Erzwungener Abgang ohne Wackler: Turnerin Antonia Alicke beendet ihr Karriere

Turnen  Nach dem Aus für ihr US-Team UIC Flames beendet Antonia Alicke ihre Leistungssport-Karriere. Für ihr Stipedium in Chicago kehrt die Talheimerin im August dennoch nach Amerika zurück. Mit gemischten Gefühlen.

Von Dominik Knobloch
Erzwungener Abgang ohne Wackler: Turnerin Antonia Alicke beendet ihr Karriere
Kein Rückzieher: Einen Rücktritt vom Rücktritt schließt Antonia Alicke aus. "Ich hatte meine Momente und bin im Reinen mit mir", sagt die 20-Jährige. Foto: dpa

Sich einfach mal treiben lassen. Ganz ohne schlechtes Gewissen. Es ist für Atonia Alicke nach wie vor ein etwas befremdliches Gefühl. Die 20-Jährige ist es gewohnt, ihr Leben minutiös zu planen. Dieselben Abläufe immer und immer wieder zu verfeinern. Bis sie ganz automatisch ablaufen. Selbst wenn die Bewegungsmuster noch so komplex sind.

Das lernt sie schon früh bei der TG Böckingen. Und festigt es später in Stuttgart und den Vereinigten Staaten. Nun kann sich die gebürtige Talheimerin Zeit für vermeintliche Banalitäten in der Heimat lassen. Und sie weiß jede einzelne davon zu schätzen. Ist mit sich im Reinen.

Studium der Psychologie und Kriminologie

Wenn Alicke im August zurück in die USA fliegt, um ihr Studium der Psychologie und Kriminologie in Chicago fortzuführen, hat sie dennoch gemischte Gefühle im Gepäck. "Antonia Alicke, Ex-Turnerin", so wird sie sich künftig auf englisch in ihrem letzten Jahr am College vorstellen. Denn ihr Turn-Team UIC Flames ist dann Geschichte. Und damit auch die Sport-Karriere der jungen Frau aus dem Unterland.

Bereits im vergangenen Jahr begrüßte die Trainerin ihre Mannschaft mit Tränen in den Augen. Erklärte, dass es die letzte gemeinsame Saison ist. Eine richtige Begründung dafür gibt es bis heute nicht. "Mal ist gefallen, dass es wegen des Geldes ist. Mal, weil wir als Turnen nicht bei den restlichen Sportarten eingegliedert sind. Aber das Hauptargument war immer das Finanzielle." Trotz zahlreicher Spenden änderte sich nichts am Entschluss der Leitung: "Man ist uns gar nicht entgegen gekommen. Die Entscheidung war getroffen."

Erzwungener Abgang ohne Wackler: Turnerin Antonia Alicke beendet ihr Karriere
Antonia Alicke gibt sich im Redaktionsgespräch gelöst. Sie steht selbstbewusst hinter der Entscheidung, ihre Turn-Karriere zu beenden. Foto: Mario Berger

Mit dem Turnen in Deutschland war Alicke schon fertig

Bereits als Antonia Alicke ihr Sportstipendium in Chicago bekommen hatte, war auch für sie eine Entscheidung gefallen. Mit dem Turnen in Deutschland war Alicke schon fertig, als sie ins Amerika-Abenteuer aufbrach: "Das ganze System hier ist schwer. International war schon damals klar, dass ich raus bin. Nach Amerika nochmal Bundesliga zu turnen - da ist mir der Aufwand zu groß."

Also bedeutet das Ende der UIC Flames auch das Ende der Turnerin Antonia Alicke. Es ist ein erzwungener Abgang. Aber Alicke nimmt ihn ohne Wackler. Schaut mit einem Lächeln auf den Lippen zurück: "Ich habe absolut das richtige gemacht, hatte viel Spaß und durfte tolle Menschen kennenlernen. Ich würde es auch heute nicht eintauschen wollen. Ich habe alles erreicht, was ich wollte und durch mein Studium ja auch jetzt noch etwas."

Turnerische Disziplin hilft beim Studieren

Denn in die Zukunft kann Alicke ebenfalls zuversichtlich blicken. Auch ohne ihren Sport läuft das Stipendium bis Mai 2020 weiter. Dann soll ihr Doppel-Bachelor abgeschlossen sein. Die Noten sind bisher vorzüglich. Die turnerische Disziplin hilft, verrät Antonia Alicke schmunzelnd.

Einen kompatiblen Master möchte sie Ende nächsten Jahres in Berlin oder Hamburg beginnen. Dort allerdings keine zweite Turn-Karriere: "Ich hatte meine Momente und bin im Reinen mit mir. Es gibt viele, die den richtigen Zeitpunkt für den Absprung nicht finden. Ich will irgendwann auch mal anfangen zu arbeiten und Geld zu verdienen. Außerdem habe ich bisher mein ganzes Leben lang geturnt und freue mich schon, künftig mal nicht den ganzen Tag durchgetaktet zu haben." Sich mal spontan auf einen Kaffee treffen? "Da kam immer ein Nein. Ich hatte immer Training."

Kein Muss, kein Abtrainieren

Und Abtrainieren? "Das habe ich jetzt eigentlich gar nicht gemacht", gesteht Antonia Alicke lachend. Sie hatte es zwar vor, aber "es war das erste Mal nach so vielen Jahren, dass ich nicht musste". Außerdem standen ja auch die Abschlussprüfungen an, die Alicke allesamt mit einer Eins bestanden hat.

Erst nach dem anschließend Familienurlaub merkte die 20-Jährige langsam, das plötzlich ungewohnte Zeitfenster zur freien Verfügung stehen. Noch fühlen sie sich etwas befremdlich an. Und gerade deshalb weiß Antonia Alicke sie zu schätzen.


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