Ann-Kathrin Lindners Ritt in die Selbstständigkeit

Reitsport  Das Ilsfelder Dressur-Ass pachtet mit ihrem Bruder Pascal Lindner den Hof von Jürgen Kurz in Leingarten - und startet am Wochenende beim Finale des Piaff-Förderpreises.

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Fritz schaut frech wie Oskar: Kaderdressurreiterin Ann-Kathrin Lindner hat mit Sunfire, gerufen Fritz, im September bei U?25-Prüfungen in Balve gewonnen. Auf dem Schafhof in Kronberg soll es am Samstag und Sonntag nicht anders sein.

Foto: Archiv/dpa

Ann-Kathrin Lindner geht mit der großen Veränderung nicht hausieren, was nicht heißt, dass sie nicht hinter der Entscheidung stehen würde. Erst auf Nachfrage im Laufe des Gesprächs sagt die 24-jährige Physiotherapeutin den Satz, der immer Folgen hat: "Ich habe gekündigt. Ich mache mich selbstständig: mein Bruder, seine Freundin und ich." Am Zweiten Weihnachtsfeiertag ziehen Ann-Kathrin Lindner und Springreiter Pascal Lindner mit ihren Pferden vom Stall des RV Heilbronn nach Leingarten. "Wir pachten die Anlage von Jürgen Kurz." Das wird ein (Weihnachts-)Fest, eine der besten Dressurreiterinnen Deutschlands wagt den (Sch)Ritt in die Selbstständigkeit. Erst seit ein paar Tagen ist alles fix.

Job gekündigt

Vom 1. Februar an werden in der Physio-Praxis am Traubenplatz in Weinsberg keine Termine mehr bei Ann-Kathrin Lindner zu bekommen sein. Ihre Chefinnen Birgit Bosle und Ingrid Voosen stehen hinter Lindners Entschluss, wie sie sagt: "Sie haben es schon lange geahnt und meinten: Mach´s einfach." Das ist einfacher gesagt als getan, oder? "Ich fühle mich mit der Entscheidung schon gut", sagt die im Sommer mit Gold, Silber und Bronze von den U 25-Europameisterschaften in Ungarn zurückgekehrte Ilsfelderin. "Aber wir werden etwa ein Jahr brauchen, bis alles laufen wird."

Auch Ulrike Gutermann kann den Schritt gut verstehen: "Schade - aber es ist sinnvoll, etwas Eigenes zu haben", sagt die Vorsitzende des RV Heilbronn, bei dem die Lindners für ein Jahr ihre Pferde im Stall stehen hatten und für den sie 2020 auch gestartet sind. Künftig wird Ann-Kathrin Lindner übrigens für den RV Ilsfeld satteln. Aber noch nicht am Wochenende auf dem Schafhof in Kronberg in der Nähe von Frankfurt. Es ist das Finale um den Preis der Liselott-Schindling-Stiftung zur Förderung des Dressurreitsports, kurz das Finale des Piaff-Förderpreises, das der U 25 vorbehalten ist. Natürlich reitet sie Sunfire. Das kongeniale Duo hat nicht nur in Ungarn, sondern auch bei den vorherigen Piaff-Prüfungen geglänzt.

Schwierige Prüfung, schwierige Bedingungen

Auf dem Gestüt Schafhof geht es aber noch eine Kategorie schwerer zur Sache, es warten zwei S***-Prüfungen. "Es ist ein neuer Tag, alles muss funktionieren", weiß Lindner, die wegen der Pandemie zuletzt nicht so viel trainieren konnte - aber trotz Corona nach wie vor trainieren darf. "Ich habe eine Ausnahmegenehmigung", sagt die Kaderathletin, die ein Mal die Woche in die Halle darf - morgens um sechs Uhr.

Die junge Reiterin klagt nicht: "Es geht allen so." Auch was die noch strengeren Rahmenbedingungen des finalen Turniers des Jahres betrifft: Nur mit negativem Schnelltest sei man dabei, zudem sie diesmal nur eine weitere Person als Begleitung erlaubt. "Das ist echt wenig", sagt Lindner, die normalerweise von ihren Eltern und Trainer Karl-Heinz Streng begleitet wird. Die Wahl fiel auf: "Meine Mama."

Pläne mit Bundestrainer besprochen

So oder so weiß Ann-Kathrin Lindner, was zu tun ist. So oder so ist es ein komisches Jahr, das zu Ende geht, "wobei wir Reiter uns nullkommanull beschweren". Aber sie habe "schon Angst, dass das nächste Jahr auch nicht besser wird".

Am Montag haben beim digitalen Aktiventreffen Deutschlands beste Dressurreiter mit den Bundestrainern die Pläne für 2021 durchgesprochen. "Ich hoffe, ab Ende Februar, Anfang März Turniere reiten zu können", sagt Ann-Kathrin Lindner. Sie hat drei Ziele: "Ich würde gerne noch einmal die U 25-EM reiten, die in Deutschland stattfinden soll, richtig, richtig gerne die U 25-Prüfung beim CHIO in Aachen und die erstmals ausgetragene U 25-DM." Einiges ist vertraut, viel neu. Auch im Stall.

Kurz gibt Verantwortung ab

"Gerade beim Stallmanagement werden wir einiges lernen müssen. Aber gut, dass meine Eltern auch mit dabei sind." Und Jürgen Kurz zur Seite steht. "An meiner Arbeit wird sich nicht viel ändern, ich gebe etwas Verantwortung ab", sagt der 62-jährige Landestrainer Springen, der weiterhin seine eigenen Pferde im Stall stehen haben wird und weiterhin mit der Leingartener Nachwuchsspringreiterin Sophia Luisa Aland arbeiten will. Jürgen Kurz sagt: "Mein Stall ist mein Baby." Das jetzt in jüngere Hände kommt - in Physiotherapeutinnenhände.


Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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