Tanja Erath aus Massenbach ist Ärztin und Radprofi

Radsport  Die Massenbacherin Tanja Erath startet nach ihrem Medizin-Studium als Radprofi durch. Zu ihrer Mannschaft kam sie über ein Casting - und nahm dann unter anderen an der Tour de France der Frauen teil.

Von Lars Müller-Appenzeller
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Tanja Erath: Eine radelnde Ärztin ohne Grenzen

Ist grundsätzlich der Typ Sprinterin, kommt aber auch gut über die Berge und hat neuerdings auf der Bahn ein zweites Zuhause gefunden: Tanja Erath vom Team Canyon SRAM Racing.

Foto: Nils Laengner

Gespräche mit Sportlern können eindimensional sein. Sehr eindimensional: höher, schneller, weiter - das macht den Horizont klein.

Tanja Erath hat einen großen Horizont, nein viele große Horizonte: Die 29-Jährige aus Massenbach war Triathletin, bis sie von einer Verletzung ausgebremst wurde, nicht mehr schmerzfrei laufen konnte, Radrennen fuhr, über die Online-Plattform "Zwift" wie bei Deutschland sucht den Radstar einen Platz im Profiteam Canyon SRAM erradelte, unter anderem die Tour de France der Frauen fuhr, bei der Bahn-DM Silber im Scratch holte und als Spätberufene von den Olympischen Spielen 2020 in Tokio träumen darf.

Parallel machte Tanja Erath eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin, studierte Medizin in Bochum, jobte im OP und überlegt nun, ob sie bald als Anästhesistin oder als Urologin ihr Geld verdienen will. Aber der Reihe nach.

Erath ist jemand, "der alles gut machen will"

Tanja Erath sitzt in einem Café in Leingarten und erzählt. Strukturiert. Reflektiert. Gelassen. Sie weiß: Egal, was passiert, "ich habe mein Sicherheitsnetz Medizin". In Leingarten ist Tanja Erath aufgewachsen, bei den Triathleten des Tri-Teams Heuchelberg groß geworden ("Mein Papa hat das Radtraining von den Jungs mit Sebastian Kienle gemacht"). Sie charakterisiert sich als "sehr schwäbisch: alles erst mal sicher".

Und die ehemalige Bundesliga-Triathletin (Witten und Hagen) ist ehrgeizig: "Ich bin jemand, der alles gut machen will." Da muss vor allem der Kopf mitmachen: "Als Triathletin hast du ständig ein schlechtes Gewissen, weil du gerade im Training zwei Sportarten vernachlässigst." Und das Studium.

Im November 2017 Ärztin, drei Wochen später Radprofi

Vor einem Jahr hat sich das Leben von Tanja Erath gravierend vereinfacht: Seit November 2017 ist sie Ärztin, drei Wochen später wird sie Radprofi. "Das vergangene Jahr hat mich im Kopf total entspannt", sagt sie und lächelt. Die Sprintstarke hat ein unglaubliches Jahr hinter sich, "mit unfassbar vielen Reisen" und sportlichen Erfolgen.

Und sie hat viele verschiedene Zukunftsperspektiven vor sich. Obwohl es zwei Jahre lang nicht rund gelaufen ist. Oder eben gerade weil sie zwei Jahre lang nicht rund gelaufen ist.

Tanja Erath ist gut im Triathlon: gute Schwimmerin, sehr gute Radfahrerin, mäßige Läuferin. So qualifiziert sie sich 2014 auf der Mittelstrecke für die Altersklassen-WM. Aber ihr Bein macht nicht mehr mit: Schmerzen von "Po bis Ferse", beim Schlafen, Autofahren. Sie lässt 2016 den Triathlon sprichwörtlich auslaufen, setzt aufs Rad, hört von der Swift-Academy, bei der sie sich 2017 bewirbt, gegen 2158 Frauen durchsetzt und den Profivertrag bei Canyon SRAM Racing holt - dem deutschen Team, das gerade bei der Straßen-WM in Innsbruck mit Trixi Worrack und Lisa Klein Gold im Zeitfahren gewonnen hat.

Wie bei Deutschland sucht den Superstar, nur mit Rad

"Es war wie bei Deutschland sucht den Superstar, nur mit Rad", sagt Tanja Erath zum Casting. Auf der Online-Plattform, die Radrennen simuliert, müssen Watt- und Puls-Profile abgearbeitet werden - Tanja Eraths Rolle, auf der sie das Programm mit dem Rad abspult, steht in ihrem Schlafzimmer. Sie fährt unter die besten 30. Die besten Zehn. Die besten Drei, die mit dem Team ins Trainingslager dürfen.

"Ich wollte den Vertrag gewinnen", sagt Tanja Erath, der es am Ende geht, wie so vielen, die bei Deutschland sucht den Superstar als Sieger in die Kamera stottern: "Ich weiß nicht, was ich sagen soll."

Am Anfang sind Zweifel da: "Mir fehlte bei Straßenrennen auf dem Niveau die Praxis." Doch Tanja Erath ersprintet für ihr Team Punkte und jüngst bei der Tour de l'Ardèche tageweise das Sprintertrikot, stürzt aber auch bei der Setmana Ciclista Valenciana mit 65 Stundenkilometern auf die Hüfte: "Das war mein erstes Mal als Patientin in einem Krankenhaus, nicht einmal die Ärzte Englisch konnten. Und mein Spanisch hält sich in Grenzen." Wobei Erath grundsätzlich in Girona, im Osten Spaniens lebt. Obwohl: "Meine Basis ist da, wo mein Koffer steht."

Olympia 2020 ist der absolute Traum

Tanja Erath: Eine radelnde Ärztin ohne Grenzen

Will als Anästhesistin oder als Urologin arbeiten: Tanja Erath.

Foto: Dan Foster

Der Koffer bleibt in den kommenden Wochen in Bewegung. Von der Straße geht es auf die Bahn und zu Lehrgängen mit dem Bund Deutscher Radfahrer. Langfristiges Reiseziel Tokio 2020? "Olympia wäre der absolute Traum", sagt Tanja Erath, "aber das hatte ich bis vor kurzem überhaupt nicht auf der Agenda." Bis Mitte Juli in Dudenhofen der Bahn-Test bei den deutschen Meisterschaften mit Silber belohnt worden ist. Tanja Erath ist Ärztin ohne Grenzen.

Interessant sind ihre Erfahrungen mit dem Thema Doping: "Als Triathletin wurde mir nie die Dopingfrage gestellt. Wenn ich sage, dass ich Radprofi bin, lautet die erste Frage: Dopst du?" Natürlich nicht. "Als Medizinerin weißt du, was du dir mit Dopingmitteln antun würdest. Und es gibt die Teamorder: Wer dopt, ist raus." Tanja Erath bleibt drin: Am Montag ist ihr Vertrag verlängert worden, sie ist auch 2019 Radprofi - mit einer sauberen Karriere vor sich.  "Als Anästhesistin oder als Urologin." Irgendwann.

 

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