Eppinger auf dem Weg zum Schach-Großmeister

Schach  Talent, Intuition und Erfahrung sind die stärksten Waffen von Christopher Noe: Der Schachspieler des SC Eppingen steht kurz davor, einen der größten Titel seiner Zunft zu sichern. Am Wochenende könnte das bereits klappen. Immerhin 20 Züge hat unser Reporter sich gegen ihn behaupten können.

Von Martin Peter
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Das Spiel ist seine Motivation
Wie in einem guten Film: Wenn Christopher Noe (links) erst einmal in der Partie ist, kann er sich fokussieren, alles andere um ihn herum ausblenden. Foto: Alexander Bertok

Das Jugendtraining an diesem Abend liegt in den letzten Zügen. Kaum, dass er den kleinen Saal betritt, richten sich die Blicke auf Christopher Noe. Der Nachwuchs schaut auf zu ihm, dem angehenden Großmeister. Einem echten Vorbild. Aber Berührungsängste, die gibt es hier in der Villa Waldeck in Eppingen keine. Noe ist einer von ihnen.

Noch bevor er sitzt, wird der 22-Jährige in Beschlag genommen, sein Rat ist gefragt. Eilig werden auf dem Brett vor ihm Schachfiguren aufgebaut, eine Stellung, die sich so bei einer Partie ergeben hat. Für den Laien sieht es zerfahren aus. Die Frage, die Noe beantworten soll: Wie geht die Partie aus? Ein Blick. "Schwarz muss verlieren", sagt Noe. Fünf Sekunden sind vergangen. Höchstens. Und er hat recht, natürlich.

Wie schnell ein Großmeister in spe, immerhin einer der Besten seines Fachs, wohl einen Anfänger schlagen würde? "Probieren wir es aus", sagt Noe und stellt die Figuren auf. Er spielt für sein Leben gerne, liebt jede Form der Herausforderung. Doch festlegen, wie viele Züge er etwa braucht, um unseren Reporter Schachmatt zu setzen, will sich Noe lieber nicht. Vielleicht aus Respekt. "Schachspieler sind keine Zocker", sagt er. Eine Prognose ist ihm dann aber doch zu entlocken. "Zehn Züge sollte schon jeder durchhalten können." Wenn es früher vorbei sein soll, müsste sein Gegenüber tatkräftig mithelfen, grobe Fehler machen.

Schemen einprägen, Datenbanken studieren: Das alles liegt ihm nicht

Aber die Eröffnung mit dem Bauern von E2 auf E4 lobt der Meister. "Die spiele ich auch oft", sagt er und zückt seinen Springer. Ein eher ungewöhnlicher Zug, räumt er ein.

Ungewöhnlich ist das Talent von Noe. Ungewöhnlich groß. Gleich bei seinem ersten Turnier wird der Eppinger badischer Meister der Klasse der unter Zehnjährigen. Er war gerade sechs, erst neu im Verein. Kurze Zeit später ist er in der Altersklasse U9 sogar der Beste in Deutschland. Klar, dass Noe auch bei der deutschen Meisterschaft vorne mitmischt, am Ende Zweiter wird. Aber das ist nicht der Maßstab. "Im Schach vergleicht man sich mit Spielern auf der ganzen Welt." In Deutschland gibt es in seinem Alter selbst heute vielleicht eine Handvoll Spieler, die ähnlich gut sind. "Dabei bin ich für einen Schachspieler relativ faul", sagt Noe. Schemen einprägen, Datenbanken studieren, auswendig lernen: Das alles liegt ihm nicht. "Meine Motivation ist zu spielen." So wie an diesem Abend.

Alles folgt einem höheren Plan

Schon nach ein paar Zügen steht Noe vor der Wahl, ob er aggressiver spielen soll. "Gegen einen stärkeren Gegner würde ich die solidere Variante wählen", sagt er und opfert vorzeitig einen Bauern. Die Entscheidung folgt einem höheren Plan.

Vorausschauend denken, Folgen kalkulieren, entscheiden: Schach ist eine gute Schule fürs Leben. In einigen Ländern ist der Denksport in der Schule bereits Pflichtfach. "Man lernt, Verantwortung zu übernehmen", sagt Noe. Er selber hat es für sein Alter weit gebracht, leitet inzwischen seit zwei Jahren die Sparkassenfiliale in Zaberfeld. Ein Überflieger? "Nein, ich denke nicht." Er sei zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen, hatte Glück. Auch das gehört dazu. Im Schach wie im Leben. Auch das Klischee, dass ein Schachspieler gut in Mathe ist, erfüllt Noe nicht wirklich. "Da bin ich wohl eine Ausnahme", sagt er.

Im höheren Sinn ist es schon vorbei

Sich konzentrieren: Das kann er wie wenige. "Ich denke automatisch weiter." Daher sieht er in der laufenden Partie nach zehn Zügen: "Im höheren Sinn ist es schon vorbei." Tatsächlich wird es sich noch ein wenig ziehen. So wie bei ihm der Titel zum Großmeister.

Vor einem Jahr stand Christopher Noe davor, die noch fehlende Hürde zu nehmen. Doch dann hatte er Lospech: In der letzten Runde des Turniers in Neustadt an der Weinstraße traf Noe auf einen zu schwachen Gegner und musste sich gedulden. Bis heute: Dieses Wochenende unternimmt er an selber Stelle den nächsten Anlauf. "Ich will jetzt einen Haken an die Sache machen", macht er klar.

Erledigt ist auch die kleine Partie mit unserem Reporter, 20 Züge sind es etwa geworden, der König war jedoch schon länger bewegungsunfähig. Trotzdem, keine so schlechte Bilanz gegen den angehenden Großmeister, der auf keinen Fall ein Profi sein möchte. "Da würde dann Zwang dahinter stehen. Das würde mich irgendwann ankotzen." Dafür liebt er das Spiel einfach zu sehr.


Der Weg zum Großmeister

Um Großmeister zu werden, muss ein Schachspieler im Prinzip zwei Hürden nehmen. Zunächst einmal muss er eine gewisse Spielstärke vorweisen können, die in der Sportart in der sogenannten Elo-Zahl gemessen wird. Sie ist mit den Weltranglisten-Punkten im Tennis vergleichbar. Für die Norm zum Großmeister müssen Schachspieler wenigstens einmal in ihrer Sportlerkarriere die 2500-Punkte-Marke überschritten haben. Aktuell hat Christopher Noe um die 2520 Punkte, die Hürde ist also geschafft. "Das kann mir keiner mehr nehmen."

Die zweite Hürde: Bei drei großen, international besetzten Turnieren erfolgreich abschneiden. Klingt simpel - ist es aber nicht. Solche Turniere sind zum einen rar gesät, zum anderen nicht immer stark genug besetzt. Und laufen muss es dann auch erstmal. Aktuell muss der Eppinger Noe nur noch ein erfolgreiches Turnier dieser Art bestreiten, dann ist er endlich Großmeister. "Den Titel hat man dann auf Lebenszeit", sagt er. 


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