Die Kräfte der Jule Strähle

Ski  Für die Hohenloherin Juliane Strähle geht ein besonderes Jahr zu Ende. Die 37-jährige Physiotherapeutin aus Hohenlohe war eine ganz wichtige Bezugsperson für die deutschen Skispringerinnen. Nun macht sie damit Schluss.

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Während der Bundesgartenschau in Heilbronn sagte Svenja Würth im Sommer bei einem Sponsorentermin: "Jule fehlt extrem. Sie ist die gute Seele unserer Mannschaft gewesen und hat immer für gute Stimmung gesorgt." Olympiasiegerin Carina Vogt ergänzte: "Sie war mehr als eine Physiotherapeutin." Die vor allem an den Erfolgen der fünfmaligen Weltmeisterin großen Anteil hatte − und weiterhin eine gute Freundin der beiden Flieger-Asse ist.

Die Kräfte der guten Jule

Ihre letzte WM: Juliane Strähle im Frühjahr in Seefeld.

Foto: Archiv/Müller-Appenzeller

Juliane Strähle sitzt in einem Café in Oberstdorf und lacht. Die Frau aus Forchtenberg lebt seit Oktober 2007 hier, arbeitet in der Physiotherapie Hackenberg und Martin. Die ehemalige Faustball-Bundesligaspielerin des TSV Niedernhall erinnert sich noch gut an das allererste Weltcup-Springen für Frauen, 3. Dezember 2011 in Lillehammer: "Ich war mega nervös, hatte ja überhaupt keine Ahnung vom Skispringen." Bundestrainer Andreas Bauer, der 55-Jährige kommt aus Oberstdorf, erklärt: "Ein Physiotherapeut im Skispringen steht nicht nur abends an der Massagebank, sondern ist die einzige Person unseres Teams, die an der Schanze unten alles steuert." Dass die richtigen Sponsoren-Logos im TV-Interview zu sehen sind oder dass der Sprunganzug nicht vor der Materialkontrolle geöffnet wird.

"Einmal haben wir die Materialkontrolle vergessen", erzählt Juliane Strähle. "Eine Springerin war super happy und rannte erst mal zu ihrer Familie und ihrem Freund. Wir hätten disqualifiziert werden können, bekamen aber nur eine saftige Verwarnung." Den Namen nennt sie natürlich nicht. Oder wie es Carina Vogt ausdrückte: "Man konnte bei Jule auch einfach mal den Frust rauslassen und hat gewusst, das bleibt in den vier Wänden."

War die Frau mit den heilenden Händen und der sonnigen Seele eine größere Hilfe für Knie oder Kopf? Nachdenklich sagte Carina Vogt: "Sie ist eine sehr gute Therapeutin. Und was keiner weiß: In der Nacht vor Großereignissen schlafe ich nicht so gut." Die an der Schanze so cool wirkende Skispringerin vom SC Degenfeld hat etliche nervöse Nächte bei der guten Jule verbracht. "Ich darf gar nicht sagen, wie wenig sie da immer geschlafen hat − ich auch. Wir haben Musik gehört, geratscht." Es war einmal.

Der perfekte Zeitpunkt zum Aufhören

Als kürzlich in Lillehammer die Saison begann, dachte Juliane Strähle: "Da sollte ich doch jetzt unten an der Schanze stehen. Aber es hat sich gut angefühlt." Weil es durch die vielen Verletzungen und die neue Altersstruktur im Team der perfekte Zeitpunkt zum Aufhören gewesen sei. Weil sie ihre Mädels in guten Händen weiß, in denen ihrer Praxiskollegin Theresia Schuster. Und weil sie es nach acht Jahren nicht mehr gepackt habe: "Ich musste von April bis Oktober in der Praxis mindestens 100 bis 130 Überstunden reinarbeiten, um im Winter gerade so hinzukommen." Der Deutsche Skiverband habe sie zwar für 90 Tage bezahlt, aber zusätzlich seien all die Reisetage angefallen.

Juliane Strähle ist weiterhin in Kontakt mit den meisten: Andi Bauer ("Natürlich fehlt jemand, dem man blind vertrauen konnte") und Katharina Althaus besuchen sie immer mal wieder in der Praxis, mit Carina Vogt, Svenja Würth und Ramona Straub machte sie Ende September im Club der Besten auf Fuerteventura einfach Urlaub − Vogt nahm sie als Begleitperson mit. Nach Weihnachten ("Ich war in Forchtenberg, wo ich mich auch immer mit den Faustballerinnen von früher treffe"), hatte sie wie gewohnt zur Vierschanzentournee Besuch von Physio- und Faustballfreundinnen. Strähle sagt: "Es wäre schon cool, wenn es eines Tages in Oberstdorf die Tournee für Frauen gäbe."

Für Juliane Strähle beginnt nun ein besonderes Jahr. "Ab 1. Januar steige ich als vierte Teilhaberin in die Praxis ein", sagt sie und strahlt.


Schreckensbilanz

Seit der Weltcup-Premiere der Skispringerinnen vor acht Jahren haben die deutschen Frauen neun Kreuzbandrisse zu verschmerzen. "Das tut schon arg weh. Da musst du dir im Zimmer die Tränen verdrücken", sagt Juliane Strähle. "Tag für Tag geben die Mädels alles im Training, und ein Sprung macht alles kaputt." 


Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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