Als Ilsfeld Fußballgeschichte schrieb und Jens Lehmann noch gefeiert wurde

Sport  Ilsfeld schrieb Fußballgschichte, als Jens Lehmann vor elf Jahren im Heilbronner Unterland seine Abschiedsvorstellung gab. Damals noch auf Händen vom Platz getragen und gefeiert, steht er heute scharf in der Kritik.

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Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen nahezu unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. Was bestimmte das Sportgeschehen in der 19. Kalenderwoche vor 56, 37 und 11 Jahren?

1965: Meilenstein im Heilbronner Reitverein

Rund 200 geladene Ehrengäste, hochkarätige Festredner und eine dreistündige Veranstaltung: Die Einweihung der neuen Halle des Heilbronner Reitvereins legte seiner Zeit einen Meilenstein für die Entwicklung des Reitsports im Unterland. Für insgesamt 160.000 Mark, wie aus einem Bericht in der HSt vom 10. Mai 1965 hervorgeht, wurde die Halle auf 20 mal 40 Meter, "auf das für nationale Turniere verlangte Maß", vergrößert.

Der Reitsport sei auf dem besten Weg, "aus seiner Exklusivität heraus in die Sonne der Popularität zu finden", versprach Horst Niemack, der maßgeblich am Wiederaufbau des deutschen Reitsports beteiligt war, eine goldene Zukunft. Und Heilbronns damaliger Oberbürgermeister Paul Meyle bedankte sich beim Reitverein, "dass er trotz aller Schwierigkeiten den Mut nicht verloren hat in seiner Arbeit, die Freude am Pferd lebendig zu halten". Worte, die heute, 56 Jahre später, in Zeiten von coronabedingten Turnier-Absagen und dem tödlichen Herpes-Virus aktueller denn je zu sein scheinen.

1984: Der geplatzte Traum von Olympia

Harald Schmid (vorne) und Edwin Moses bei Olympia 1984. Foto: Archiv/Athenstädt

Es war eine Nachricht, die weltweit für Schlagzeilen sorgte und nicht zuletzt die DDR vor eine politische Zerreißprobe stellte. Am 8. Mai gab die Sowjetunion bekannt, nicht an den olympischen Spielen teilzunehmen. Die Absage war die Vergeltungsmaßnahme für den US-Boykott der Sommerspiele von 1980 in Moskau und wurde mit "Sicherheitsbedenken für die Athleten" begründet. Würde sich der Osten dem Boykott anschließen und nachziehen? Er wird. Allerdings erst drei Tage später. Allein das Zögern rief "in der Sportwelt Erstaunen hervor", so stand es in der HSt am 10. Mai geschrieben. Wobei alles andere als ein Verzicht auf die Teilnahme an den Spielen in Los Angeles einer "Sensation" gleichen würde, hieß es weiter.

Eine solche "sportpolitische Spaltung des Ostblocks erwartet im Westen im Ernst niemand." Die Schlagzeile in der HSt am nächsten Tag sprach das aus, was im Zögern des Ostblocks unterschwellig die ganze Zeit über mitschwang: "Der Verzicht muss der DDR schwergefallen sein." Der Traum von Gold? Geplatzt. "Seit die DDR-Führung die Bedeutung des Sports für ihr Ansehen in der Welt erkannt hat, investierte sie Milliarden für den Aufschwung bis zur heutigen Sport-Großmacht." Ein kleiner Trost, der zu jener Zeit noch nicht abzusehen war: Es war der letzte große Olympia-Boykott.

2010: Jens Lehmann steht gegen den SC Ilsfeld ein letztes Mal im Tor

Als Ilsfeld Fußballgeschichte schrieb und Jens Lehmann noch gefeiert wurde
Jens Lehmann kurz vor dem Einlaufen: Der Nationaltorwart hat im Mai 2010 seine Abschiedsvorstellung in Ilsfeld gegeben. Foto: Archiv/Veigel

Am 14. Mai schrieb Ilsfeld sein ganz eigenes Sommermärchen und ja, auch deutsche Fußballgeschichte. Das Freundschaftsspiel zwischen dem SC Ilsfeld und dem VfB Stuttgart im Dietersbergstadion war schon ein Highlight für sich. Immerhin begrüßt man nicht alle Tage "die Nummer eins des schwäbischen Fußballs" auf dem heimischen Rasen. Die Krönung aber war die Tatsache, dass Nationaltorwart Jens Lehmann an jenem Tag seine Abschiedsvorstellung gab und für ein letztes Mal im Tor stand.

Nachdem die Torwart-Legende in der 40. Minute ausgewechselt wurde, rannten die VfB-Spieler auf ihren Torwart zu, stemmten ihn in die Höhe und trugen ihn auf ihren Schultern vom Platz, hielt Stimme-Redakteur Stephan Sonntag das Stück Fußballgeschichte in Ilsfeld schriftlich fest. Damals noch von aller Welt und rund 3000 Zuschauern im Dietersbergstadion gefeiert, steht Jens Lehmann aktuell scharf in der Kritik. Er hatte den früheren Fußball-Nationalspieler Dennis Aogo vergangene Woche als "Quoten-Schwarzen" bezeichnet und daraufhin unter anderem seinen Aufsichtsratsposten beim Bundesligaverein Hertha BSC verloren.

Via Twitter entschuldigte sich der Ex-Nationaltorwart mit den Worten: "Ich möchte mich dafür noch einmal von ganzem Herzen entschuldigen, ich bedauere meine Äußerung zutiefst und bitte jeden um Verzeihung, der sich dadurch verletzt gefühlt hat."


Lisa Könnecke

Lisa Könnecke

Volontärin

Lisa Könnecke arbeitet seit Februar 2020 als Volontärin bei der Heilbronner Stimme.

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