DEL reagiert dünnhäutig auf Kritik

Eishockey  Der Deutschen Eishockey Liga droht die Absage einer kompletten Spielzeit. Am Krisen-Management der DEL gibt es Kritik - auch aus der Region: Das Neckarsulmer SVE-Vorstandsmitglied Boris Brand vermisst Innovationsbereitschaft in der Liga-Führung.

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Nein, auch hier in Iserlohn wird so schnell kein Eishockey gespielt werden. Die DEL hält einen Ligastart weiterhin für unmöglich.

Foto: imago-images/Eibner

Historisch war im deutschen Eishockey zuletzt ein positiv besetzter Begriff. Die Olympische Silbermedaille 2018 etwa, oder der Aufstieg von Leon Draisaitl zum derzeit wohl weltbesten Spieler. Doch der Deutschen Eishockey Liga droht ein historisch negatives Szenario: Die Absage einer kompletten Spielzeit.

Für die Coronakrise kann die Liga freilich nichts. Doch die Kritik am Krisen-Management und der Kommunikation wächst. Wie dünnhäutig die DEL-Granden darauf reagieren, war diese Woche in den "Eishockey News" zu lesen. Das Fachblatt interviewte Aufsichtsrat Wolfgang Brück, der in erster Linie jegliche kritische Frage abbügelte, aber keinerlei konstruktiven Lösungsansatz präsentierte.

Öffentlicher Gegenwind für DEL-Geschäftsführer

Neben den Medien gibt es in der Spielervereinigung SVE einen neuen Akteur, der ein gewichtiges und vernehmbares Wörtchen mitredet. Plötzlich gibt es öffentlich Gegenwind für DEL-Geschäftsführer Gernot Tripcke und die Liga. Im Vorstand der SVE sitzt auch der Neckarsulmer Orthopäde Boris Brand. "Wir sind keine Ramba-Zamba-Organisation. Unser Ziel ist die Koalition, nicht die Opposition", sagte der 55-Jährige am Dienstag im Gespräch mit der Heilbronner Stimme. "Die Spieler wollen spielen. Ein Jahr ohne Eishockey ist für einen Profi eine Katastrophe."

Was Brand und seine SVE-Mitstreiter vermissen, ist eine Perspektive, eine Idee, wie ein Spielbetrieb in Coronazeiten aussehen könnte. "Außer der Forderung nach einem 25-prozentigen Gehaltsverzicht der Spieler und der Errechnung des Fehlbetrags von 60 Millionen Euro ist bisher nichts passiert. Jede Krise birgt auch Chancen", vermisst Brand jegliche Innovationsbereitschaft bei der DEL.

DEL-Rechnung ging nicht auf

Seit März und dem Hinweis, dass die Clubs angesichts eines 80-prozentigen Anteils der Ticketeinnahmen am Umsatz ohne Zuschauer nicht spielen können, ist viel Zeit vergangen. Im Sommer lizenzierte die DEL die Clubs zudem auf der kalkulierten, aber wenig realistischen Grundlage, dass ab September wieder in vollen Stadien gespielt werden dürfe. Die Rechnung ging nicht auf. Aktuell sind maximal 20 Prozent der eigentlichen Zuschauer-Kapazitäten zugelassen. Immer noch deutlich zu wenig. "Wie viel Zeit ist verstrichen ohne ein klares Konzept, wie man einen geregelten Spielbetrieb aufstellen kann?", kritisierte SVE-Vorstand Müller.

In der DEL wundert man sich dagegen, warum Handballer und Basketballer trotz genauso defizitären Ausgangslage in die Saison starten. "Ein Start ohne verlässliche Perspektive auf Zuschauer ist für die DEG fahrlässig und existenzbedrohend. Ab Saisonstart entstehen sofort hohe laufende Kosten. Wir haben dann fast hundertprozentige Ausgaben, aber kaum planbare Einnahmen", sagte etwa der Geschäftsführer der Düsseldorfer EG, Stefan Adam.

Größere Abhängigkeit von Ticketverkäufen

Ähnlich äußerte sich Aufsichtsrat Brück in der "Eishockey News": "Ich kann nicht sehenden Auges in eine Saison starten, wo ich weiß, dass ich spätestens im zweiten Monat - ich übertreibe jetzt etwas - nichts mehr bezahlen kann."

Die Abhängigkeit der DEL von Ticketverkäufen ist größer als im Handball oder Basketball. Im Eishockey sind die Kader zudem teils deutlich größer und die Aufwendungen für den Betrieb der Eishallen höher. Tripcke reagierte auf den Gegenwind zuletzt genervt: "Letztlich ist es sehr leicht daher gesagt, denn an Corona gibt es keine Schuldigen und solche Äußerungen bringen uns nicht weiter." Aus der Liga ist er keine Kritik gewohnt, die Clubs stehen fest zu ihm. Auch ohne Saison.

Die Spielvereinigung Eishockey

Am 19. August hat sich die Spielvereinigung Eishockey (SVE) auf Initiative von Moritz Müller gegründet. Der Nationalspieler von den Kölner Haien führt den fünfköpfigen Vorstand an. Sein Stellvertreter ist der Nürnberger Patrick Reimer. Schatzmeister dessen Teamkollege Oliver Mebus. Zudem gehört der Ex-Mannheimer Marcus Kink dem Vorstand an. Schriftführer ist Boris Brand. "Ich verstehe mich als Szenekenner und Ratgeber in dem Gremium", sagt der Neckarsulmer Orthopäde. Geschäftsführer der Organisation ist seit Anfang September der ehemalige NHL-Profi Alexander Sulzer. Der SVE geht es darum, den Profispielern eine Stimme zu geben.


Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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