Das Kunstrad-Duo vom RV Öhringen ist Weltmeister

Kunstrad  Die Kunstradfahrer Serafin Schefold und Max Hanselmann begeistern knapp 4000 Fans in der Stuttgarter Porsche-Arena, die das Hohenloher Duo mit einem Song für ihr viertes Gold feiern.

Email
Max Hanselmann (links) und Serafin Schefold vom RV Öhringen nach der Siegerehrung

Ohne Vorwarnung erscheint der Text auf den riesigen Anzeige-Würfeln der Porsche-Arena. In großen Lettern ist sie zu lesen, die ganz persönliche Hymne für Serafin Schefold und Max Hanselmann. Die Klänge zu Rod Stewart melodischer Ballade "Sailing" dröhnen aus den Lautsprechern. Die Zwei sitzen inmitten der Halle in weißen Sesseln und blicken ahnungslos um sich. Stillsitzen ist in diesen Momenten schwierig, ihre Körper sind voller Adrenalin und Freude. Sekunden zuvor liegen sich die Freunde vom RV Öhringen glückselig in den Armen. Lange und innig.

Ein Ständchen für die Goldjungs

Sie sind Weltmeister. Im Zweier der Offenen Klasse. Wieder. Nach Dornbirn (2017), Lüttich (2018), Basel (2019) und einem Corona-bedingten zusätzlichen Wartejahr seit Samstagabend ein viertes Mal. In Stuttgart. Und dort singen nun fast 4000 Menschen die umgetextete Version für zwei Kunstradfahrer der Extraklasse. Ein Ständchen für die Goldjungs aus Hohenlohe - eingefädelt von Mama Simone Hanselmann, die die Überraschung zuvor mit Hallensprecher Jens Zimmermann abgesprochen hat.

IMG_5385
Singen für Schefold/Hanselmann: 4000 Zuschauer feiern die Weltmeister. Foto: Julia Rah

Die Zuschauer geben zurück, was ihnen zuvor zwei junge Männer geschenkt haben: Gänsehautmomente. Verpackt in eine fünf minütige "Hammerkür", wie Bundestrainer Dieter Maute die WM-Darbietung nennt: Power. Kraftakte. Dynamik. Gepaart mit Kunst, Feingefühl, höchster Koordinationsfähigkeit und Harmonie auf dem Kunstrad. Emotionen pur. Für alle. "Zuerst war ich skeptisch, ob es nicht peinlich wird, wenn keiner mitsingt. Aber ich bin positiv überrascht, es hat sehr gut geklappt", sagt Max Hanselmann. Serafin Schefold saugt einfach nur jede Sekunde auf und versucht "so gut wie möglich zu genießen, denn das sind die Momente, an die man sich später erinnert und für die man es macht". Dieses WM-Feeling ist für Kunstradfahrer besonders intensiv, weil ihnen die ganz große Kulisse trotz ihrer großen Leistungsfähigkeit viel zu selten gegönnt ist.

Richtig Bock und ein Lächeln im Gesicht

Serafin Schefold spürt schon vor dem Auftritt bei ihrer fünften WM die außergewöhnliche Atmosphäre und "hatte so richtig Bock und ein Lächeln im Gesicht. Wenn der Applaus kommt, ist das krass. Dann will man einfach einen raushauen." Das haben sie, die Freunde aus Öhringen und Neuenstein, die beruflich bedingt in Rheinland Pfalz leben und trainieren. Ihre 168,21 Punkte dank lautstark bejubelter Höchstschwierigkeiten wie dem erweiterten Handstand-Kopfstand liegen zwar unter ihrem Weltrekord, doch um diesen geht es an diesem Abend nicht. "Es war nicht die allersauberste Kür, aber wir schließen die Saison gut ab", sagt Serafin Schefold.

Im Hier und Jetzt zählt einzig der Genuss. Die wertschätzenden Augenblicke, als sich die 24 und 25 Jahre alten Kumpels zum Lohn für die lange und harte Trainingsarbeit ihr Gold um den Hals hängen. Die Siegerehrung im Regenbogentrikot samt Nationalhymne, bei der Serafin Schefold mehrfach die Augen schließt. Und die Ehrenrunde mit den Silber-Gewinnern Lea-Victoria Styber/Nico Rödiger plus Deutschland-Fahne - vorbei an Freunden und Familie, abklatschen mit Vereinsmitgliedern und Fans, dazwischen ein paar Schluck vom eigens georderten Bier, weil das bei der Weltmeisterschaft Tradition ist.

Grenze des Machbaren ausschöpfen

Der Abstand zu den Konkurrenten ist mit knapp 17 Punkten sehr groß. Doch selbst an diesem großen Abend ist der Blick in die Zukunft gerichtet.

Indoor Cycling World Championships 2021

Höchstschwierigkeit: Max Hanselmann (links) beim Kopfstand auf dem Sattel, während sich Serafin Schefold zum Handstand hochdrückt.

Foto: Baumann

Seafin Schefold und Max Hanselmann machen weiter. Weil sie noch Lust dazu - und die Grenze des Machbaren nicht voll ausgeschöpft haben. "Die Chance, ihre Schwierigkeiten noch weiter nach oben zu schrauben, treibt die beiden auch an. Sie sind motiviert zu zeigen, dass man die Punktzahl im Zweier bis an die 180 steigern kann", sagt Dieter Maute. Ihm haben Schefold/Hanselmann ganz nebenbei die 75. WM-Medaille beschert - ein schönes Geschenk für den Bundestrainer.

Druck der Konkurrenten zu bekommen, spornt das Duo aus dem Hohenlohischen an. "Wir versuchen weiter noch oben zu entkommen", sagt Max Hanselmann schmunzelnd. Nachdem sie in dieser Saison den Sattel-Lenker-Handstand ins Programm aufgenommen haben, bleiben noch eine Schulter-Sitz-Drehung oder andere Finessen, um die Kunst-Kraft-Komponente zu erhöhen. "Wir sind nicht diejenigen, die die meiste Belastung fahren. Da haben wir auch noch etwas Potenzial", meint Serafin Schefold.

Sie sind bereit. Für ihr Ziel, die Rad-Spiele 2023 in Glasgow. Und für die Feierlichkeiten von Stuttgart.


Stefanie Wahl

Stefanie Wahl

Leiterin der Sportredaktion

Sport bedeutet mehr als Sieg und Niederlage: Seit 2005 leitet Stefanie Wahl das Ressort bei der Stimme. Die ehemalige Leichtathletin beschäftigt sich mit Wintersport und fungiert seit 2007 als Geschäftsführerin der Sporthilfe Unterland e.V.

Kommentar hinzufügen