Amateurvereine vor dem Re-Start

Sport  Die neuen Bestimmungen des Landes Baden-Württemberg ermöglichen ab 1. Juli in allen Sparten eine Rückkehr zum Sport.

Von unserer Redaktion
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Athleten, Trainer, Funktionäre und Fans sehnten sie herbei, doch die Pressemitteilung über weitreichende Lockerung im Vereinssport, die am Donnerstagnachmittag vom Kultur- und Sportministerium Baden-Württemberg verschickt wurde, kam zum jetzigen Zeitpunkt doch überraschend. Ringen, Fußball im Modus elf gegen elf, das Turnen, Volleyball – ab nächsten Mittwoch ist alles wieder möglich, natürlich noch unter Einhaltung gewisser Hygiene-Bestimmungen. Wie reagieren die Vereins- und Verbandsvertreter auf die Lockerungen?

Fußball: "Total überrascht" sei er gewesen von der Dynamik der Sache, erzählt ein bestens gelaunter Thorsten Damm. Der Sportliche Leiter des Oberligisten Neckarsulmer Sport-Union hatte nicht erwartet, dass die Corona-Zügel so schnell gelockert werden, zumal er noch am Mittwoch vom WFV die Aussage erhielt: "Freundschaftsspiele werden auf absehbare Zeit keine stattfinden können." Auch wenn er dem "Corona-Frieden" noch nicht gänzlich traut, sagt Damm: "Im Prinzip gehe ich jetzt davon aus, dass Anfang September, plusminus eine Woche, die Saison startet. Stand jetzt werden wir so planen."

Just am Mittwoch, wenn NSU-Trainer Marcel Busch seinen Spielerkader zum ersten Training in der Vorbereitung auf die Saison 2020/2021 versammelt, darf wieder aktiv um den Ball gekämpft werden. "Ohne Abstand, Spielformen, Zweikämpfe – das ist ja richtig Fußball", freut sich Busch. "Ich sehe das als gute und runde Sache."

In einer Pressemitteilung des Württembergischen Fußballverbandes steht: "Spiele im elf gegen elf zwischen Mannschaften verschiedener Vereine können ab 1. Juli 2020 unter den in der Verordnung genannten Voraussetzungen nach staatlichem Recht wieder ausgetragen werden, dies mit bis zu 100 Zuschauern unter Beachtung des Abstandsgebots von 1,5 Metern; Ligabetrieb und Wettkampfserien erfordern ein Hygienekonzept. Freundschaftsspiele sind verbandsrechtlich wieder erlaubt und können beantragt werden; Schiedsrichter werden eingeteilt; auch kleine Turniere (Blitzturniere) mit maximal vier Mannschaften können stattfinden. Die Fortsetzung der Bezirkspokal-Wettbewerbe 2019/20 ist den Bezirken freigestellt."

Ringen: "Dass es mit dem Training auf der Matte wieder losgeht, ist für uns ein sehr positives Zeichen", freut sich der Ringer-Bezirksvorsitzende Hans Michael Raiser, schränkt aber ein: "Was mögliche Wettkämpfe betrifft, stehen noch viele Fragen im Raum." Training und Ligenbetrieb, da gibt es erhebliche Unterschiede.

Amateurvereine vor dem Re-Start

"Viele Funktionäre haben Angst. Ich habe Rückmeldung von einem Verein aus der untersten Liga, die daran festhalten, nicht ringen zu wollen, weil die Sportler verunsichert sind", sagt Raiser. "Die kleinen Vereine stehen mit dem Rücken zur Wand. Die Verantwortung für 15, 20 Athleten zu tragen, ist doch sehr groß. Wenn da etwas passiert, kann ein Verein auch schon mal daran zerbrechen."

Erschwerend kommt hinzu, dass auch schon in der Landesliga Ringer aus dem Ausland für ein Kampf-Wochenende nach Deutschland einreisen. Vor allem bei Legionären aus dem Osten von Europa spielt auch hier der Risikofaktor eine Rolle. Und somit sind für Raiser, die "Lockerungen ein Segen, aber keine Garantie dafür, dass ab September ein Ligenbetrieb stattfinden kann".

Leichtathletik: Seit Mitte der 80er Jahre trägt der TV Flein seine Ferien-Abendsportfeste im Stadion aus. In diesem Jahr wird es nichts werden mit dem beliebten Treff. "Die Auflagen sind noch immer hoch", sagt Gustav Jenne, der im vergangenen Jahr die Leitung der Abteilung nach mehr als einem halben Jahrhundert abgegeben hat. "Der Aufwand ist zu groß, die Anzahl der Athleten begrenzt. Da stellen sich viele Fragen", meint der 84-Jährige. Daher laufen derzeit auch keine Ausschreibungen. Soll heißen, dass wohl auch das Mehrkampf-Wochenende im Herbst ausfallen wird.

Basketball: Für Matthias Götz sind die Lockerungen deutlich umfangreicher als erwartet. "Wir können wieder komplett sportartspezifisch trainieren, haben zahlreiche Möglichkeiten und wieder den Glauben an einen Saisonbeginn Ende September", sagt der Marketingmanager der TSG Reds Heilbronn.

Amateurvereine vor dem Re-Start

Auch so kontaktintensive Sportarten wie das Ringen dürfen in Baden-Württemberg wieder ausgeübt werden. Doc h hier ist die Freude bei den Vereinen geteilt.

Foto: Bertok

Bereits seit Mitte Juni sind die Oberliga-Männer wieder in der Mörikehalle aktiv, nachdem die Stadt das Hygienekonzept des Clubs genehmigt hatte. "Aber eigentlich war es nur Athletik- und Techniktraining. Jeder hatte seinen eigenen Ball dabei. Es gab kein Passen, keinen Austausch", blickt Götz zurück. Dank der neuen Verordnung beginnen die Heilbronner nun auch wieder mit dem Jugendtraining. ????Da die Reds mit ihrer ersten Mannschaft ohnehin maximal vor 420 Zuschauern spielen, sind auch die Karten für einen normalen Saisonstart ganz gut. Doch Matthias Götz gibt zu bedenken: "Entscheidend ist, unter welchen Auflagen Publikum erlaubt ist, da muss man dann wirtschaftlich abwägen."

Handball: Auch der Handball-Verband Württemberg (HVW) ist von den neuen Lockerungen überrascht worden. "Wir hatten gerade einen Fahrplan entwickelt, der jetzt hinfällig ist", sagt Michael Roll. Der HVW-Ausschussvorsitzende Spieltechnik freut sich aber: "Es sieht so aus, dass wir pünktlich im September mit der neuen Runde starten können." Da jetzt wieder mit Vollkontakt trainiert werden darf, können die Vereine ihr Vorbereitungsprogramm wie geplant durchziehen.

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Im Handball darf wieder zugepackt werden, wie es hier Weinsbergs Max Schulze (re.) gegen Neckarsulms Felix Trumpp vorführt.

Foto: Archiv/Veigel

Derzeit fragt der Verband die Ist-Situation bei all seinen Vereinen ab, um ein detailliertes Bild zu erhalten. Von Kommune zu Kommune sind die Hygieneregeln unterschiedlich streng. "In einer Halle bei Ulm muss nach jedem Training der komplette Boden desinfiziert werden", weiß Roll. Die Zuschauerbeschränkungen sind aus seiner Sicht bis einschließlich zur Oberliga umsetzbar. "Für uns ist nur klar, dass es keinen Handball ohne Zuschauer geben kann." Die Vereine lebten schließlich von diesen Einnahmen. 

 

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