Weltklasse zu Gast in der Provinz

Leichtathletik  Weltklasse-Athleten haben in all den Eberstadt-Jahren für Schlagzeilen und Ruhm gesorgt. Die besten Geschichten aus 40 Jahren:

Von Stefanie Wahl
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Eberstadt ist ein Meeting mit Tradition. Seit 1979 treffen sich die Weltbesten auf der kleinen Sportanlage am Ortsausgang. Zwischen Höhenflug und Tiefenentspannung ist Platz für Anekdoten aus vier Jahrzehnten. Eine ganz und gar unvollständige Anzahl an Hochsprung-Geschichten:

Emotional: Hochspringer sind sehr sensible Seelen. Oft hören sie in sich hinein, denn ihr Körper ist ihr Kapital. Ihr innerer Seismograph reagiert aber auch prompt auf Zuneigung. Die ist in Eberstadt garantiert. Das wissen die Athleten. "Es ist wunderschön, hierher zu kommen", hat Mark Boswell, Sieger von 1999, gesagt. "Hier bist du der Mittelpunkt, hier kannst du alle Energie entladen." Ein Kompliment, das sie in Eberstadt in keinem Jahr vergessen zu erwähnen, stammt aus dem Munde des kleinen großen Schweden Stefan Holm. Der viermalige Hallenweltmeister sagt einst sinngemäß: Nur wer Eberstadt einmal gewonnen hat, sei ein großer Hochspringer.

Persönlichkeit: Ein Mann großer Worte ist Javier Sotomayor nie gewesen − selbst wenn Freunde die sprachliche Barriere minimieren und übersetzen. In Eberstadt aber zählen auch Gesten oder Gaben ganz ohne Worte. So dringt auch erst mit den Jahren durch, dass der Weltrekordhalter (2,45 Meter) nicht nur das Gros seiner Prämien abgeben muss, sondern selbst von Autogrammstunden nur die Hälfte der Gage erhält. Die andere landet in den Taschen seines Trainers. "Daraufhin haben wir die Beträge eben offiziell verändert − und mehr ihm zugesteckt", sagt Sportdirektor Peter Schramm. Nachdem "Soto" 1993 in Stuttgart Weltmeister wird, schmeißen sie in Eberstadt für ihre kubanischen Freunde ein Fest. Das wissen alle Medaillengewinner in Kuba − selbst, wenn sie gar nicht dabei gewesen sind. Alberto Juantorena höchstpersönlich, Olympiasieger über 400 und 800 Meter und Vizepräsident des Olympischen Komitees seines Landes, sorgt dafür. "Ihn hat auch sehr beeindruckt, dass wir stets zu den Kalenderkongressen gereist sind, um schon im Oktober unser Meeting anzumelden", sagt Peter Schramm, der den sprunggewaltigen Sotomayor einst selbst in Havanna besucht.

Auf Rezept: Dort erlebt der Sportdirektor, unter welchen Bedingungen Sotomayor trainiert. Was sich angeblich niemand erklären kann: Im Urin des heute 50-Jährigen werden 1999 Kokainspuren gefunden und der Springer für zwei Jahre gesperrt. Doping. Ein unschönes Ende und ein Thema, das niemand anspricht, als er zum 30. Meeting beim Bier in der Arena mitfeiert. Die Graustufen zwischen legal und verboten, topfit und manipuliert sind fließend. Doch der Blick eines Heilbronner Apothekers ist mehr als vielsagend, als er in den 1990ern ein Rezept eines russischen Topspringers einlösen soll. Die Mischung hochdosiert und in Deutschland verboten. Als die Athletenbetreuerin dem Star den unerledigten Botengang beichtet, sagt dieser: "In Italien habe ich das problemlos bekommen und bei uns brauche ich dafür nicht mal ein Rezept." Andere Länder, andere Sitten.

Auch interessant: Interview mit Sportdirektor Peter Schramm 

Typen-Kunde: Eberstadt hat sich stets durch seine internationalen Starterfelder ausgezeichnet. Eher scheue Wesen sind da gewesen − wie der Chinese Zhu Jianhua, der dafür nach seinem Weltrekord über 2,39 Meter für den schönsten Freudenhüpfer in all den Jahren sorgt. Bescheidene wie der Rumäne Sorin Matei oder aber coole wie die Amerikaner. Tom McCants verliebt sich 1988 in die flotten Flitzer der Marke Audi, bricht aber dusseligerweise den Autoschlüssel ab. Kein Problem für die schnelle Eberstädtzer-Eingreiftruppe. Da wäre noch McCants Landsmann Dwight Stones. Manche sagen ihm eine gewisse Arroganz nach. In Eberstadt offenbart der US-Boy diesen Wesenszug nie. Im Gegenteil: Kaum in Frankfurt gelandet, hilft der Olympia-Dritte von 1976 gar das Auto zu packen. Auch Mutaz Essa Barshim packt kräftig mit an, als es darum geht, seine Massagebank von Zürich mit ins Unterland zu chauffieren. Zurück zu Mister Stones: Der Mann aus L.A. hat seine Spikes stets fein säuberlich in einer etwas verbeulten Dose aufbewahrt. Für ihren Sport tun sie alles. Auch Kollege Jim Howard. Weil für ihn Mitte der 1980er nach Eberstadt die US-Trials anstehen, mag er im Rhythmus bleiben und joggt in der Nacht in den Weinbergen umher.

Kein Quotenzwang: Seit 2002 springen die Frauen in Eberstadt. Nicht, weil es eine Gleichberechtigungs-Quote verlangt hätte, vielmehr, weil sie sportlich eine Bereicherung sind. Besonders dank den Stars der Szene wie Kajsa Bergqvist. Die Schwedin hat ihren Preis und ist doch stets jede Öre Wert gewesen − nicht nur bei (selbstredend kostenfreien) Interviews auf der Sonnenterrasse des Athletenhotels Rose in Bitzfeld. Unvergessen ist ihr Satz über 2,06 Meter am 26. Juli 2003. Einer von zahlreichen Landesrekorden in der Meeting-Historie. Mindestens so wichtig wie die Statistik aber ist in der Eberfürst-Arena das Sympathie-Barometer. Und dort steht die Frau aus Sollentuna für schwedischen Sonnenschein.


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