Weltrekord in Eberstadt und eine Meisterschaft des VfR Heilbronn

Sport  Hochsprung-Weltrekord auf dem Dorf und eine rauchfreie Verbandsliga-Meisterschaft des VfR Heilbronn: Das waren zwei der Schlagzeilen in der (regionalen) Sportwelt, die sich in der 21. Kalenderwoche des jeweiligen Jahres ereigneten.

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Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen nahezu unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Was bestimmte das Sportgeschehen in der 21. Kalenderwoche vor 59, 41 und 24 Jahren?

Der Rappan-Pokal, ein fast vergessener Wettbewerb

1962: Der Rekordsieger dieses europäischen Fußballwettbewerbs ist Slovnaft Bratislava mit zwei Titelgewinnen. Der letzte und einzige deutsche Sieger war Eintracht Frankfurt. Von welchem Europapokal hier die Rede ist, wäre was für die Millionenfrage bei Günther Jauch. Das Archiv der Stimme liefert die Antwort: "Deutschland mit vier Vereinen beim Rappan-Pokal", lautete die Schlagzeile am 24. Mai 1962.

Der Schalker Waldemar Gerhardt beim Rappen-Pokalspiel gegen IF Degerfors. Foto: imago-images

Der Hintergrund für den nach dem legendären Schweizer Nationaltrainer Karl Rappan benannten Wettbewerb wird ebenfalls erläutert: "Den internationalen Toto-Gesellschaften sollen für die spielarme Zeit in den Monaten Juni und Juli Termine für die Toto-Zettel verschafft werden. Es handelt sich also um einen zweckbestimmten Spielbetrieb." Da sich damals lediglich die Landesmeister und Pokalsieger sowie Städte mit großen Handelsmessen auf europäischer Bühne präsentieren konnten, war der Rappan-Pokal für andere ambitionierte Vereine eine gute Gelegenheit für internationale Auftritte.

Bei der Erstauflage 1961 war Deutschland mit dem illustren Sextett Schalke 04, Kickers Offenbach, Borussia Neunkirchen, VfL Osnabrück, FK Pirmasens und Tasmania Berlin vertreten. "Sie spielten eine klägliche Rolle", kommentierte die Stimme unverblümt.

Das deutsche Quartett für die Austragung 1962/63 machte es nicht besser: Bayern München, Kaiserslautern, Rotweiß Oberhausen und der VfL Hildesheim schieden allesamt in der Vorrunde aus. Slovnaft Bratislava sicherte sich in zwei Endspielen gegen Padua seinen ersten Titel.

Hochsprung-Weltrekord in Eberstadt

1980: "Weltrekord auf dem Dorf - das gab's noch nie", jubilierte Stadionsprecher Peter Schramm. Er hatte allen Grund dazu, wie die Stimme am 27. Mai titelte: "Weltrekord in Eberstadt - Wszola übersprang 2,35 Meter". Der polnische Olympiasieger führte seinen bis dahin einmaligen Höhenflug auf die besondere Atmosphäre der Veranstaltung zurück: "Ich spürte, dass dieses Publikum hier die Leichtathletik mag und dass sie sich alle über diesen Rekord nicht weniger freuten als ich mich selbst."

Der 24-jährige Sportstudent aus Warschau war bei der zweiten Auflage des Hochsprung-Meetings vor "3000 Zuschauern im Unterländer 3000-Seelen-Weinort" (Stimme) der einzige ausländische Starter. Die deutsche Elite war geschlagen. "Der Olympia-Boykott hat unsere Motivation gefressen", sagte Carlo Thränhardt.

Blick ins Stimme-Archiv: Der fast vergessene Europapokal
Jacek Wszola überspringt die Weltrekordhöhe von 2,35 Metern. Foto: Archiv/Krüger

Am 15. Mai hatte das Nationale Olympische Komitee beschlossen, keine Sportler zu den Spielen nach Moskau zu entsenden. Bundestrainer Dragan Tancic war sogar überzeugt: "Ich brauche sechs bis acht Wochen, um die Jungen neu aufzubauen." Doch weit gefehlt. Nur einen Tag später egalisierte Dietmar Mögenburg im saarländischen Rehlingen die Weltrekordhöhe. In Eberstadt war der Leverkusener ebenso wie Thränhardt an 2,31 Metern gescheitert.

"Der Weltrekord war schon eine Überraschung", erinnert sich Schramm an dieses frühe Glanzlicht in der 40-jährigen Meeting-Geschichte. "Toll war, dass Wszola bei Wettkämpfen in den folgenden Jahren immer wieder unser T-Shirt trug und so zum kostenlosen Werbeträger wurde."

Walla stößt das Tor zur Oberliga auf

1997: Nach zehn langen Jahren in der Verbandsliga gelang endlich der Sprung zurück in Baden-Württembergs höchste Spielklasse. "Walla stößt das Tor zur Oberliga auf", titelte die Stimme am 26. Mai. Zwei Tage zuvor hatte sich der VfR Heilbronn mit einem hart erkämpften 2:1-Heimsieg gegen den VfL Sindelfingen die Meisterschaft gesichert.

Abteilungsleiter Charlie Hrynda fasste die Erleichterung nach einer Dekade vergeblicher Anläufe in Worte: "Wir hatten in den vergangenen Wochen viele schlaflose Nächte, jetzt aber werden hoffentlich wieder erfolgreichere Zeiten für den VfR anbrechen." Auch Stimme-Redakteur Uwe Ralf Heer kommentierte optimistisch: "Der Aufstieg ist die Chance, dem Fußball in diesen Breiten wieder zu neuer Blüte zu verhelfen, langfristig den Blick nach oben zu richten."

Blick ins Stimme-Archiv: Der fast vergessene Europapokal
Peter Wagner verpasst seinem Trainer nach dem Oberliga-Aufstieg des VfR eine Sektdusche. Foto: Archiv/Veigel

Der scheidende Aufstiegstrainer Gerd Störzer zog am 28. Mai ein bemerkenswertes Saisonfazit: "Man kann sich menschlich keine bessere Truppe wünschen. Ich hatte noch nie eine Mannschaft ohne Raucher, auch das war ein Novum."

"Richtig was gerissen" - wie von Youngster Peter Wagner prophezeit - bekam die rauchfreie Truppe unter Günter Major (ab der Rückrunde Otto Frey) in der folgenden Oberliga-Saison allerdings nicht. Es ging gleich wieder zurück in die Verbandsliga.

Pfeifen-Skandal in Reutlingen

Jeder Amateurfußballer hat die Situation schon erlebt: Zwei spielbereite Teams warten vergeblich auf den Schiedsrichter. So war es auch bei einem A-Jugendspiel in Reutlingen, über das die Stimme am 29. Mai 1980 berichtete. Glücklicherweise befand sich unter den Zuschauern des gastgebenden Vereins ein Unparteiischer, der bereit war die Spielleitung zu übernehmen. Ein Mitglied des Gastvereins stellte noch seine Pfeife zur Verfügung - bis hierhin ein Musterbeispiel gelebten Fair Plays.

Doch bedauerlicherweise verflog die friedliche Atmosphäre sehr schnell. Die Gäste fühlten sich vom Heim-Schiri verschaukelt. Schließlich rannte der Pfeifen-Eigentümer kurzentschlossen aufs Spielfeld und entriss dem Referee sein wichtigstes Utensil mit den Worten: "Das kann ich nicht dulden, dass sie mit einer Pfeife so einen Dreck pfeifen." Die Folge: Das Spiel musste abgebrochen werden.

 

„Der fast vergessene Europapokal“ ist nicht nur so gut wie vergessen, sondern auch noch verschollen 

Die Trophäe des nach Karl Rappan benannten Intertoto-Wettbewerbs, der von 1961 bis 1967 ausgetragen wurde, befindet sich nicht im Museum von Eintracht Frankfurt.

Der hessische Bundesligist hatte als letzter Gewinner den Pokal behalten dürfen. Museumsleiter Matthias Thoma erklärte auf Stimme-Anfrage, dass er keine Hinweise über dessen Verbleib habe. Lediglich eine kleine Nachbildung befände sich im Archiv, allerdings mit einer fehlerhaften Gravur, die den Eintracht-Titelgewinn auf das Jahr 1966 statt 1967 datiert.

Möglicherweise sei das Original, das einen Torhüter bei einer Parade zeigt, an den Verband zurückgegangen oder einem verdienten Spieler als Erinnerung überlassen worden. Ähnliches könnte mit einer weiteren verschollenen Trophäe geschehen sein. Dem Flutlichtpokal, den die Frankfurter im Jahr 1957 gewonnen haben.

Der Präsident vom Lokalrivalen Kickers Offenbach hatte den nur zwei Mal ausgetragenen Einladungs-Wettbewerb für Vereine initiiert, die über eine damals neuartige Fluchtlichtanlage verfügten. Im Endspiel 1957 traf die Eintracht auf Schalke 04. Hin- und Rückspiel endeten Unentschieden, wodurch eine einmalige Regel zur Ermittlung des Siegers griff: das Eckenverhältnis. Das ging mit 8:6 an die Hessen. Es dürfte das einzige Spiel im Waldstadion gewesen sein, bei dem die Fans jeden Eckball für die Heimmannschaft frenetisch gefeiert haben.

 

Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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