Couch statt Tribüne - Wo man Amateursport im Livestream erleben kann

Region  Nicht nur den ganz großen Sport gibt es im Internet live zu sehen, auch Vereine in unserer Region haben sich Gedanken gemacht, wie sie in Zeiten von eingeschränkten Hallen- und Stadionkapazitäten dennoch Zuschauer erreichen können. Wir haben die wichtigsten zusammengefasst und lassen Zuschauer zu Wort kommen.

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Auch bei manchen Amateur-Fußball-Spielen kann bequem von der Couch aus mitgefiebert werden. Foto-Montage: stimme.de

Der Spielbetrieb in der Region kommt langsam wieder in Gang. Bereits seit Ende August läuft der Amateurfußball, seit Anfang September gibt es in der Neckarsulmer Ballei wieder Bundesliga-Handball der Frauen zu sehen, seit vergangenem Wochenende ist Drittligist TSB Horkheim wieder aktiv. Die DEL 2 mit den Heilbronner Falken steht in den Startlöchern, am nächsten Freitag beginnt mit dem Auftakt zum "Get Ready"-Cup die heiße Phase der Saisonvorbereitung. 

Aufgrund der Corona-Pandemie sind jedoch überall die Hallen- und Stadionkapazitäten beschränkt. In den Sportstätten gelten strikte Hygieneregeln, die das Live-Sporterlebnis zweifellos beeinträchtigen. Manch einer meidet Hallen und Sportplätze aber auch aus reiner Vorsicht vor Ansteckungen.

In jedem Fall sind Alternativen gefragt, damit alle am sportlichen Geschehen Interessierte teilhaben können. Internet-Livestreams sind hierfür das perfekte Angebot. Einige gab es schon vor der Corona-Pandemie, viele sind erst seitdem entstanden. Manche dienen den Vereinen als zusätzliche Einnahmequelle, andere sind kostenlose Ergänzung. Wir haben die wichtigsten zusammengefasst und lassen auch Zuschauer zu Wort kommen.

Bequem von zu Hause aus zuschauen

Bernhard Bauer schätzt die Sport-Übertragungen im Internet. "Das ist ein bequemes und komfortables Angebot, das ich häufig nutze", sagt der frühere Präsident des Deutschen Handballbundes.

In dieser Saison hat sich der 69-jährige Leonberger bereits die Bundesligaspiele der Neckarsulmer Handballerinnen gegen Göppingen und Bietigheim angeschaut. Nicht immer sitzt er dabei gebannt vor dem Bildschirm. "Manche Spiele sind ja etwas zäh, dann mache ich nebenher noch anderen Dinge. Bei spannenden Spielen bleibe ich natürlich dabei." Zur Qualität der Streams kann das Ehrenmitglied der Sport-Union wenig sagen: "Ganz ehrlich, ich schalte den Kommentar meistens ab. Manches Geschwätz ärgert mich einfach."

Ralf Scherlinzky verfolgt regelmäßig per Stream die GT-Maters-Rennen des Erlenbachers Markus Pommer. "Das wird von Sport1 produziert, ist eine Qualität wie im TV", sagt der Heilbronner, der auf allen Sportplätzen zu Hause ist, das Magazin "Sport Heilbronn" herausgibt. In Coronzeiten, in denen Auswärtsfans zum Teil verboten sind, müsse zwangsläufig jeder Verein versuchen, seine Spiele zu streamen. "Das kann zwar das Stadionerlebnis nicht ersetzen und hat teilweise auch nicht die aus dem TV gewohnte Qualität, ist aber besser als nichts", so Scherlinzky – der vor einer Woche den Heimauftakt des Eishockey-Regionalligisten Eisbären Heilbronn per Stream verfolgt hat. 

Nette Summen durch SpradeTV

Seit 2016 werden alle Spiele der DEL 2 live im Internet auf Sprade.tv übertragen. "Es ist eine Pflicht, aber es lohnt sich auch. Am Ende der Saison bleibt eine nette Summe übrig", sagt Frederic Keck. Der Assistent der Falken-Geschäftsführung ist für den reibungslosen Streaming-Service verantwortlich. Für 6,50 Euro war in der vergangenen Saison eine Einzelübertragung zu bekommen. Es ließen sich aber auch mit gewissen Rabatten Pakete buchen, etwa nur die Spiele der Heilbronner Falken.

Das Angebot richtet sich von jeher vor allem an die Gästefans einer Mannschaft. Rund drei Viertel der Falken-Heimspiele wurden bisher von ihnen gebucht. Das gilt umso mehr in dieser Saison, wenn auswärtige Eishockeyanhänger gar nicht erst in die Halle dürfen. Doch auch viele Heimfans werden den Service in Anspruch nehmen, wenn nur ein Bruchteil der Hallenkapazität genutzt werden darf. "Die Übertragungen werden eine ganz wichtige Rolle spielen", ist Keck überzeugt.

In Heilbronn wird weiterhin Dirk Hausmann mit Sarah Kritzer die Spiele kommentieren. Es wird eine Führungs- und eine Übertor-Kamera geben. Geplant ist, zusätzlich zum Vorab-Interview auch noch Gespräche in den Drittelpausen anzubieten. "Wichtiger als weitere Kameraperspektiven ist, dass wir eine gute Qualität abliefern", sagt Keck. Denn die Übertragungen werden teurer. 9,99 Euro pro Partie sind angedacht.

Nicht nur ein schöner Service

Das Urteil von Michael Roll ist schnell formuliert: "Ein Gewinn für die Liga." Roll, Vorstand beim Handball-Drittligisten TSB Horkheim, findet es gut, dass die Spiele der 3. Liga jetzt flächendeckend im Streaming übertragen werden. Der Deutsche Handballbund (DHB) hat einen Drei-Jahres-Vertrag mit sportdeutschland.tv abgeschlossen. Das Ticket für eine Partie kostet 4,50 Euro, jeder Zuschauer kann entscheiden, welcher der beiden am Spiel beteiligten Vereine die Gebühr erhalten soll. Außerdem haben die Clubs die Möglichkeit, Sponsoren in die Übertragung einzubinden. "Wir dürfen pro 60 Minuten Sendezeit zehn Werbeminuten platzieren und diese selbst vermarkten", berichtet Michael Roll.

Ein schöner Service ist das Streaming der Spiele aus der 3. Handball-Liga gerade jetzt in Zeiten der Coronavirus-Pandemie für die Fans der Gäste, die aus Infektionsschutzgründen ja nicht zu den Spielen mitreisen dürfen. "Für die ist das natürlich eine richtig gute Variante, wenn sie den TSB oder einen anderen Club so anschauen können", sagt Michael Roll.

 Was ihn ein bisschen gefuchst hat ist, "dass der DHB das auf den letzten Drücker gemacht hat". Der TSB Horkheim hatte zuvor schon eine Partnerschaft mit HNX-TV vertraglich fixiert gehabt und wollte über diese Plattform einen kostenlosen Stream anbieten. "Jetzt produzieren sie die Bilder für sportdeutschland.tv."

Eine etablierte Partnerschaft

Die Streaming-Stimme bei den Bundesliga-Handballerinnen ist in Neckarsulm eine vertraute. Christian Saup hat sich als Hallensprecher der NSU-Männer empfohlen und kommentiert seit der vergangenen Saison gemeinsam mit Routinier Thomas Auerbach ehrenamtlich die kostenlosen Live-Übertragungen bei sportdeutschland.tv. Die flächendeckende Partnerschaft zwischen Streamingdienst und der Frauen-Bundesliga ist bereits eine etablierte. Doch zu Zeiten der Coronavirus-Pandemie ist sie wichtiger denn je.

"Es macht jetzt natürlich nochmal mehr Spaß, wenn man weiß, dass es auch darum geht, Fans zu versorgen, die coronabedingt nicht in die Halle kommen können. Wir versuchen deshalb alles, um sie möglichst nah dran sein zu lassen", sagt Saup. Seit Kindesbeinen ist er beim Handball dabei, hat im Verein viele Ämter durchlaufen, eine Schiedsrichterausbildung und den C-Trainer-Schein - jede Menge Hintergrundwissen also. Der Mann für die statistischen Werte im Stream ist Auerbach, der sich dafür stets bestens vorbereitet.

Um den Zuschauern digital noch mehr bieten zu können, wurde auch bei der Technik nachgebessert. In der Ballei kommt nun eine zweite Kamera am Spielfeldrand zum Einsatz. Die zeigt nicht nur zusätzliche Bilder und Emotionen, sondern auch die Pressekonferenz nach der jeweiligen Partie. Marc Körner ist dabei für Regie und Technik verantwortlich.

Mit hohem Aufwand

Die Verantwortlichen der Neckarsulmer Sport-Union setzen schon seit der Saison 2015/16 vermehrt auf Video-Berichterstattung. Bislang in Form von Zusammenschnitten, die am Tag nach dem Oberliga-Spiel auf Youtube angeschaut werden können.

"Aufgrund der aktuellen Begrenzungen rund um das Thema Publikum bei Fußballspielen haben wir uns auf die Suche nach Lösungen gemacht, die dem Fan die Heimspielatmosphäre nach Hause bringen sollte", sagt Ingo Doberstein, der Medienverantwortliche der NSU-Fußballer. Live ist eben live. Zudem geht es darum, fehlende Zuschauereinnahmen zu kompensieren. Fünf Euro werden pro Heimspiel wie an diesem Samstag (15.30 Uhr) gegen Dorfmerkingen fällig. Wer ein Abo bucht, erhält ein Spiel geschenkt. Die Auftakt-Partie gegen Bruchsal war als Testlauf noch kostenlos nutzbar. 3000 User waren dabei, im Pay-per-View-Modell und nun mit Zuschauern im Pichterichstadion sind es natürlich weniger. Rund 250 bis 400 waren es zuletzt.

Dass alles reibungslos verläuft, dafür sorgt der übertragende Video-Dienstleister HNX-TV um Michael Grond. Ein Kameramann sowie Regisseur Nick Meidinger übertragen das Geschehen mit zwei Helfern und großem technischen Aufwand vom grünen Rasen. Moderator Grond hat immer wieder aktuelle oder ehemalige Akteure als Co-Kommentator an seiner Seite. Buchen lässt sich das Ganze unter der Adresse www.the-leagues.com.

Ein Tablet genügt schon

Tischtennis im TV hat einen großen Nachteil. Es ist auf allerhöchstem Niveau zu schnell fürs menschliche Auge. Übertragungen müssten eigentlich in Zeitlupe erfolgen, um die schnellste Rückschlagsportart der Welt in ihrer Gänze zu erfassen. Sendezeiten und Quoten bei Eurosport und Sport 1 blieben in den vergangenen Jahren bei Bundesliga-Übertragungen häufig unter den Erwartungen der Sender. Tischtennis ist mittlerweile eine Online-Sportart. Die Zweitliga-Männer der Neckarsulmer Sport-Union haben bei ihrer Heimpremiere gegen den 1. FC Saarbrücken II erstmals die acht Einzel per Facebook-Live in alle Welt übertragen. Kostenlos einsehbar über die Facebook-Seite der Tischtennis-Abteilung. "Für uns geht es darum, zu schauen, wie viele Leute interessiert das überhaupt?", sagt Zweitligaspieler Julian Mohr. Die ersten Zahlen lesen sich positiv. 1200 Aufrufe hatten die Videos.

Im Vergleich zu anderen Sportarten hat Tischtennis fürs Streaming einen großen Vorteil. Eine festinstallierte Kamera pro Tisch reicht. Das minimiert den Aufwand. Ein Stativ mit einem Ipad darauf genügt. "Die Datenqualität in der Ballei ist sehr gut", sagt Julian Mohr. Andere Zweitligisten wie der TTC Jülich setzen auf sportdeutschland.tv. Eine Option, die auch in Neckarsulm auf dem Tisch lag. 3500 Euro kostet die Saison. "Wenn wir mal das Geld zur Verfügung haben, dann kann man das professionalisieren", sagt Julian Mohr.

 


Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

Andreas Öhlschläger

Andreas Öhlschläger

Sportredakteur

Andreas Öhlschläger ist seit 2000 Sportredakteur bei der Heilbronner Stimme.

Dominik Knobloch

Dominik Knobloch

Sportredakteur

Dominik Knobloch ging 2012 erstmals als Praktikant für die Heilbronner Stimme aufs Feld. Nach seinem Volontariat wurde er 2015 als Redakteur im Sportressort übernommen.

Florian Huber

Florian Huber

Autor

Florian Huber ist seit 2007 bei der Heilbronner Stimme. Als Sportredakteur ist er seitdem unter anderem zuständig für Fußball. Auf Sportplätzen der Region und in den großen Stadien der Republik.

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