Schwimmsport und Ausbildung fördern: Der Neckarsulmer Weg

Schwimmen  Die Sport-Union baut ein Schwimm-Leistungszentrum auf, das Athleten eine duale Karriere ermöglicht und optimale Rahmenbedingungen schafft.

Von Stefanie Wahl
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Der Neckarsulmer Weg

Seit Januar 2016 lebt Daniel Pinneker bei seinem Trainer Christian Hirschmann in Neckarsulm. weil er bei seinem ehemaligen Verein in Pforzheim immer mehr an Grenzen gestoßen ist.

Foto: Alexander Bertok

Geburtstage feiern gehört dazu. Das weiß Celine Rieder jetzt. Ihren 17. vor einigen Wochen hat die talentierte Schwimmerin mit der Trainingsgruppe der Neckarsulmer Sport-Union verbracht. Keine Frage, dass die auch ein Geschenk besorgt haben. Celine Rieder hat sich gut eingelebt, seit sie ihres Sports zuliebe aus Saarbrücken in die Region gezogen ist - wie Hannes Vitense.

Der langjährige saarländische Landestrainer lebt seit Januar in Neckarsulm. Auch Henning Mühlleitner, Felix Ziemann, Fabian Schwingenschlögl, Annika Bruhn und weitere Athleten mit Perspektive haben in den vergangenen Monaten gewechselt.

Effiziente Kombination

Der Neckarsulmer Weg überzeugt sie allesamt. Geht es doch um ein Schwimm-Projekt, dessen Ziel es ist, ideale Bedingungen in einem Zentrum zu schaffen, das Leistungssport mit Ausbildung oder beruflicher Laufbahn effizient kombiniert.

"Die duale Karriere ist eine Chance", sagt Hannes Vitense, "sie stärkt den Sportler auch in seiner Persönlichkeit." Braucht er doch während und nach der Schulzeit eine Orientierung, die ihm Sicherheit gibt. In und außerhalb des Schwimmbeckens.

Sport und Beruf oder Ausbildung vereinbaren

Drei Jahre ist es nun her, dass Stefanie Härdtner, Technische Leiterin der Schwimm-Abteilung und Marco Haaf, Direktor des Albert-Schweitzer-Gymnasiums (ASG), ihre Ideen sortiert, gefiltert - und mit Christian Hirschmann einen Mitstreiter gefunden haben, der als Trainer wie Unternehmer weiß, was es braucht, Sport und Beruf zu vereinbaren.

Herausgekommen ist eine ehrgeizige Initiative, weitgehend losgelöst von staatlicher Unterstützung. Denn: Neckarsulm ist kein Stützpunkt, entsprechend gehören die Schwimmer der Sport-Union mehrheitlich weder einem Kader an noch werden sie vom Verband finanziell unterstützt. Dennoch wird das stete Wachsen der Leistungssportgruppe um Olympia-Starter Clemens Rapp vom Deutschen Schwimm-Verband (DSV) kritisch beäugt. Daher ist Christian Hirschmann auf dessen Präsidentin Gabi Dörries zugegangen. "Unser Konzept ist nicht konfrontativ", sagt der 31-Jährige.

Kopf frei haben fürs Schwimmen

Der Neckarsulmer Weg ist keine Revolution über Wasser, vielmehr soll er elementare Hilfestellung sein, Sport und Ausbildung zu vereinbaren. Denn nicht erst seit der öffentlichen Kritik von Nationalmannschaftsmitglied Philip Heintz bei Olympia in Rio wissen nicht mal Topathleten, wie sie neben dem Sport ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen.

Christian Hirschmann unterstützt Clemens Rapp seit einigen Jahren. Wer fest angestellt und zugleich für den Sport freigestellt ist, hat den Kopf frei fürs Wesentliche. Ein Prinzip, das jenem der Bundespolizei oder Sportfördergruppe ähnelt - allerdings ohne staatliche Unterstützung. Hannes Vitense, an dessen Hand ein Ring mit den fünf olympischen Ringen angesteckt ist, sagt: "Neckarsulm ist ein Modell der Zukunft." Auch für Fabian Schwingenschlögl. Das Mitglied im Nationalteam sammelt als Werksstudent bei Kaco New Energy Erfahrung.

Schulstoff in den Ferien nachholen

Den Jüngeren hilft die NSU, trotz zweimal Training am Tag, den Schulalltag zu meistern. Das ASG hat inzwischen ein Sport-Profil, für das sich die Talente entscheiden können, aber nicht müssen. Eines aber stellt Christian Hirschmann klar: "Hier wird keiner durchs Abi geschubst."

Vielmehr geht es darum, Sportler zu beraten, dass sie Kurse so wählen, um früh Training und Schule zu koordinieren, Klausuren nachschreiben oder Inhalte in den Ferien nachholen können.

Jugendliche helfen sich untereinander

Der Pädagoge Marco Haaf weiß, was Leistungssportler brauchen, schließlich hat er einst Ruder-Ass Carina Bär entdeckt und zur Olympiasiegerin geformt. "Wenn man die Rahmenbedingungen schafft, sind Jugendliche zu sehr viel fähig", sagt Haaf, der mit all seinen Sportlern in regelmäßigen Abständen spricht.

Auch im Falle von Lukas Kraft, der ein halbes Jahr vor dem Abitur noch die Schule gewechselt und die Reifeprüfung mit Bravour gepackt hat. "Sportler müssen spüren, dass sie mehr sind als eine Zeile in einer Excel-Tabelle", sagt Haaf. Er beobachtet zudem, wie sich die Jugendlichen untereinander helfen.

Wohlfühl-Atmosphäre geschaffen

Christian Hirschmann ist wichtig, dass nicht der Eindruck entsteht, die NSU-Schwimmer seien eine zusammengekaufte Truppe. Die Athleten wohnen in der Region, jeder übernimmt einen Part im Verein. Zur Atmosphäre sagt Vitense: "Da kann man sich nur wohlfühlen."

Auch die Trainer gehen ihre Aufgaben nach dem Vier-Augen-Prinzip als Team an. Ihr Motto: Leistung durch Lockerheit, denn: Wer Spaß hat, spürt weniger Druck. Vergleiche mit Bundes- oder Olympia-Stützpunkten soll es nicht geben, Ziel sind einzig gute Bedingungen als Basis für gute Resultate.

In den Familienalltag integriert

Celine Rieder fühlt sich wohl in Neckarsulm. Stefanie Härdtner und ihr Ehemann haben die 17-Jährige bei sich aufgenommen. Sie wissen, was es bedeutet, Leistungssport in den Familienalltag zu integrieren. Ihre Älteste, die 16-jährige Mahia-Cara, zählt ebenfalls zur Neckarsulmer Leistungsgruppe.

 


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