Heimspiel ohne Heimvorteil beim Heilbronner Neckar-Cup

Tennis  Was ist beim Neckar-Cup ohne Zuschauer anders? Während Yannick Hanfmann und Philipp Kohlschreiber mit starken Auftritten glänzen und eine Runde weiterziehen, erlebt Rudolf Molleker auf vertrautem Platz eine Achterbahnfahrt - und scheidet aus.

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Achterbahnfahrt auf vertrautem Platz: Rudolf Molleker, Neckar-Cup-Sieger von 2018, hat sein Erstrundenspiel in Heilbronn mit 0:6, 6:3, 3:6 gegen den Franzosen Antoine Hoang verloren. Hätte er vor Zuschauern das enge Match gewonnen?

Fotos: Andreas Veigel

Auf den ersten Blick sieht es beim Heilbronner Neckar-Cup aus wie immer: Kleine Zelte und große Autos im Eingangsbereich, überall Werbebanner, Gewusel auf der Anlage, auf den Plätzen wird trainiert beziehungsweise um den Einzug in die nächste Runde gekämpft. Aber schnell ist klar: Das ist Notbetrieb. Hier sitzen zwar ein paar Ballkinder und Helfer, dort zwei, drei Spieler und der eine oder andere Trainer. Aber richtige Zuschauer, sie fehlen. "Ihr Applaus, ihr Geraune", sagt Mats Moraing. "Es macht einfach mehr Spaß, wenn Zuschauer dabei sind. Vor allem hier, wo wir immer sehr viele Fans haben."

Es ist ein Heimspiel ohne Heimvorteil für die deutschen Asse - von denen am Mittwoch vier im Achtelfinale aufschlagen: Moraing, Oscar Otte, Yannick Hanfmann und Philipp Kohlschreiber. Und vielleicht schafft es auch noch Yannick Maden, dessen Auftaktpartie am Dienstagabend wegen Regen abgebrochen wurde.

Bundestrainer Michael Kohlmann hat im Stimme-Interview die These aufgestellt, dass die deutschen Profis bei den deutschen Turnieren besser spielen, überproportional viele Siege holen. "Mein erstes Challenger-Turnier habe ich in Koblenz gewonnen", nickt Mats Moraing und denkt an den Januar 2018. Der 28 Jahre alte Mann aus Mühlheim fasst den Heimvorteil in Worte: "Man spricht die Sprache. Man kennt das Essen. Man hat eine dankbare Anreise mit dem Auto. Man hat normalerweise Zuschauer, die vor allem die deutschen Spieler unterstützen."

Heimspiel ohne Heimvorteil

Ist nun mal ein Routinier, auch beim Siegerinterview: Philipp Kohlschreiber.

Ob Molleker das enge Match mit Zuschauern gewonnen hätte?

Moraing hat auch ohne Fans sein drittes Match am Trappensee gewonnen, den Siegeszug der Qualifikation im Erstrundenmatch gegen den Schweizer Henri Laaksonen fortgesetzt. Ob Rudolf Molleker, der bei engen Spielständen das rhythmische Klatschen der Zuschauer auf dem Center Court an der Krummen Steige kennt, den Neckar-Cup 2018 gewonnen hat, mit Zuschauern gewonnen hätte? Müßig. Fakt ist, dass die Hälfte der bisher sechs Neckar-Cup-Auflagen deutsche Profis gewonnen haben. Und dass der mit 6:0, 3:6, 6:3 über Molleker siegreiche Franzose Antoine Hoang sagt: "Es ist sehr, sehr ruhig auf dem Platz. Das Match war sehr eng, am Ende war es eine 50:50-Chance für beide."

Ob mit Zuschauern oder ohne, das ist einer Personengruppe vergleichsweise schnuppe. Hans-Jürgen Ochs, als Supervisor während des Neckar-Cups die Stimme der Spielerorganisation ATP und somit auch der Stuhlschiedsrichter, sagt: "Ich wüsste nicht, was für sie auf dem Platz ohne Zuschauer anders sein sollte. Klar, die Atmosphäre fehlt." Unparteiisch bleibt unparteiisch. Wobei der Gemminger auf die neben den Plätzen stehenden und sitzenden Helfer, Ballkinder und Linienrichter deutet und anfügt: "Wir haben hier mehr Zuschauer als auf vielen, vielen Challengern."

Heimspiel ohne Heimvorteil

Blitzstart ins Turnier: Der Karlsruher Yannick Hanfmann hat gegen Prag-Sieger Tallon Griekspoor den ersten Satz in 28 Minuten gewonnen. Am Ende stand es 6:0, 6:4.

Hanfmann unterstreicht mit einem starken Auftritt seine Favoritenrolle

Die Zuschauer, die eigentlich keine Zuschauer sind, haben am Dienstag einen starken Auftritt von Yannick Hanfmann gesehen. Mit 6:0, 6:4 unterstrich er seine Favoritenrolle - keiner der im Turnier verbliebenen Profis steht in der Weltrangliste besser da: "Ja, klar nehme ich die Rolle an", sagte der Karlsruher nach der klaren Ansage gegen den Niederländer Tallon Griekspoor, der am Sonntag das Challenger in Prag gewonnen hatte. "Hoffentlich haben wir hier noch ein paar deutsche Siege. Eben schade nur, dass keine Fans dabei sind. Aber es gibt vielleicht im Streaming was Schönes zu sehen."

Ob die Fans zu Hause sitzen oder direkt am Platz, "das ist ein großer Unterschied", urteilt Carlos Berlocq. Der Argentinier ist eine lebende Legende, hat als Spieler 28 Challenger gewonnen und betreut in Heilbronn seinen Landsmann Tomas Martin Etcheverry. "Es mag in der ersten Runde egal sein. Aber je weiter du im Turnier kommst, wenn Spiele auf dem Center Court anstehen, du absolut auf dem Toplevel sein musst, umso größer ist der Unterschied. Ohne Zuschauer geht bei manchen Spielern die Motivation runter." Was der Australier Aleksandar Vukic, quasi Ein-Mann-Publikum seines Landsmanns Marc Polmans, indirekt bestätigt: "Es ist nicht so aufregend. Man muss sich selber mehr pushen."

Kohlschreiber hätte seinen Sieg gerne geteilt

Das kann Philipp Kohlschreiber noch immer. Seinen 6:4, 6:3-Sieg gegen den Franzosen Maxime Janvier kommentiert er mit den Worten: "Jeder Sieg ist schön." Er hätte ihn gerne geteilt. "Wir würden gerne vor ein paar Zuschauern spielen, haben aber immer noch eine schwere Zeit. Deshalb sind wir froh, dass es Sponsoren gibt, die es uns möglich machen, hier zu spielen." Auch ohne Zuschauer.

Die Lage Down Under

Australien hat es geschafft: "Bei uns ist alles offen, alles wieder ganz normal", erzählt Aleksandar Vukic von der Corona-Situation in seinem Heimatland, das er im März verlassen hat und in das er erst im Oktober wieder zurückkehren werde. "Jeder, der einreist, muss zwei Wochen in Quarantäne", sagt der 25-Jährige. "Für Australier ist die Situation super, für Tennisprofis, die zurück nach Hause wollen, nicht so." Wann immer es geht, verbringt Vukic auf der Tour Zeit mit Kollegen aus Down Under wie jetzt in Heilbronn mit Marc Polmans. "Wir können zwar nicht zusammen zum Essen gehen, aber zusammen unser bestelltes Essen abholen", scherzt Vukic. Beide sind am Mittwoch im Einzel ausgeschieden; Polmans ist im Doppel am Start. lm

 

Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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