Das große Umplanen wegen Corona

Sport  Fußball-EM und Olympia sind verschoben worden, doch es gibt weiter viele Fragezeichen. Die Hoffnung auf ein unbeschwertes Sportvergnügen lässt sich kaum erfüllen.

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Über den Olympischen Ringen vor dem Nationalstadion in Tokio hingen bisher dunkle Wolken. Trotzdem klammern sich die japanischen Organisatoren der Spiele an ihre Pläne.

Fotos: dpa

Es ist nur ein Traum. Ein schöner Traum, einer von früheren Zeiten, die noch gar nicht lange her sind, aber doch gestrig wirken. Es sind jene Zeiten, als es das Coronavirus noch nicht gab. Es ist der Traum von unbeschwertem Sportvergnügen.

Die Sporthöhepunkte des Jahres 2020 sind ins Jahr 2021 verschoben worden, die Olympischen Spiele in Tokio und die Fußball-Europameisterschaft. Jetzt wird geimpft, in Europa, in den USA, anderswo auch, aber es sind verflixt viele Menschen auf dieser Erde. Das Coronavirus wird auch im nächsten Sommer ein Problem sein, wenn es in Japan und in zwölf europäischen Ländern um Ruhm und Ehre gehen soll.

Der Traum ist, dass dann alles normal verlaufen wird. Mit (viel) Publikum in den Stadien. Mit fröhlich feiernden Menschen. Aber das ist wohl nicht das, was die Wirklichkeit hergeben wird. Man muss keine hellseherischen Fähigkeiten haben, um zumindest schwarz zu sehen für die Pläne aus der alten Normalität.

Eine Idee, die womöglich geändert werden muss

Die Fußball-EM in einem Dutzend europäischer Länder: ständige Reisen, viel Vermischung - eine Idee, die womöglich geändert werden muss. Doch der Dachverband Uefa möchte liebend gerne an der grundsätzlichen Planung der ersten paneuropäischen Europameisterschaft der Fußballgeschichte festhalten. Die Uefa hat schon bestätigt, dass zur Not in den zwölf Städten verschiedene Krisenszenarien greifen sollen. Was der Verband nicht öffentlich debattiert haben möchte, ist, die Paneuropa-EM proaktiv zu Grabe zu tragen.

Das optimistischste Uefa-Szenario basiert auf der Annahme, das Coronavirus im Sommer so weit im Griff zu haben, dass gar in vollen Stadien gespielt werden könnte. Weitere gehen von teilweise gefüllten Arenen aus. Ein Szenario beinhaltet den kompletten Zuschauerausschluss, es käme zu Geisterspielen. Anfang März, so war es vor einigen Wochen zu lesen, könnte eine Regelung getroffen werden, wie viele Zuschauer in den jeweiligen Spielstädten in die EM-Stadien dürfen. Vom 11. Juni 2021 an wird bis zum 11. Juli in einem Dutzend Metropolen um den EM-Titel gekickt. In Deutschland in München, dazu kommen laut der alten Planung noch Rom, Baku, Sankt Petersburg, Kopenhagen, Amsterdam, Bukarest, London, Glasgow, Bilbao, Dublin und Budapest.

Ob das machbar sein wird?

So viel Fliegerei für die 24 beteiligten Mannschaften. Es gab auch schon Medienberichte, dass die Europäische Fußball-Union einen Notfallplan überdenke, das Turnier doch nur in einem Land stattfinden zu lassen. Russland hatte bereits zu Beginn der Pandemie seine Hilfe angeboten, als es noch um die Austragung für 2020 ging. Nach der WM 2018 könnte Russland die Infrastruktur und die Stadien womöglich ohne große Probleme zur Verfügung stellen. Angesprochen auf ein Szenario, wonach die EM in ein Land zusammengezogen werden könnte, hatte Uefa-Boss Aleksander Ceferin im Oktober gesagt: "Derzeit denken wir nicht darüber nach, aber wir könnten verschiedene Sachen umsetzen." Entscheidend wird das Virus sein.

Alles soll so normal wie möglich sein

Das große Umplanen

Uefa-Boss Aleksander Ceferin sieht sich zum Umdenken gezwungen.

Auch in Tokio klammern sich die Organisatoren der Olympischen Spiele an ihre Pläne. Mittlerweile sogar so, als wäre vom 23. Juli bis zum 8. August nahezu nichts mehr ungewiss. Alles soll so normal wie möglich sein, jetzt, wo das neue Olympiajahr kurz bevorsteht. Und weil Olympiajahre nunmal Partyjahre sind, haben die Planer - ungeachtet von rasant steigenden Infektionszahlen - Mitte Dezember verkündet, dass auch der neue Fackellauf durch alle japanischen Präfekturen führen soll. Zudem würden die olympischen Wettbewerbe mit Zuschauern stattfinden.

Reisebeschränkungen sollen aufgehoben werden, denn alle Teilnehmer würden bis dahin geimpft sein. Die Organisatoren vermitteln dem Volk partout den Eindruck, als wäre alles ziemlich normal und ohne weitere Komplikationen machbar - und drohen auf diese Weise, früher oder später auf eine ganz andere Realität zu stoßen. Denn neue Zahlen ergeben nicht nur, dass die Verschiebung der Spiele für Zusatzkosten in Milliardenhöhe sorgen, sondern auch, dass die Mehrheit der japanischen Bevölkerung ob ihrer gesundheitlichen Bedenken gegen die Austragung von Olympia sind. Das große Fest, das Olympia regelmäßig werden soll, könnte schon daher nicht wie erhofft stattfinden, weil die Menschen schlicht gar keine Lust haben mitzufeiern.

Die Macher haben längst den Kontakt zur Bevölkerung und den Fans verloren

Dies ist eine Realität, die die Offiziellen von Tokyo 2020 seit der Verschiebung im März noch immer lernen müssen. Ihre größte Herausforderung wird es daher sein, den schwierigen Spagat zwischen dem Bemühen um Normalität und der negativen Stimmung zu schaffen. Eines zeigt dieser Konflikt schon jetzt: Die Macher haben längst den Kontakt zur Bevölkerung und den Sportfans verloren.

Und Thomas Bach? Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitee versichert, es werden keine Impfpflicht für die Tokio-Spiele geben. Der Tauberbischofsheimer zeigt sich aber optimistisch. Auch, weil er glaubt, von Schnelltests zu profitieren. Trotzdem sagt er: "Impfungen sind kein Allheilmittel." Ein wahrer Satz.

 

Stefanie Wahl

Stefanie Wahl

Leiterin der Sportredaktion

Sport bedeutet mehr als Sieg und Niederlage: Seit 2005 leitet Stefanie Wahl das Ressort bei der Stimme. Die ehemalige Leichtathletin beschäftigt sich mit Wintersport und fungiert seit 2007 als Geschäftsführerin der Sporthilfe Unterland e.V.

Andreas Öhlschläger

Andreas Öhlschläger

Sportredakteur

Andreas Öhlschläger ist seit 2000 Sportredakteur bei der Heilbronner Stimme.

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