Das Hockey-Gemetzel von München

Sport  Nicht nur das Hockey-Testspiel vor der ersten Weltmeisterschaft sorgte in der 40. Kalenderwoche für Schlagzeilen. Unser Blick zurück ins historische Sportgeschehen erzählt außerdem von einem Doppel-Weltmeister und dem Verhinderer des WM-Bankrotts.

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Doppel-Weltmeister Werner Haas auf der Höhe seines Könnens bei den deutschen Meisterschaften 1953 in Hannover. Foto: imago-images/Zuma/Keystone

Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen schier unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Was bestimmte das Sportgeschehen in der 40. Kalenderwoche vor 25, 49 und 67 Jahren?

1953: Glückspilz Haas vom Pech verfolgt

Schräg gegenüber der McDonald's-Filiale in Neckarsulm geht ein kleiner unscheinbarer Weg von der breiten Wilhelm-Herz-Straße ab. Benannt ist er nach einem der größten Motorsportler der Nachkriegszeit: Werner Haas. Der gebürtige Augsburger war vor 67 Jahren auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Auf einer NSU Rennfox wurde der damals 26-Jährige Weltmeister in der Achtel- und Viertelliterklasse. Es waren die ersten Titel überhaupt für einen deutschen Fahrer. Nach insgesamt fünf Siegen und fünf zweiten Plätzen in beiden Klassen ging lediglich der Saisonabschluss in Spanien daneben.

"Glückspilz Haas war in Barcelona vom Pech verfolgt", titelte die Heilbronner Stimme am 5. Oktober. "Feiner Regen machte den Montjuïc-Rennkurs sehr schlüpfrig", berichtete die HSt weiter. In der zweiten Runde des 125er-Rennens rutschte Haas bei einem Überholmanöver weg, wodurch die Fußraste seiner 15,5 PS starken Maschine verbogen wurde. In der zwölften Runde brach sie endgültig ab und Haas, der sich in der Zwischenzeit vom letzten wieder bis auf den achten Platz nach vorne gearbeitet hatte, musste aufgeben. Das kostete NSU den Konstrukteurstitel, da die punktgleichen MV Agusta in der Addition aller Rennzeiten 36,1 Sekunden schneller waren.

Haas wurde trotz des Fauxpas zum Sportler des Jahres gewählt und erhielt nach einem weiteren WM-Titel 1954 das Silberne Lorbeerblatt. Seine Glückssträhne endete am 13. November 1956, als er bei einem Testflug in Neuburg an der Donau tödlich verunglückte.

Natürlich ist auch in seiner Heimatstadt Augsburg eine (wesentlich größere) Straße nach ihm benannt.

Das Hockey-Gemetzel von München, ein Doppel-Weltmeister, der Verhinderer des WM-Bankrotts: Das bestimmte vor 25, 49 und 67 Jahren die Schlagzeilen.
Knallhart ging es 1971 in München zwischen Deutschland und Australien zu. Foto: imago-images/Werek

1971: Ein Gemetzel und kein Spiel

"Das war ein Gemetzel und kein Spiel", titelte die HSt am 4. Oktober. Ungewöhnlicher als der Titel war die Sportart um die es ging: das als körperlos geltende Hockey. Unmittelbar vor der ersten Weltmeisterschaft in Barcelona absolvierte die deutsche Nationalmannschaft im Münchner Olympiapark ein letztes Testspiel gegen Australien. Nicht nur ging die WM-Generalprobe mit 1:3 verloren, zudem mussten gleich vier deutsche Spieler verletzt ausgewechselt und drei von ihnen mit Kopfverletzungen ins Krankenhaus gebracht werden.

"Mit dieser rohen Spielweise macht man den Hockeysport kaputt", ärgerte sich Adolf Kulzinger, Präsident des Deutschen Hockey-Bundes. Die Australier brachten es in 70 Spielminuten auf stolze 79 Fouls, die deutsche Elf kam mit der Hälfte aus. "Ob unser Spiel roh war", fragte Australiens Coach Arthur Sturgess rhetorisch und antwortete gleich selbst: "Wir spielen Hockey, um zu gewinnen und in der Weise, die uns einen Sieg möglich macht."

Bei der WM trafen beide Teams in den Platzierungsspielen um die Ränge fünf bis acht wieder aufeinander. Dieses Mal ging es fairer zu, weil die Schiedsrichter beim WM-Turnier von Anfang an hart durchgriffen. Deutschland siegte mit 1:0 und wurde mit fast dem identischen Team ein Jahr später in München erstmals Olympiasieger.

Das Hockey-Gemetzel von München, ein Doppel-Weltmeister, der Verhinderer des WM-Bankrotts: Das bestimmte vor 25, 49 und 67 Jahren die Schlagzeilen.
Judo-Weltmeister 1995 in Japan: Udo Quellmalz. Foto: imago-images/sportfotodienst

1995: Fast-Bankrott der deutschen Judoka

Wenn die deutsche Judo-Nationalmannschaft nächstes Jahr in Wien eine Gold- und eine Silbermedaille von der Weltmeisterschaft mitnehmen würde, wäre das ein Erfolg. Genau diese Bilanz führte nach den Welt-Titelkämpfen im japanischen Chiba am 2. Oktober zu folgender HSt-Schlagzeile: "Fast-Bankrott der deutschen Judoka". Von den Frauen war schon im Vorfeld wenig erwartet worden, doch bei den Männern blieb gleich ein Quartett deutlich hinter den Erwartungen zurück. "Sie haben versagt", ärgerte sich Männer-Bundestrainer Dietmar Hötger.

Die Retter aus deutscher Sicht waren Silbermedaillengewinner Frank Möller und natürlich Weltmeister Udo Quellmalz. Der Halbleichtgewichtler bezwang im Finale den Lokalmatadoren Yukimasa Nakamura. Eben jenen Nakamura besiegte der gebürtige Leipziger ein Jahr später auch bei den Olympischen Spielen in Atlanta und holte damit die einzige Goldmedaille für den Deutschen Judo-Bund.

Seit diesen 18. Judo-Weltmeisterschaften 1995 kamen bis zur 33. Auflage im vergangenen Jahr in Tokio lediglich noch zwei WM-Titel für Deutschland hinzu. 2003 durch Florian Wanner und 2018 durch Alexander Wieczerzak.


Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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