Halbmarathon-Sieger läuft schneller als das Führungsfahrzeug

Leichtathletik  Emmanuel Kiprono gewinnt in flotten 1:05,03 Stunden. Dickson Kurui verteidigt erfolgreich den Titel beim Trolli auf der Marathon-Distanz.

Von Stefanie Wahl
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Halbmarathon-Sieger läuft schneller als das Führungsfahrzeug

Simone Raatz hat schon nach der Hälfte der Distanz schwere Beine gehabt, doch die Marathon-Siegerin beißt sich durch: Im Ziel wartet ihre dreijährige Tochter Emmi.

Etwas orientierungslos steht Dickson Kurui auf der blauen Tartanbahn des Frankenstadions. Nachdem er sich ein papiernes Vip-Bändchen um sein schmales Handgelenk geklebt hat, tippelt der Sieger des Trollinger-Marathons gedankenverloren weiter. Immerhin stehen dem Leichtgewicht nach den 42,195 Kilometern Schweißperlen auf der Stirn, nach Wasser dürstet es den Kenianer aber nicht.

"Schon als Kind bin ich immer fünf Kilometer in die Schule und fünf wieder zurück gelaufen", sagt der Mann aus dem kenianischen Hochland, der seinen Titel in Heilbronn erfolgreich verteidigt. "Ich bin in 3000 Meter Höhe aufgewachsen, bei uns laufen alle", meint Dickson Kurui. Für seine Sonntagsarbeit im Unterland erhält er 750 Euro Siegprämie.

Kay-Uwe Müller und die Schmerzen

Der erste Lohn für Kay-Uwe Müller ist ein Plastikbecher isotonische Limo. Die Gesichtszüge des 38-Jährigen sind in keinster Weise gezeichnet von den Strapazen. Der Ilshofener, der auf Kurui einen Abstand von 36 Sekunden hat, sagt mit einem Grinsen: "Die Schmerzen kommen erst morgen."

Zumal sich der deutsche Meister über die 50 Kilometer in diesem Jahr nicht explizit auf den Trollinger Marathon vorbereitet hat. Keine Zeit. Müller ist selbstständig, und sein Hausmeisterservice mit Gartenpflege lässt dem Sieger von 2015 zuletzt nicht genügend Raum für ein zielgerichtetes Training. Es klingt beinahe entschuldigend, wenn der Hohenloher sagt: "Ich mache nur 120 Kilometer die Woche."

Dennoch hat Müller ein wenig gehofft, dass es wieder nach ganz oben auf das Podest reichen könnte. "Aber ich wusste von Anfang an: wenn einer von den Kenianern dabei ist, dann ist der schneller. Da bin ich nicht nachtragend. Es gibt auch bessere Deutsche."

Halbmarathon-Sieger läuft schneller als das Führungsfahrzeug

Zwischen Böckingen und Klingenberg ist der Vorsprung von Dickson Kurui schon beträchtlich, der Kenianer ist wie im Vorjahr Schnellster.

Fotos: Andreas Veigel

Richard Schumacher wird Dritter

Das weiß auch Richard Schumacher, mit 2:35,46 Stunden Dritter beim Trolli. Doch der 34-Jährige von der Schwäbischen Alb kämpft ohnehin mehr mit sich als der Konkurrenz. Der Ultraläufer hat sich eine schnellere Zeit vorgenommen, aber sein Körper ist an diesem Tag nicht bereit dafür. Verbissen kämpft er gegen den Salzmangel an, der sich in Krämpfen in den Armen und Beinen äußert. Richard Schumacher mag es lieber ein wenig kühler, die Mai-Sonne in und um Heilbronn spürt er: "Da geht der Puls an den Anstiegen nochmal um 20 Schläge höher", sagt Richard Schumacher.

Auch Simone Raatz, Frauen-Siegerin mit 3:03,28 Stunden vor der Rumänin Maria Magdalena Veliscu (3:10,05) und Conny Scholze (Geno Runners 3:18,29), hat ab Kilometer 20 ihre liebe Not. Die 42-Jährige ruft von unterwegs gar ihren Mann Wilfried auf dem Handy an, um den Abstand der Nachfolgenden zu erfragen. So platt fühlt sie sich - was auch an ihrer Glutenunverträglichkeit und weniger Läufen liegt. Die Motivation für Raatz durchzuhalten: Emmi. Die Dreijährige wartet im Ziel. Kein Wunder, dass Simone Raatz ihre Tochter gleich hinter dem Zielstrich liebevoll auf den Arm nimmt.

Veliscu will 2018 zehn Marathons laufen

Nur wenige Meter nach dem Strich redet Maria Magdalena Veliscu schon wieder vom nächsten Lauf. Heilbronn ist bereits ihr vierter Marathon in dieser Saison, in der Addition sollen es zehn werden - ein äußerst strammes Vorhaben. Schon in zwei Wochen soll es in Rumänien weitergehen. Da ist eine schnelle Regeneration vorteilhaft.

Darauf verschwendet Marius Puchta am Nachmittag keinen einzigen Gedanken. Er freut sich vielmehr darüber, als Dritter in 1:15,42 Stunden schnellster Weißer im Halbmarathon geworden zu sein. Dass Sieger Emmanuel Kiprono (1:05,03) gar schneller als das Führungsfahrzeug ist (und Laufkollege Jonah Kiplagat Kemboi), kostet den Vater einer fünf Monate alten Tochter nur ein Schmunzeln. Der Kenianer trainiert schließlich mit Rio-Olympiasieger Eliud Kipchoge, beide stammen sie aus Kapsisiywa. Über seine flotte Zeit sagt Kiprono nur: "Das passt für mich."

Gläserne Trophäe für Prisca Kiprono

Routiniert nimmt auch Prisca Kiprono (Kenia/1:21,49) als Frauen-Siegerin im Halbmarathon ihre gläserne Trophäe entgegen. Sie liegt siebeneinhalb Minuten vor der Vorjahresdritten Hannah Arndt (Pliezhausen) und satte elf Minuten vor Katharina Kaufmann (Lidl/1:32,55).

 


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