Nordhausen ist eine Indiaca-Hochburg

Indiaca  Ein Schaumball mit roten Putenfedern - viele kennen ihn als Freizeitbeschäftigung aus Kindertagen. Doch Indiaca wird in richtigen Wettkämpfen gespielt. In dem Sport aus Südamerika sind die B-Juniorinnen aus Nordheim-Nordhausen deutscher Meister.

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Nordhausen ist Indiaca-Hochburg

Anna Ross (links), Karen Baral (Zweite von rechts), Hanna Baral, Pia Tietsch und Rebecca Hertner (rechts im Hintergrund) sind das weibliche B-Jugend-Team Nordhausen und Deutscher Indiaca-Meister.

Foto: Ekkehart Nupnau

Konzentriert und mit sichtlich Spaß trainieren die fünf jungen Frauen an diesem Herbstabend zusammen mit Spielern des Männerteams. Ein kleiner Ball mit roten Federn saust über das Volleyballnetz in der Willy-Weidenmann-Halle in Nordhausen, einem Teilort von Nordheim. Die B-Juniorinnen der Indiaca-Gruppe Nordhausen sind in diesem Spiel wahre Experten: Im Oktober wurden sie deutsche Meisterinnen.

Indiaca, was ist das? Rebecca Hertner, eine der Spielerinnen, begegnet dieser Frage oft, wenn sie von ihrem Lieblingssport erzählt. "Viele Erwachsene sagen, sie haben das in der Kindheit mal gespielt, aber die meisten Jugendlichen kennen Indiaca nicht", sagt die 16-jährige Nordhausenerin. "Dass Indiaca nicht nur in der Freizeit, sondern auch als Wettkampfsport ausgeübt wird, ist weitgehend unbekannt."

Bundesligist, Vizemeister, Meister

Doch es gibt dafür richtige Meisterschaften, hierzulande vom Deutschen Turnerbund oder vom Christlichen Verein Junger Menschen (CVJM) organisiert. Bei der CVJM-Indiaca-Meisterschaft im bayrischen Speicherdorf erjagten die Mädels aus Nordhausen erfolgreich die meisten Punkte und gewannen souverän das Finale gegen die norddeutsche Gruppe Sylbach/Pivitsheide.

Nordhausen ist eine Art Hochburg des Indiaca-Sports in Deutschland: Die männliche A-Jugend wurde dieses Jahr zum dritten Mal deutscher Vizemeister. Die erste Herrenmannschaft beginnt 2020 ihre dritte Saison in der "Bundesliga" des Sports, der Deutschen Indiaca Liga.

Indiaca-Familie in Nordhausen und in ganz Deutschland

Das dynamische Rückschlagspiel ähnelt dem Volleyball, das Feld ist etwas kleiner und die zwei Mannschaften treten mit fünf statt sechs Spielern gegeneinander an. Ein großer Unterschied ist das extravagante Spielgerät: die Indiaca, ein abgeflachter, gelber Schaumstoffball mit austauschbaren Putenfedern.

Ursprünge der Sportart

Die Wurzeln des Handfederballspiels Indiaca liegen bei Ureinwohnern Südamerikas. Dort heißt es Peteca und ist traditioneller Volkssport. Bekannt machte Indiaca (Kofferwort aus Indianer und Peteca) in Europa der Kölner Sportlehrer Karlhans Krohn. 1936 reiste er nach Brasilien und beobachtete am Strand von Copacabana zwei Jugendliche, die ohne Netz einen Ledersack mit bunten Federn hin- und herschlugen. "Der Sage nach dachte Krohn zuerst, es sei ein Vogel", erzählt Indiaca-Spieler und -Trainer Benjamin Grimmeisen. In den 1950ern verbreitete sich das Spiel hierzulande zuerst in kirchlichen Jugendgruppen.

Seit dreieinhalb Jahren spielt Rebecca Hertner mit ihrem Team in derselben Konstellation. Das ist auch ihr Erfolgsrezept: "Wir kennen uns gut, unsere Stärken und Schwächen im Spiel", sagt Anna Ross aus Lauffen. "Die Absprache ist da sehr leicht."

Aufmerksam auf das ungewöhnliche Spiel wurde die 17-Jährige durch ihren ehemaligen Sportlehrer Benjamin Grimmeisen in Lauffen, der heute in der Hermann-Greiner-Realschule in Neckarsulm unterrichtet.

Grimmeisen ist Trainer der Gruppe, und, wie er sagt, derzeit "Mädchen für alles" für die aktuell fünf Teams im Spielbetrieb. 2013 gründete er Indiaca Nordhausen. Mit vier Leuten fing es in der evangelischen Kirchengemeinde des Dorfes an, heute sind 40 Aktive verschiedensten Alters, viele auch ganz ohne Kirchenbezug, aus dem ganzen Zabergäu und darüber hinaus dabei. Indiaca-Spieler seien wie eine große Familie, sagt Grimmeisen: "Man kennt sich und freut sich vor jedem Turnier auf das Wiedersehen."

Mit dem Spiel sind sie in der Gegend Exoten

Für den leidenschaftlichen Indiaca-Spieler sind die Vorteile des Sports: "Man kommt ganz schnell rein, es gibt beispielsweise viele 50-, 60-jährige Anfänger, die gut mitspielen können. Und ich finde Indiaca um einiges koordinierter als Volleyball. Denn der Ball ist viel kleiner und leichter." Rebecca Hertner fügt hinzu: "Ich liebe das Fair Play an dem Sport."

Mit einer Randsportart wie dieser ist es für Organisatoren wie Benjamin Grimmeisen nicht immer leicht: "Man muss sich seinen Hallenplatz zwischen etablierten Sportarten wie Fußball erkämpfen", sagt der 29-Jährige. In der Gegend sind die Nordhausener mit ihrem Spiel Exoten, Grimmeisen kennt einzig aktive Spielvereinigungen "in Enzweihingen, in Ötisheim und eine Freizeit-Gruppe in Besigheim".

 


Bigna Fink

Bigna Fink

Volontärin

Bigna Fink ist seit Februar 2019 Volontärin bei der Heilbronner Stimme.

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