Ann-Kathrin Lindner misst sich künftig mit Isabell Werth

Reitsport  Aus Arbeit wird Kunst: Ann-Kathrin Lindner wechselt von der U25 in den Seniorenbereich. Es ist nicht der einzige Umzug, der derzeit auf dem Programm steht.

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Schöne Kulisse in Ludwigsburg: Das ist erst das dritte Mal, dass sich Ann-Kathrin Lindner und Sunfire auf Grand-Prix-Niveau präsentieren.

Foto: imago-images/Pressefoto Baumann

Ann-Kathrin Lindner hat gut zu tun, sie zieht gerade um. Nicht schon wieder mit ihren Pferden - mit denen ist die Dressurreiterin auf der Anlage von Jürgen Kurz in Leingarten in den vergangenen Wochen erst so richtig angekommen. Zum Jahreswechsel hatte sich die 25-Jährige vom RV Ilsfeld zusammen mit ihrem Bruder Pascal selbstständig gemacht, den Stall gewechselt. "Wir haben einiges umgebaut. Fritz hat letzte Woche eine richtige Villa bekommen, eine fünf auf dreieinhalb Meter große Box", sagt Ann-Kathrin Lindner über ihren kongenialen Partner Sunfire, genannt Fritz.

Umzug von Ilsfeld nach Kleinbottwar

Auch sie selber bekommt ein neues Zuhause, zieht gerade von Ilsfeld nach Kleinbottwar. Das passt in die Zeit der Weggabelungen: Ab dem Jahreswechsel startet die ausgebildete Physiotherapeutin nicht mehr in der U 25, sondern bei den Senioren. Plakativ gesprochen: Künftig muss sich die mehrfache Europameisterin mit den Olympiasiegerinnen Isabell Werth, Jessica von Bredow-Werndl und Dorothee Schneider messen. "Das zeigt, wie riesig der Sprung ist", sagt Ann-Kathrin Lindner, schiebt aber selbstbewusst nach: "Man traut uns zu, den Anschluss zu finden." Als Kaderreiterin steht sie im regelmäßigen Austausch mit den Bundestrainern. "Und die waren am Wochenende sehr zufrieden mit uns."

Übermotivierter Fritz in Ludwigsburg

Beim Internationalen Ludwigsburger Dressurfestival präsentierte sich das Paar im Grand Prix, einer Vier-Sterne-"Senioren"-Prüfung und belegte Platz zwölf - Dorothee Schneider wurde Vierte. "Es hat echt gut geklappt, wobei Fritz etwas übermotiviert war, was mich sehr gefreut hat", sagt Ann-Kathrin Lindner zur erst dritten gemeinsamen Prüfung auf diesem Niveau nach dem Finale des Piaff-Förderpreises 2020 vor einem Jahr und dem Turnier in Pforzheim Anfang des Jahres. "In vier Wochen starten wir noch in Zweibrücken." Dann ist erst einmal Pause. Wobei noch offen ist, wo das Finale des Piaff-Förderpreises 2021 stattfinden wird, nachdem das Turnier in der Stuttgarter Schleyerhalle erneut wegen der Pandemie ausfällt. Auch das Münchner Hallenturnier wurde abgesagt.

Großer Schritt in der Entwicklung

Doch die junge Frau aus Ilsfeld beziehungsweise Kleinbottwar ist guter Dinge. "Wir müssen das machen", sagt sie mit Blick auf den zwölfjährigen Hengst und die schwereren Prüfungen. "Das ist der nächste Schritt." Es ist ein großer. Grand Prix sowie Grand Prix Special sind im Vergleich zum Kurz-Grand-Prix nicht nur ein, zwei Minuten länger, sondern auch schwerer, "weil die Abfolgen der Lektionen wesentlich schneller sind", erklärt Ann-Kathrin Lindner. Außerdem habe beispielsweise eine Piaffe in der U 25 einen Spielraum von einem Meter, bei den Senioren müsse sie auf den Punkt sein. Ist das nun eher Arbeit oder Kunst? "Jahrelange Arbeit, um dahin zu kommen", sagt Lindner, "und jetzt ist es Kunst, doch."

Die Kunst ist es auch, mehrere gute Pferde im Stall zu haben. Ann-Kathrin Lindner kümmert sich derzeit um "elf, zwölf" von "acht verschiedenen Besitzern"; insgesamt bewegen die Lindners jeden Tag knapp 20 Pferde. Nein, Sunfire gehört ihnen nicht. "Ich bin glücklich und dankbar für die Zeit", sagt Ann-Kathrin Lindner. Wie es weitergeht, bestimmt nicht sie, aber Ziele hat sie als baldige Seniorin: "Ich wünsche mir, mit Fritz den einen oder anderen internationalen Einsatz zu haben. Und mit Lord of Dance und L'ansamur möchte ich gut in die Drei-Sterne-Tour reinfinden."

Deutsche Meisterin und dreimal EM-Vierte

Die Zeit des Neuanfangs ist auch die Zeit des Abschieds. Ann-Kathrin Lindner hatte eine ausgesprochen erfolgreiche Zeit als U 25-Reiterin. Im Juni gewann sie in Balve die erstmals ausgetragene deutsche Meisterschaft in dieser Altersklasse, Anfang September war sie in Hagen zum dritten Mal in Serie bei den Europameisterschaften dabei. Dass sie erstmals ohne Goldmedaille nach Hause kam, drei Mal im Viereck Vierte wurde, habe erst einmal gemischte Gefühle geweckt. Aber sie war drei Mal bei der EM - mehr geht in der U 25 nicht. "Es war eine sehr intensive Zeit", sagt Ann-Kathrin Lindner. "Aber jetzt ist es Zeit für etwas Neues." Es ist Zeit für den einen oder anderen Umzug.

 

Zwei Könner und ein Projekt

"L'ansamur gehört unter U 25-Meisterin Ann-Kathrin Lindner zweifelsohne zu den vielversprechendsten Nachwuchspferden Baden-Württembergs", hat das "Reiterjournal" im Juli geschrieben. Die Dressurreiterin ist besonders stolz auf die Auftritte ihrer jungen Pferde beim Landeschampionat 2021. Der achtjährige Rappwallach "ist vom Nervenkostüm her für den großen Sport gemacht, konzentriert sich aufs Wesentliche". Lindner hat ihn seit eineinhalb Jahren. Mit dem neunjährigen Lord of Dance arbeitet sie seit vier Jahren, der Wallach ging dieses Jahr seine erste schwere Drei-Sterne-Prüfung. Kürzlich habe sie sich ein junges Pferd gekauft, das quasi aufgegeben worden sei. Lindners Projekt: Es an den Sport heranführen. 


Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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