"Hochspringer sind bei uns keine Nummer"

Interview  Sportdirektor Peter Schramm spricht im Stimme-Interview über das Meeting in Eberstadt, Wehmut, Ehrungen und einen Makel.

Von Stefanie Wahl
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Es ist die Nähe zu den Springern und die familiäre Atmosphäre, die das Meeting in all den Jahren ausgezeichnet hat. Darum kommt die Weltelite bis heute in die Region.

Eine Ära geht zu Ende. Mit dem 40. und letzten Hochsprung-Meeting in Eberstadt vom 24. bis 26. August verliert die Region ein sportliches Highlight. Sportdirektor Peter Schramm spricht über die Anfänge und sein Lebenswerk.

 

Herr Schramm, was ist Ihre persönliche Bestleistung im Hochsprung?

Peter Schramm: Oh! Ich bin im Rollstil glaube ich 1,55 Meter gesprungen - im Mehrkampf mit 15 oder 16. Da ich Mittelstreckenläufer war, habe ich weniger Berührungspunkte mit Hochsprung gehabt.

 

Wie ist dann die Passion zum Hochsprung entstanden?

Schramm: Es war Zufall. Reingerutscht bin ich durch Jochen Schieker. Wir sind oft nach Freiburg gefahren, dort war Branko Miler, ein sehr guter Lehrmeister für mich. 1976 lernte ich den Bundestrainer Dragan Tancic kennen, als wir in Heilbronn erstmals einen Mannschaftscup gemacht haben. Wir haben uns gut verstanden, obwohl er ein Schlitzohr war. Über meine Arbeit mit Harald Ehlke und Volker Wieland wurde ich Nachwuchs-Bundestrainer.

 

Fehlt noch die Brücke zur Hochsprung-Premiere in Eberstadt 1979.

"Hochspringer sind bei uns keine Nummer"

Ein Bild aus dem vergangenen Jahr: Organisator Peter Schramm feiert Mateusz Przybylko, der 2017 hinter Mutaz Essa Barshim und Danil Lysenko Dritter wurde.

Foto: Andreas Veigel

Schramm: Irgendwann kamen wir aus Spaß auf die Idee, in einem Wettbewerb die Höhen von drei Leuten zu addieren. Dazu haben wir die besten Mannschaften eingeladen. Zu diesem Team-Wettbewerb zählte auch Eberstadt 1979. Der Einzige, der so mitgesprungen ist, war Gerd Nagel. Ich weiß noch, wie der 17-jährige Sieger Dietmar Mögenburg zu mir gesagt hat, wie das überhaupt sein könne, dass wir mit so wenig Geld so viele gute Leute bekommen.

 

Wie viel Geld hatten Sie denn?

Schramm: 3000 Mark - und nachdem Mögenburg, Carlo Thränhardt und Gerd Nagel alle 2,30 Meter gesprungen sind, haben wir uns geeinigt, dass jeder 800 Mark erhält - und die restlichen 600 Mark an die anderen als Fahrkosten verteilen.

 

Was machen Sie am 27. August?

Schramm: Oh, das ist der Tag nach dem letzten Meeting. Gewöhnlich kommt am Nachmittag oder gegen Abend die Müdigkeit.

 

Haben Sie Angst, dieses Mal in ein Loch zu fallen, weil eine Ära endet?

Schramm: Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Aber dafür mache ich im Verein, der TSG Heilbronn, noch zu viel. Das ist quasi eine Halbtagesstelle. Für mich ist das eine zwiespältige Geschichte. Auf der einen Seite ist eine gewisse Wehmut da, dass es das Hochsprung-Meeting dann nicht mehr gibt. Wenn die ersten Athleten eingetroffen sind, habe ich mich immer richtig gut gefühlt. Auf der anderen Seite geht mit 75 Jahren manches auch nicht mehr ganz so gut und schnell. Trotz allem wird mir das Meeting schon fehlen. Obwohl ich glaube, dass es der richtige Weg ist jetzt Schluss zu machen.

 

40 Jahre sind ein halbes Leben. Ist das Meeting wie Ihr drittes Kind?

Schramm: In unserer Familie haben wir in der Tat häufiger darüber diskutiert, dass ich für manche Athleten mehr gemacht hätte als für meine Töchter. Aber: Alles zu seiner Zeit. Irgendwann ist es mal zu Ende. Was uns für das Meeting hauptsächlich fehlt, ist das Fernsehen.

 

Und Sponsoren.

Schramm: Stimmt! Wir würden schon ein paar große Sponsoren bekommen, aber dafür bräuchten wir gesicherte TV-Zeiten. Unser Ruf ist entstanden, weil das fast drei Jahrzehnte gut gelaufen ist. Aber in den vergangenen Jahren konnten wir in Sachen Fernsehen nichts mehr reißen. Wir müssten allein 10 000 Euro bezahlen, damit wir Bilder zur Verfügung stellen könnten - ohne eine Garantie, dass mehr gezeigt wird.

 

Sie sind ein gläubiger Mensch. Bis wann haben Sie an eine Zukunft für das Meeting geglaubt?

Schramm: Das hat sich am Anfang gar nicht abschätzen lassen. Einerseits war es ein Glücksfall, dass es bei der Premiere mit den drei Springern über 2,30 Meter und den deutschen Rekorden so toll gelaufen ist. Das war das erste Mal auf der Welt - und hat seinen Lauf genommen.

 

Ein guter Ruf erzeugt auch Druck.

Schramm: Klar, es waren auch Jahre darunter, in denen wir gekämpft haben, dass die Leistungen stimmen. Wenn der Sieger mal "nur" 2,30 Meter gesprungen ist, stand in manchen Zeitungen, das Niveau sei mäßig gewesen. Unser hervorragender Ruf hat uns ab und an auch zu schaffen gemacht. Wir mussten uns immer wieder beweisen. Zuletzt war es auf gut Schwäbisch nochmal saumäßig gut. Ich glaube, wir haben den richtigen Zeitpunkt nicht verpasst. Wir bräuchten ja Nachfolger, aber diejenigen, die in Frage kämen, sind beruflich zu sehr eingespannt. Fähige Leute hätten wir schon.

 

Staufer-Medaille in Gold, European Member Award - Sie haben viel Ehre erhalten. Was bedeutet Ihnen das?

Schramm: Es ist eine tolle Anerkennung. Das Bundesverdienstkreuz hätte ich ohne das Meeting sicher auch nicht bekommen (lacht). Ich freue mich schon über die Ehrungen, aber ich sehe auch die Mannschaft um mich herum, die vielen langjährigen Helfer ohne die das alles nie möglich gewesen wäre.

 

Das Hochsprung-Meeting hat Weltruhm erlangt. Was ist das Eberstädter Erfolgsgeheimnis?

"Hochspringer sind bei uns keine Nummer"

Mann am Mikrofon und Macher: Peter Schramm (Mitte) moderiert traditionell durch den Männer-Wettbewerb und weiß ein eingespieltes Team um sich.

Fotos: Archiv/Krüger

Schramm: Ich versuche es mit einem Beispiel aus dem Jahr 1990: Damals hat Josef Schöpf im Restaurant der Eberfürsthalle in einer Riesenpfanne acht Gerichte serviert, so dass die Athleten aus allen Nationen das Passende zum Essen gefunden haben. Da hat Nicolae Marasescu, der Trainer des Rumänen Sorin Matei, gesagt: ?Was beim Wettkampf passiert, ist zweitrangig. Aber das hier, das ist das Hochsprung-Mekka Eberstadt." Das hat uns ausgemacht. Wir haben es immer geschafft, einen gewissen Geist rüberzubringen. Die Springer haben immer gewusst, sie sind in Eberstadt keine Nummer, sondern willkommen. Das haben wir immer aufrechterhalten - auch, wenn es mit der Einführung des Frauen-Springens 2002 nicht mehr ging, dass wir am Tag vor dem Springen bei Kaffee und Käsekuchen beieinander saßen.

 

Die Leichtathletik hat nicht den Stellenwert des Fußballs. Ärgert Sie das als Sportdirektor?

Schramm: Klar ärgert mich das. Aber ich bin auch Fußballfan. Unfassbar ist für mich, dass wir unser 40. Meeting veranstalten und es den TV-Sendern trotzdem wichtiger ist Viertliga-Spiele zu übertragen.

 

Javier Sotomayor hat das Meeting mit geprägt. Ein Makel des Kubaners ist seine Dopingsperre. Hat Ihnen das einen Knacks versetzt?

Schramm: Das war schon ein Schlag. Ich war zweimal in Kuba und habe gesehen, wie er trainiert. Da hatte ich stets den Eindruck, dass er gar nichts einnehmen muss, um 2,30 Meter zu springen. Aber gegen Ende seiner Karriere hatte er viele Schmerzen und ist trotzdem noch gesprungen - weil er es musste. Er war derjenige, der das Geld eingetrieben hat. Zu Beginn hat er ja nur acht Prozent der Gagen erhalten.

 

Was sind für Sie die Top 3 der Eberstadt-Wettbewerbe?

Schramm: Drei wird schwer, gehen auch vier? Dann sage ich den Auftakt 1979, die zwei Weltrekorde durch Jacek Wszola und Zhu Jianhua und den Wettbewerb 1995, als elf Springer über 2,30 Meter gesegelt sind - bei 13 gestarteten Springern. Das hätte ich mir nie erträumt, das war unglaublich. Aber als Javier Sotomayor das erste Mal die 2,40 Meter gesprungen ist, das war auch ein Riesenerlebnis. Die Sprünge von Mutaz Essa Barshim kann ich ebenfalls nicht weglassen, er ist einfach eine große Figur. Die vergangenen drei Jahre waren nochmals wie in den Neunzigern.

Weiterlesen: Das letzte Hochsprung-Meeting in Eberstadt


Zur Person

Peter Schramm ist in Eberstadt geboren und neben dem alten Sportplatz aufgewachsen. Einst verbot ihm sein Vater Fußball zu spielen. "Technisch war ich nicht der Beste, aber ich war schnell und habe viele Tore geschossen", sagt der Fan des VfB Stuttgart. Der Mittelstreckenläufer arbeitete neben seiner Lehrtätigkeit für Sport und Religion lange Jahre als Landestrainer für Hochsprung, ist Erfinder wie Macher des Meetings in Eberstadt und hat dafür zahlreiche Ehrungen erhalten. Zuletzt ist Peter Schramm zum Ehrenmitglied im WLV ernannt worden. Der 75-Jährige ist verheiratet, Vater zweier Töchter und stolzer Opa. In der Leichtathletik-Abteilung der TSG Heilbronn fungiert "ps" seit Jahren als Sportwart.


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