Corona drückt auf die Stimmung

Ski nordisch  Auftakt bei der Vierschanzentournee in Oberstdorf: Zum ersten Mal in der Geschichte gibt es ein leeres Stadion statt eines ausverkauften Hexenkessels.

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So war es gestern, so ist es heute: Alle Plätze müssen leer bleiben.

Es ist ein lieb gewordenes Ritual geworden. Ein letzter Kick vor dem Auftakt. "Ich habe mir in Oberstdorf vor der Qualifikation immer die Zeit genommen, einmal aus dem Wärmeraum hinauszugehen und den Blick über das Stadion zu genießen", sagt Severin Freund. "Es ist extrem faszinierend, wie viele Leute da sind." Und unter Flutlicht einen Höllenlärm machen. Aber beim Auftakt der Vierschanzentournee mit der Qualifikation von Oberstdorf war gestern Abend alles anders, wie schon zuvor im Weltcup und bei der Skiflug-WM. Kein Kick für Severin Freund vor dem Auftakt. Sondern: Stille.

Sonst machen hier 25 000 Menschen Remmidemmi, wenn es wie heute (16.30 Uhr/ZDF und Eurosport) um den ersten von vier Tagessiegen geht. "Bei der Tournee ist es wirklich sensationell, wenn Zuschauer da sind. Man kann es sich wie in einem Fußballstadion vorstellen", sagt Markus Eisenbichler. Jetzt stehen hier ein paar Fans aus Pappe. Sie stehen sinnbildlich für das 10 000 Einwohner große Oberstdorf, über das Karl Geiger sagt: "So habe ich meine Heimatstadt selten erlebt, vielleicht mal im November, wenn die Hotels geschlossen sind. Es ist Lockdown, sehr unwirklich, merkwürdig. Es hat keine Touristen, keine Gäste, die zum Skifahren gehen. Sonst ist jetzt alles voll!"

Die Pandemie drückt auf die Stimmung

Corona drückt auf die Stimmung

Ohne (negativen) Test geht in Oberstdorf gar nichts: Hier geht"s lang.

Fotos: dpa

Die Pandemie mit all ihren Facetten drückt auf die Stimmung, gerade jetzt beim stimmungsvollen Jahres- und Schanzenwechsel zwischen Oberstdorf und Bischofshofen. Das Startverbot für das gesamte polnische Team wegen des positiven PCR-Tests von Klemens Muranka drückt aufs Gemüt (siehe Meldung rechts). Der Blick ins leere Stadion. Daniel Huber, derzeit Österreichs bester Skispringer, hat Mitte November vom Training am Bergisel über Innsbruck mit seinem scheinbar gordischen Autobahnknoten erzählt: "Es ist schwer, in ein leeres Stadion zu springen. Gerade am Bergisel. Da ist die Autobahn lauter als alles andere."

Klar sei jeder Springer absolut fokussiert, versuche alles um sich herum auszublenden, sagt der Neunte des Gesamtweltcups. Aber ein pulsierendes Stadion lässt keinen Sportler kalt. "Dass gerade nach der Landung, nach dem Wettkampf keine Fans da sind, ist extrem schade", sagt Daniel Huber.

Es wird die erste Tournee ohne Zuschauer

Es ist wie es ist. Und es ist vor allem erst einmal nicht zu ändern. Es wird die erste Tournee ohne Zuschauer. Was aus einem sportlichen Blickwinkel kein Nachteil sein muss. Weil weniger Trubel herrscht. Trainer Alexander Stöckl lacht und erzählt, dass seine Norweger in Garmisch-Partenkirchen stets im Hotel mit den Funktionären des Ski-Weltverbandes Fis untergebracht seien. "Deren Silvesterfeier fällt auch aus, es wird also ruhiger für uns." Der Sport stehe so ein bisschen mehr im Vordergrund - und nicht die Party drumherum.

Corona drückt auf die Stimmung

Sprung in ein Stimmungsloch: Pius Paschke gestern beim Trainingssprung vor der Qualifikation. Von den zwölf gestarteten Deutschen blieb lediglich Kilian Märkl auf der Strecke. Er ist heute beim ersten Springen nicht dabei.

Foto: imago images/Sammy Minkoff

Die Situation ist zwiespältig. Gerade für Markus Eisenbichler. "Ich hätte gerne Zuschauer da, denn das pusht", hat er im Oktober nach seinem ersten Titelgewinn bei deutschen Meisterschaften gesagt - in der damals noch mattengrünen Oberstdorfer Audi-Arena. Wo er versichert: "Emotionale Ausbrüche wird"s trotzdem geben." So wie gestern Abend im nassen, böigen Schneefall bei grenzwertigen Bedingungen. Aber nicht etwa nach einem guten Sprung, sondern im Interview mit dem ZDF: "Das war nicht tourneelike, sondern Kindergeburtstag", sagt Eisenbichler nach Platz 25 und meinte damit unter anderem die wegen der Corona-Auflagen lange Warterei am Lift.

Die Tournee bleibt trotzdem die Tournee

Ist die neue Ruhe im Stadion für den 29-jährigen deutschen Hoffnungsträger womöglich ein Vorteil? "Ja, ich denke schon, dass ihm das von seinem Wesen her hilft", sagt Bundestrainer Stefan Horngacher. "Markus ist vom Typ her so, dass er seine Ruhe braucht. Alle Störfaktoren um ihn herum, die abgestellt sind, können ihm helfen."

Corona drückt auf die Stimmung

Immerhin ein bisschen Stimmung: Pappfiguren auf der Haupttribüne.

Alles ist anders. "Die Tournee bleibt trotzdem die Tournee", glaubt Severin Freund, mit seinen 32 Jahren der Erfahrenste im heute elfköpfigen deutschen Team. "Ich glaube auch, dass die Faszination Tournee für die Zuschauer gleich bleibt."

Heute geht es richtig los.

Ein deutscher Physiotherapeut hat Corona

Ein Physiotherapeut des deutschen Skisprung-Teams ist positiv auf das Coronavirus getestet worden. Er sei für die nationale Gruppe zuständig, wie der Deutsche Skiverband (DSV) mitteilte. "Das war schon ein Schock", sagte Andreas Wellinger am Abend nach der Qualifikation bei Eurosport. Er und die anderen elf Athleten sowie das Trainerteam sind aber nicht betroffen. "Gemäß den Regularien des Veranstalters, des zuständigen Gesundheitsamtes und dem medizinischen Stab des Deutschen Skiverbandes wurden sofort alle notwendigen Schutz-Maßnahmen ergriffen", informierte DSV-Pressesprecher Ralph Eder. "Der betroffene Betreuer ist bereits wieder abgereist." red

 

Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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