Trial-Weltmeister Widmann: Über Stock, Stein und Paletten

Radsport  Der Bönnigheimer Oliver Widmann ist zweimaliger Junioren-Weltmeister im Fahrrad-Trial und startet nächste Saison als Profi. Zu Hause hat er sich einen eigenen Hindernisparcours gebaut.

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Trial-Weltmeister Widmann: Über Stock, Stein und Paletten

Kreativer Kopf: Oliver Widmann ist Juniorenweltmeister 26 Zoll und hat sich zu Hause eine eigene Übungsanlage gebaut. Hier trainiert er hart.

Foto: Mario Berger

Scheinbar mühelos springt Oliver Widmann mit seinem Rad aus dem Stand auf eine 1,60 Meter hohe Palette. Dort hüpft er akrobatisch mit einem Reifen auf der Stelle. Kaum wieder am Boden angekommen, setzt er schon zum nächsten Hindernis an. "Trial ist eine Mischung aus Schnellkraft in den Beinen, Ausdauer, Balance, Koordination, Präzision", sagt der 18-Jährige. Für den Fototermin hat er ausnahmsweise das berühmte Regenbogentrikot angezogen, das amtierende Weltmeister wie er vom Weltradsportverband UCI erhalten. 

Trainingswelt auf dem einstigen Bauernhof

Zu Hause hat sich der Juniorenweltmeister im Fahrrad-Trial eine optimale Trainingswelt geschaffen: Auf dem einstigen Bauernhof der Familie in Hohenstein bei Bönnigheim stehen draußen wie in der Scheune etwa 25 Hindernisse. Oliver Widmann hat sie selbst konstruiert und gebaut: eine kreative Anlage mit Traktorreifen, Paletten, Holzstämmen und Kabeltrommeln ist hier entstanden. 

"Damit kann ich fünf verschiedene Parcours fahren. Ich baue mir speziell die Hindernisse nach, die mir im Wettkampf schwer gefallen sind", erklärt Oliver Widmann. Ziel der Randsportart ist es, mit einem speziellen Bike geschickt auf und über Hindernisse zu fahren - ohne einen Fuß auf den Boden zu setzen. "Bei jedem einzelnen Sprung kann so viel schiefgehen", sagt der Titelverteidiger. "Es geht um Versuch und Scheitern."

 

 

Mit Hiphop auf den Ohren über Hinternisse springen

Oliver Widmann, braune kurze Haare, blaue Augen, entschlossener, freundlicher Blick, trägt ein Sweatshirt mit der Aufschrift "Champion". Beim Training hört er gelegentlich Hiphop wie Oldschool oder Trap. Er trainiert sechs Stunden am Tag hart für seine Ziele: An den Hindernissen, am Kraftaufbau mit Gewichten oder durch Intervallläufe. Wie gut er ist, beweist er immer wieder: Auf dreimal WM-Silber folgen zwei perfekte Saisons: Widmann gewann 2018 und 2019 alles, was sein Sport an Meriten zu bieten hat. Er ist deutscher Meister, Junioren-Europa- und -Weltmeister. In der Gesamtwertung aller Altersklassen ist der Bönnigheimer derzeit Fünfter der Weltrangliste.

Zum dritten Mal war die WM im chinesischen Chengdu. Die Eltern und eine der zwei Widmann-Schwestern haben die Mission Titelverteidigung Anfang November begleitet. Der Athlet nahm China als eine "ganz andere Welt" wahr. Was ihm auffiel: "Die Überwachung überall und kein Zugang zu internationalen Internetanbietern". Er gewann Gold mit 250 Punkten, mit klarem Abstand zum Schweizer Vito Gonzales (180). Dabei hatte er in der ersten Sektion Pech, fuhr versehentlich einen Frauen-Abschnitt und verlor 60 Punkte. Doch drei seiner vier weiteren Parcours waren perfekt.

Trial-Szene in Süddeutschland ist weltweit führend

In China gingen diesmal drei von fünf WM-Titeln an Baden-Württemberger: Oliver Widmann, Nina Reichenbach und Dominik Oswald. "Die süddeutsche Trial-Szene ist sehr stark", sagt Widmann, "die Trainingsvoraussetzungen hier sind spitze." Neben dem Parcours beim MSC Marbach gibt es weiteres geeignetes Übungsterrain in Maulbronn und Sinsheim. Auch der Gefahrenfaktor ist nicht so hoch wie mancher Beobachter glaubt: "Der Sport ist relativ statisch. Man muss das Rad und den Körper unter Kontrolle haben, die hohen und weiten Hindernisse einschätzen", sagt Widmann. In den zehn Jahren seiner Karriere hat er sich einmal den Arm angebrochen und ein paar Schrammen zugezogen. Mehr nicht.

Trotz des hohen Trainingspensums hat Oliver Widmann das Abitur gut bestanden. In den nächsten zwei Jahren aber konzentriert er sich auf seinen Sport, danach plant er ein Maschinenbaustudium.

Noch sucht er Sponsoren für die Saison 2020. Denn nun wechselt der 18-Jährige in die Eliteklasse - und ist gespannt, wie er ob der starken Konkurrenz abschneidet. "Im Trial ist es wie im Alltag", sagt der Weltmeister: "Auch wenn es mal nicht so läuft, ist es wichtig, an sich zu glauben, den Kopf oben zu halten."


Motorloser Spaß

Trial als Familientradition: Oliver Widmanns Vater fuhr mit dem Motorrad über Hindernisse. "Er hat mir Youtube-Videos gezeigt und mich zum Schnuppertraining gebracht." Die ersten zwei Jahre fuhr der Sohn ebenfalls Motorradtrial, trainierte aber auch mit dem Rad und merkte: "Bike-Trial ist viel mehr mein Ding. Es verursacht keinen Qualm und kaum Lärm." Sein Wettkampfrad kostete 2800 Euro, für Anfänger gibt es Spezialräder schon ab 300 Euro. Doch Trial-Räder sind nicht mit gewöhnlichen Fahrrädern zu vergleichen: Als Anfänger ist das niedrige Gestell ohne Sattel und Gänge mit starken Bremsen schwer zu fahren. 


Bigna Fink

Bigna Fink

Volontärin

Bigna Fink ist seit Februar 2019 Volontärin bei der Heilbronner Stimme.

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