Damals, als der VfB noch konstante Klasse bot

Sportgeschichte  Beim Blick ins Zeitungsarchiv zeigt sich in dieser Woche vor 18, 36 und 54 Jahren: Zwei überraschende Meisterschaften und ein Sonnenkönig im Kampfmodus.

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Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen schier unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Was bestimmte das Sportgeschehen in der 22. Kalenderwoche vor 18, 36 und 54 Jahren.

1966: Der Star-Trainer der 60er-Jahre trug sein Herz auf der Zunge. Der Österreicher Max Merkel war für seine Sprüche berühmt und berüchtigt. Mit 1860 München stand er Ende Mai 1966 kurz vor dem Gewinn der deutschen Meisterschaft. Durch einen 2:0-Sieg in Dortmund eroberten die Löwen am vorletzten Spieltag die Tabellenführung zurück. "Dös hab' i g'wusst", triumphierte der damals 47-Jährige, "i hab' d' beste Mannschaft." Eine Woche zuvor beim 3:3 zu Hause gegen Mönchengladbach hatte der Coach mit dem "Wiener Cassius-Clay-Zungenschlag" (HSt) noch geunkt: "Da kann man nicht mehr helfen. Immer wenn's um d'Wurst geht, versag'n wir."

Anhand von Merkels "Wörterspielen" und "360-Grad-Kehrtwenden" ließ die Stimme am 26. Mai die Saison der Sechziger Revue passieren. Nach einem 2:0-Sieg in Bremen sah der spätere "Bild"-Kolumnist schon "ein Abonnement auf den ersten Platz winken". Nach einer 0:3-Derbypleite gegen die Bayern jammerte er: "Grausam g'schpuilt ham's. G'schpuilt wie anno dazumal. 1860 wie 1890."

Der Meistermacher der Löwen legte 1966 auch mal selbst Hand an: 1860-Trainer Max Merkel (links) massiert seinen Spieler Alfred Heiss.

Foto: imago-images/sportfotodienst

Doch am 28. Mai waren aus seinen "Chorknaben" durch ein 1:1 gegen den HSV doch noch "Meisterbuam" geworden. "Die Gentlemen von der Isar bitten jetzt zur Kasse...", titelte die Stimme am 31. Mai. 3000 D-Mark erhielt jeder der gerade mal 15 (!) Spieler im Kader. Die zehnfache Summe gab es für den Sprücheklopf-Meister Merkel. Kein Wunder, dass der frohlockte: "Wie man sich fühlt? I möcht sagen herrlich."

1984: Was dem VfB Stuttgart anno 2020 in Liga zwei fehlt, zeichnete ihn vor 36 Jahren im Fußball-Oberhaus aus. "VfB ein Meister konstanter Klasse", überschrieb die Stimme am 28. Mai den Schlussakt eines spannenden Titelrennens. "Gerade dort, wo die Konkurrenz Schwächen zeigte, demonstrierten Helmut Benthaus und sein Team Stärke", hieß es in der HSt-Analyse. Die Belohnung war die dritte deutsche Meisterschaft. Die großen Konkurrenten gossen gleich mal Wasser in den schwäbischen Wein. Es gebe keine Spitzenmannschaften mehr und der Titelgewinn sei nie leichter gewesen, tönten Udo Lattek (Bayern) und Ernst Happel (HSV). Bundestrainer Jupp Derwall urteilte: "Spannend war die Saison bestimmt - ob auch gut, ist eine andere Frage."

Damals, als der VfB noch konstante Klasse bot

Auf dem Gipfel: Nach neun Jahren im Amt feierte Gerhard Mayer-Vorfelder 1984 mit dem VfB Stuttgart die deutsche Meisterschaft.

Foto: imago-images/Sportfoto Rudel

Einem war das völlig egal. "Schäfer, hol" ein Glas und stoß" mit mir an", wies Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder seinen Geschäftsführer Ulrich Schäfer bei der Meisterfeier an. "Es war nicht das letzte, das die beiden leerten", merkte die Stimme an. Das Duo hatte den Schwaben nach dem Abstieg 1975 neues Leben eingehaucht und erhielt nun den "verdienten Lohn für eine konsequente Aufbauarbeit". MV sah den VfB bereits in die Phalanx der Münchner und Hamburger einbrechen: "Wir haben uns heute eingereiht in die Großen der Bundesliga." Doch es sollte wieder acht Jahre dauern, ehe der Titel an den Neckar zurückkehrte.

2002: 18 Jahre später gab MV eine deutlich unglücklichere Figur ab. Kurz vor Beginn der WM in Südkorea und Japan stoppte Fifa-Alleinherrscher Sepp Blatter beim Kongress in Seoul die Palastrevolution - und der DFB stützte den Patron aus der Schweiz. "Europa darf einfach den Führungsanspruch nicht aufgeben", lautete die wachsweiche Begründung von DFB-Präsident Mayer-Vorfelder.

Damals, als der VfB noch konstante Klasse bot

Zog 2002 den Kopf aus der Schlinge: Fifa-Boss Sepp Blatter.

Foto: Archiv/dpa

Fifa-Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen hatte seinen Chef Anfang Mai in einem Dossier der Misswirtschaft und Korruption beschuldigt - und damit den Aufruhr ausgelöst. Doch Blatter machte all seine Kritiker mundtot, indem er sie kurzerhand von der Rednerliste streichen ließ. Dann verkündete der damals 66-Jährige, dass die Fußball-Entwicklungshilfe nochmal um 40 Millionen Franken erhöht wird. So wurde er mit 139:56 Stimmen im Amt bestätigt - und ließ Köpfe rollen. "Am Freitag wird sich das Exekutivkomitee mit unserem Mister Proper befassen. Jetzt ist Schluss", drohte er in Richtung Zen-Ruffinen, der prompt seinen Rücktritt verkündete. "Der Tag, an dem der Fußball für Korruption stimmte", zitierte die HSt die "Daily Mail".

 

Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig. 

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