Als beim Motocross in Frankenbach die Lokalmatadoren siegten

Sport  Das letzte gesamtdeutsche Olympiateam, Chauvinismus beim Motocross in Frankenbach und der Tod der Laufbahn-Diva. Was das Sportgeschehen in der 39. Kalenderwoche vor 22, 39 und 56 Jahren bestimmte.

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Die Deutschland-Flagge mit den olympischen Ringen: Einer von vielen Kompromissen beim letzten gesamtdeutschen Team im Jahr 1964.

Foto: imago-images/Horstmüller

Das Archiv der Heilbronner Stimme bietet einen schier unerschöpflichen Fundus spannender Geschichten. Beim Blick zurück offenbart sich manch historisches Schätzchen. 

 

1964: Politisch längst getrennt, im Sport ein letztes Mal vereint: an den Olympischen Sommerspielen in Tokio nahm eine gesamtdeutsche Mannschaft teil. Deren Zusammenstellung ging ein monatelanges Tauziehen voraus. Die Heilbronner Stimme kommentierte am 21. September freudig das Ergebnis der zähen Verhandlungen zwischen den beiden Nationalen Olympischen Komitees über die Nominierungen: "Man sollte sich über das gemeinsame Auftreten in Tokio freuen: Wieder einmal schlug der Sport die Brücke, die in der Realität des Alltags nicht existent ist."

Dabei wollten die Sportfunktionäre aus Ost und West gar keine Brücken bauen, sondern viel lieber eigene Mannschaften schicken. Doch das Internationale Olympische Komitee ließ das bis dahin nicht zu. Auf Druck von IOC-Präsident Avery Brundage, der "versucht das Widerstrebende in beiden Teilen Deutschlands wenigstens vor der olympischen Flamme zu einigen", wie die HSt schrieb.

So mussten Ausscheidungswettkämpfe um die Startplätze veranstaltet werden. Deren Durchführung war ein steter Quell des Ärgers. "Entscheidung in der Finn-Dinghi-Klasse nach Tokio vertagt", titelte die HSt am 21. September. Dahinter steckte die Farce um die Nominierung in dieser Segelklasse. Die direkte Ausscheidung hatte DDR-Sportler Horst Hermann gegen BRD-Mann Willy Kuhweide gewonnen. Das NOK der DDR wollte aber lieber den vermeintlich stärkeren Bernd Dehmel nominieren. Die BRD-Funktionäre protestierten. Da sich beide Seiten nicht einigen konnten, sollte das IOC entscheiden. Das erteilte Kuhweide eine halbe Stunde vor Beginn der olympischen Regatta die Starterlaubnis, der West-Berliner holte Gold.

Düstere Vorahnung

So gesellte sich schon im Vorfeld bei aller Freude über das Zusammenkommen eines gemeinsamen Teams die düstere Vorahnung hinzu, dass dies wohl zum letzten Mal der Fall sein wird: "Geblieben ist eine an Zahl überaus große Gemeinschaft, die am 10. Oktober in gleicher Kleidung und in gleichem Schritt das Olympiastadion von Tokio betreten wird und die neben vielem Gemeinsamen noch mehr Gegensätzliches in sich birgt", kommentierte die HSt.

 

1981: Die 29. Auflage des Motocross Frankenbach versprach schon im Vorfeld "interessanter denn je" zu werden, wie die HSt am 25. September voraussagte. Mit den Siegen der Lokalmatadoren Jürgen Schächinger (Cleebronn) in der 250-ccm-Klasse und Rolf Dieffenbach (Widdern) in der 500er-Klasse bekamen die 2000 Zuschauer mehrheitlich sogar ihre Wunschsieger geboten.

Ein Hauch von Freiheit und Abenteuer

Stimme-Volontär Jörg-Michael Junginger war so gebannt von den wilden Männern auf den heißen Öfen, dass er am 29. September eigenwillige Anmerkungen zur Sportart im Allgemeinen zum Besten gab: "Motocross, das ist für Frauen in Deutschland ein Buch mit sieben Siegeln." Dabei stellte er selbst fest, dass mindestens die Hälfte der Motorsportfans in Frankenbach dem weiblichen Geschlecht angehörten.

Laut Junginger muss es der "Hauch von Freiheit und Abenteuer, Wagemut und Nervenkitzel" gewesen sein, den frau zu "den harten Burschen auf ihren spotzelnden Zweirädern" zog. Dazu passte der Einleitungssatz seines Artikels, in dem er Streckensprecher Wilhelm Werando zitierte, der über den vermeintlichen Bietigheimer Frauenhelden Roland Russ verkündete: "Am allerliebsten würde er die Hauptrolle in einem Pornofilm spielen."

 

 

 

1998: Ihre Weltrekorde sind auch 22 Jahre nach ihrem Tod weiter in Stein gemeißelt: 10,49 Sekunden über 100 Meter, 21,34 Sekunden über die doppelte Distanz. Die Fabelzeiten der Florence Griffith-Joyner aus dem Jahr 1988 gaben von Anfang an Anlass für Dopingspekulationen. Ihr plötzlicher Tod am 21. September 1998 umso mehr.

Tod von Florence Griffith-Joyner bewegt die Sportwelt

Olympia 1964: Die letzte Brücke zwischen Ost und West

Die Diva der Laufbahn starb 1998: Florence Griffith-Joyner.

Foto: imago-images

"Wieder einmal bleibt die große Frage nach dem Warum", titelte die HSt am 22. September. "Der Tod von Florence Griffith-Joyner bewegt die Sportwelt. Und er entzweit sie auch", kommentierte Cornelia Durst am 23. September.

Zunächst war ein Schlaganfall als Todesursache genannt worden, einen Tag später Herzversagen. Heute wird ein epileptischer Anfall dafür verantwortlich gemacht, dass die Sprinterin mit nur 38 Jahren im Schlaf erstickt ist. "Leider ist ihr Leben so schnell wie ihre Rennen vorübergegangen", sagte Primo Nebiolo, der Präsident des Internationalen Leichtathletik-Weltverbandes.

Die extravagante Sprinterin, die mit ihren Outfits und ultralangen Fingernägeln zur "Diva der Laufbahn" gekürt worden war, hatte zwischen 1987 und 1988 tatsächlich irre Leistungssprünge vollbracht, gewaltige Muskeln aufgebaut und eine deutlich tiefere Stimme bekommen. Acht Monate nach ihren Rekordläufen gab sie ihr Karriereende bekannt, zeitgleich wurden von der Anti-Dopingagentur unangekündigte Traningskontrollen eingeführt. "Längst ist es ein leichtes Spiel, die Grenzen, die der Körper setzt, zu überwinden. Wer in die Geschichte als Held eingehen will, setzt notfalls auch sein Leben aufs Spiel", bemerkte Durst. Einen Beweis in diesem Fall gibt es bis heute nicht.

 

 

Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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