Collée hat Verständnis für die Reiter, die mit ihren Tieren umgehend aus Valencia abgereist sind: "Ich hätte es genauso gemacht."

Wenn alle blieben, gäbe es vor Ort nur einen Kampf um Behandlungsprioritäten. Zudem fehle es auf dem Turniergelände aktuell an Desinfektionsmöglichkeiten. Auch der Eberstädter, dessen US-amerikanischer Hauptabsatzmarkt ihm durch eingestellte Exporte weitgehend weggebrochen ist, sagt: "Isolieren und Abwarten sind die einzigen Möglichkeiten, die wir haben."

Selbst Impfen sei nur dann hilfreich, wenn alle zusammenlebenden Tiere geimpft seien und sich dadurch der Infektionsdruck minimiere. "Ich glaube aber, dass wir die Situation in zwei bis drei Wochen wieder normalisiert haben könnten."


Nils Buchmann

Nils Buchmann

Volontär

Nils Buchmann arbeitet seit Oktober 2020 als Volontär bei der Heilbronner Stimme.

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