Der Wechsel von Werner Haaga, eine Trophäe mit unrühmlicher Vorgeschichte und die Entrehhagelung des FC Bayern

Sport  Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen nahezu unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Was bestimmte das Sportgeschehen in der 18. Kalenderwoche vor 68, 50 und 25 Jahren?

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1953: Die Trophäe war noch die selbe wie vor dem Krieg. Lediglich das Hakenkreuz war durch die DFB-Schriftzeichen ersetzt worden. Zuletzt hatte der First Vienna FC im Jahr 1943 den berüchtigten Tschammer-Pokal, benannt nach dem Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten, gewonnen. Eben jenen Cup überreichte DFB-Pressewart Rieß am 1. Mai im Düsseldorfer Rheinstadion an Essens Kapitän August Gottschalk. "Rotweiß Essen Pokalsieger" war die Randnotiz in der Stimme am 4. Mai überschrieben. Der erste Pokalwettbewerb nach dem Zweiten Weltkrieg wurde wenig wertgeschätzt. Das große Thema des Wochenendes waren die Auftaktspiele zur Endrunde um die deutsche Meisterschaft.

Den immerhin 37.000 Zuschauern in Düsseldorf wurde eine über weite Strecken durchschnittliches Endspiel geboten. "Vor allem in der ersten Halbzeit vermisste man auf beiden Seiten zwingende Szenen und zweckmäßigen Einsatz", schrieb die Stimme. Franz Islacker hatte Rot-Weiß nach einer halben Stunde in Führung geschossen, Club-Ikone Helmut Rahn kurz nach dem Seitenwechsel auf 2:0 erhöht. Ein gewisser Jupp Derwall - als Bundestrainer Europameister 1980 - schaffte für Alemannia Aachen ein paar Minuten später den Anschluss. Doch der spätere Nationaltorhüter Fritz Herkenrath ließ sich kein zweites Mal mehr überwinden. Der Tschammer-Pokal wurde erst 1965 durch die heute bekannte Trophäe des Kölner Goldschmieds Wilhelm Nagel ersetzt.


Der Wechsel von Werner Haaga, eine Trophäe mit unrühmlicher Vorgeschichte und die Entrehhagelung des FC Bayern

Zusammen mit Martin Kübler bildete "Wagges" Haaga ein gefürchtetes Duo.

Fotos: imago-images/Horstmüller/Werek

1971: Tempo sollte Linksaußen Werner Haaga ins Spiel des VfR Heilbronn bringen. Die Erwartungen an den Neuzugang vom VfB Stuttgart waren groß, wie Lothar Strobl in seinem Streiflicht vom 8. Mai ausführte: "Der VfR der Spielzeit 1971/72 wird also endlich von der Spielverlangsamung, die er heuer manchmal bis zum Erbrechen übertrieb, wegkommen und umschalten können auf jenes Tempospiel, das den modernen Fußball erfolgreich macht." Haagas Schnelligkeit kam nicht von ungefähr. "Über 80 Meter Hürden war er einst württembergischer Jugendmeister", wusste Stimme-Autor Hans Machmerth am 4. Mai zu berichten.

39 Bundesligaspiele für den VfB hatte der 24-Jährige bis zu seinem Wechsel nach Heilbronn bestritten. Unter Starcoach Branko Zebec kam das schwäbische Eigengewächs jedoch nicht mehr zum Zug. "Wir haben uns nicht verstanden", sagte Haaga und lieferte den entscheidenden Grund für seinen Wechsel in die Regionalliga - damals die zweithöchste Spielklasse: "Ich habe es satt, ständig auf der Ersatzbank zu sitzen und den anderen zuzusehen, ich will endlich selbst spielen. Ich werde mein Bestes geben, um dem VfR ein tüchtiger Linksaußen zu sein."

Das wurde er dann auch - ohne Frage. Der "junge, lustige Mann mit gesundem Optimismus" (HSt) stieg zum VfR-Kapitän auf und war eine Identifikationsfigur in den goldenen Jahren des Clubs. Obwohl er bei seiner Verpflichtung noch bescheiden sagte: "Ich weiß, dass man auch in der Regionalliga um einen Stammplatz kämpfen muss."

Nach der Saison 1973/74 gelang dem VfR der Sprung in die neu gegründete 2. Bundesliga Süd. Doch aus der stieg der VfR in der Premierensaison ab. Als einer der wenigen blieb Haaga dem Club treu. Doch es sollte nur noch ein weiteres zu seinen 115 Spielen hinzukommen. Gleich im ersten Spiel verletzte sich Haaga schwer am Knie und musste daraufhin seine Karriere beenden. Er stieg in die Steuerberatungsgesellschaft seines Vaters in Stuttgart ein, für die er heute noch tätig ist.


Der Wechsel von Werner Haaga, eine Trophäe mit unrühmlicher Vorgeschichte und die Entrehhagelung des FC Bayern

Vom eigenen schlechten Witz überfahren: Otto Rehhagel bei seiner Entlassung als Bayern-Trainer 1996.

1996: Dumme Aussagen wie die aktuelle von Jens Lehmann konnten Fußballern auch schon vor 25 Jahren zum Verhängnis werden - dafür brauchte es gar kein Instagram. Im Mannschaftskreis soll Bayerntrainer Rehhagel vor dem nächsten Gegner Hansa Rostock mit folgenden Worten gewarnt haben: "Passen Sie auf den Akpoborie auf. Sie wissen doch - die Neger wollen unsere Arbeitsplätze wegnehmen." Was passierte? Der Titelanwärter verlor im Olympiastadion mit 0:1. Torschütze für die Hansestädter: Jonathan Akpoborie. Das Ende der kurzen Regentschaft von König Otto bei den Münchnern. Kaiser Franz Beckenbauer übernahm als erster Club-Präsident der Bundesligageschichte den Trainerstab.

"Entrehhagelt" überschrieb Stimme-Redakteurin Elke Rutschmann am 29. April ihren Kommentar, in dem sie eine "gescheiterte königlich-kaiserliche Zweierbeziehung" als ausschlaggebenden Grund für die Entlassung ausmachte. Am 7. Mai griff Redakteur Hans Werner Amos "Ottos Witz" auf: "Hochgeistig war es nicht, was Otto da verzapfte. Aus dem Witz wurde bittere Wahrheit: Der ,Neger" nahm Rehhagel tatsächlich den Arbeitsplatz weg."


Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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