"Es wird zu viel diskutiert und gemeckert"

Interview  Hoffenheims Manager Alexander Rosen erzählt im Stimme-Interview, was ihm an der Bundesliga missfällt.

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"Es wird zu viel diskutiert und gemeckert"
Auf den Fehlstart folgten zuletzt sechs Pflichtspielsiege. Sportdirektor Alexander Rosen hat allen Grund, gut gelaunt zu sein. Foto: imago images/Harry Langer/DeFodi.eu

Als Seriensieger hat sich die TSG Hoffenheim in die zweiwöchige Bundesligapause verabschiedet. Im Interview blickt Sportdirektor Alexander Rosen auf die aktuelle Situation - und über den Tellerrand hinaus.

 

Wer hat denn zuletzt dem anderen häufiger nach Siegen gratuliert: Sie Ex-Trainer Julian Nagelsmann oder er Ihnen?

Alexander Rosen: Es war völlig klar, dass unser persönliches Verhältnis unabhängig von der beruflichen Konkurrenz bestehen bleibt. Das ist für mich das normalste der Welt. Natürlich freue ich mich für ihn und gratuliere, wenn er nach einer Phase von vier Spielen ohne Sieg, in der ihm die ersten "Experten" eine Krise reinsingen wollen, so ein Wahnsinns-Sieg wie im DFB-Pokal gegen Wolfsburg (6:1, Anmerkung d. Redaktion) gelingt. Genauso ist es andersherum. Aber wir haben jetzt keinen wöchentlichen Gratulationskreislauf.

 

Erklären Sie uns doch mal den Hoffenheimer Höhenflug der vergangenen Wochen.

Rosen: Eine Analyse nur anhand der Ergebnisse der vergangenen Wochen wäre eindeutig zu kurz gegriffen. Ich finde in diesem Zusammenhang ohnehin deutlich interessanter, wie ich mich vor der aktuellen Rekordserie öffentlich geäußert habe - vielleicht ist das die beste Erklärung (Rosen sagte, man werde ruhig weiterarbeiten, Anmerk. der Redaktion). Unabhängig davon kann ein 2:1-Sieg bei den Bayern eine Initialzündung darstellen, die jedem Einzelnen noch einmal mehr Vertrauen in die eigene Stärke gibt.

 

Die Mannschaft wirkt fitter als in der vergangenen Saison.

Rosen: Wir hatten immer fitte Mannschaften - das möchte ich klar betonen. Die wegfallende Belastung Europapokal ist sicher ein Thema. Dass wir Spiele in der Schlussphase gewinnen wie in Berlin oder Köln, hat meiner Meinung nach mehr mit einer gewachsenen Erfahrung der Spielergruppe zu tun.

 

Hat Sie die Siegesserie überrascht?

Rosen: Viele sprachen in den vergangenen Monaten immer nur über die, die gegangen sind oder die Verletzten. Ich war und bin total davon überzeugt, dass wir über einen hochwertigen Kader verfügen. Wir hatten ja vor der Saison keine Mannschaft, bei der man zwingend davon ausgehen musste, dass die gegen den Abstieg spielt (grinst).

 

Große Euphorie ist trotz sechs Siegen in Serie keine zu spüren.

Rosen: Aber viel Fokussierung, Konzentration und Ruhe - das ist mir aktuell deutlich lieber. Unabhängig davon herrscht doch außer bei Gladbach eigentlich nirgends überschwängliche Euphorie. Die obere Tabellenhälfte der Bundesliga ist in dieser Saison so ausgeglichen wie selten zuvor, die Punktabstände sind sehr gering. Man kann als Tabellendritter zwei Wochen später plötzlich auf Rang neun stehen - das macht es in diesem ausschlagsorientierten Medienzeitalter nicht unbedingt leichter.

 

Andrej Kramaric war lange verletzt, Ishak Belfodil fällt noch lange aus. Kommt in der Winterpause noch ein Stürmer?

Rosen: Wir haben großes Vertrauen in die Jungs, die da sind. Kramaric, Adamyan, Bebou und Locadia - alle haben in dieser Saison schon getroffen. Wir sind gut aufgestellt, aber es ist immer ratsam vorbereitet zu sein. Die anstehende Transferperiode ist aufgrund der EM 2020 durchaus interessant. Es wird vielleicht Spieler geben, die auf mehr Spielzeit kommen wollen, um sich für ihre Nationalmannschaften zu empfehlen. So haben wir 2016 übrigens Andrej Kramaric bekommen können und gegebenenfalls gibt es die Möglichkeit, einen Vorgriff auf die Saison 2020/21 zu tätigen.

 

Wie haben Sie Ihrem siebenjährigen Sohn erklärt, was der Ex-Hoffenheimer David Abraham als Frankfurter Kapitän beim Check gegen Christian Streich veranstaltet hat?

Rosen: Er hat die Szene nicht gesehen, insofern musste ich ihm nichts erklären. Aber zu dieser Situation gibt es ohnehin keine zwei Meinungen. Es war ein kurzfristiger Kontrollverlust bei David Abraham, der ihm so niemals passieren darf.

 

Wird der Umgang auf dem Platz immer schlimmer?

Rosen: Das glaube ich nicht. Wenn man mit Spielern aus den älteren Generationen spricht, dann hört man immer wieder, dass es früher deutlich härter und auch ein Stück weit hinterlistiger zur Sache ging. Es gab viel weniger Kameras, keinen Videobeweis und die Schiedsrichter waren auch nicht so lauffreudig wie die heutigen Referees (lacht). Mich stört da seit geraumer Zeit auch eher etwas anderes.

 

Was denn?

Rosen: Die Haltung vieler Protagonisten im Hinblick auf einen respektvollen Umgang miteinander. Es wird mir zu viel diskutiert, gemeckert und gestikuliert - da möchte ich unsere Spieler übrigens gar nicht rausnehmen. Wenn ich dann noch sehe, wie meine Berufskollegen auf den Ersatzbänken teilweise auf den vierten Offiziellen zustürmen, dann finde ich das bedenklich.

 

Inwiefern?

Rosen: Ich verstehe ja, wenn ein Cheftrainer mal ein Ventil braucht. Aber Manager? Das erschließt sich mir nicht, außer natürlich der dahinter stehende Versuch, den vierten Offiziellen unter Druck zu setzen und damit zu manipulieren. Eine Unart, die dringend unterbunden werden sollte.

 

Ist es dann Selbstschutz, dass Sie auf der Tribüne sitzen?

Rosen: Nein, ich sitze auf der Tribüne, weil ich das Spiel mit Abstand von oben aus einer anderen Perspektive sehen will.

 

Was muss dann passieren?

Rosen: Es geht meiner Ansicht nach nur, wenn alle Beteiligten auf und neben dem Spielfeld ihre Verhaltensweisen ändern. Mehr Achtsamkeit und Respekt füreinander wären wünschenswert und stünden in meinen Augen nicht im Widerspruch zu einem harten sportlichen Wettkampf. Es gibt viele Sportarten wie zum Beispiel Rugby oder Eishockey, in denen es körperlich viel härter zugeht als im Fußball und da klappt das hervorragend. Teilweise sind dort die Kommunikationsregeln mit den Schiedsrichtern klar definiert und werden völlig problemlos umgesetzt.

 

Verlöre der Fußball dann an Emotionen?

Rosen: Nein, das hat bei der Einführung des Videobeweises auch jeder gedacht. Und eines ist sicher: Es wird definitiv nicht weniger diskutiert!

 

Zur Person

Die bundesligafreie Zeit hat Alexander Rosen (40) genossen. Durchschnaufen bei der Familie. Seit April 2013 ist er Direktor Profifußball bei der TSG Hoffenheim, damit gehört er mittlerweile zu den dienstältesten Managern in der Bundesliga. Gemeinsam mit Julian Nagelsmann führte er den Club zwei Mal nach Europa. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne (sieben und drei). 


Florian Huber

Florian Huber

Autor

Florian Huber ist seit 2007 bei der Heilbronner Stimme. Als Sportredakteur ist er seitdem unter anderem zuständig für Fußball. Auf Sportplätzen der Region und in den großen Stadien der Republik. 

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