Den Reitern droht ein Vereinssterben

Reitsport  In den Ställen ist alles anders und dennoch muss alles wie immer sein: Es gibt noch keine Turnierabsagen in der Region. Doch wenn die Corosa-Krise längert dauert, ist das Überleben vieler Vereine gefährdet, fürchtet der Vorsitzende des Pferdesportkreises Franken.

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Klar kommen mit der Sondersituation: Saskia Knoll aus Neckarsulm hat eine Reitbeteiligung und bewegt ein Pferd in der Ilsfelder Reithalle.

Foto: Andreas Veigel

Es gibt ein Mitglied der großen Sportlerfamilie, das weiter Tag für Tag aktiv sein muss: die Reiter. "Das Schöne ist", sagt Ann-Kathrin Lindner, "die Tiere wissen nichts vom Coronavirus. Ich bin derzeit am liebsten im Stall." Doch auch dort gelten plötzlich ganz andere Regeln. Der Schulbetrieb ist eingestellt, in den Stall dürfe nur eine Person pro Tier, sagt die Dressurreiterin vom RV Heilbronn. "Wer vom Reitunterricht lebt, hat ein Problem."

PSK-Vorsitzender ist ratlos

Frank Uhde, seit wenigen Wochen Vorsitzender des Pferdesportkreises (PSK) Franken, ist ratlos, wie er sagt: "Wir wissen alle nicht, wie es weitergeht." Klar sei lediglich: "Wenn die Corona-Krise länger dauert, gibt es ein Vereinssterben."

Die Liste der bis Anfang Juli abgesagten Turniere auf der Internetseite des Pferdesportverbandes Baden-Württemberg ist endlos. Es sind schon fast 100 Veranstaltungen. Turniere aus dem PSK Franken stehen nicht auf der Liste. Noch nicht. Von 8. bis 10. Mai macht der RV Schwaigern traditionell den Auftakt der grünen Saison. "Wir bereiten uns auf eine Absage vor, sind aber trotz allem in der Planung", sagt Oliver Schmiech, der Zweite Vorsitzende des RV Schwaigern. Es ist die Quadratur des Kreises. Die Absage des Maiturniers "würde ein Riesenloch reißen, finanziell und emotional", sagt Oliver Schmiech.

Der Reiterball wurde abgesagt

Die erste empfindliche Absage haben die Schwaigerner schon hinter sich: Am Samstag hätte mit dem Reiterball in der Horst-Haug-Halle der 60. Geburtstag des Vereins gefeiert werden sollen - bereits vor vier Wochen wurde in weiser Voraussicht alles abgeblasen. Was aber richtig weh tut: Das Aussetzen des Reitunterrichts. Pro Monat fehlten so 15 000 Euro, sagt Oliver Schmiech. "Das ist nicht lange auszuhalten."

Der RV Schwaigern hat 17 Schulpferde - also dürften 17 Personen zur Versorgung in den Stall. Aber das wären viel zu viele. "Wir haben einen Pferdeversorgungsplan erstellt", sagt Oliver Schmiech, erzählt von Listen, in die sich die acht freiwilligen Helfer einzutragen hätten. Grundsätzlich beschäftigt der Verein drei Angestellte. "Aber die sind logischerweise in Kurzarbeit." Alles nicht so einfach gerade.

Sponsoren bleiben dabei

Wobei es auch positive Erlebnisse gibt. Drei von 14 Sponsoren hätten, so Schmiech, ohne Nachfrage mitgeteilt, den Verein auch im Falle des Ausfalles des Maiturniers zu unterstützen: "Das ist ein tolles Zeichen. Auch wenn es pathetisch klingt: Jetzt ist die Stunde der Kameradschaft."

Den Reitern droht ein Vereinssterben

Strikte Regeln: Verbotsschilder an der Reithalle in Ilsfeld. Foto: Andreas Veigel

Auch beim SV Leingarten ist die Situation bedrückend, wie Abteilungsleiter Uwe Richter berichtet. "Es dürfen maximal vier Reiter in die Halle." Von 21. bis 24. Mai ist das große Turnier geplant. "Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es stattfindet", sagt Uwe Richter. "Innerlich habe ich schon abgesagt." Auch Dieter Melwitz, Erster Vorsitzender des RV Ilsfeld, sieht wenig Chancen, dass der Höhepunkt der Turniersaison in der Region von 26. bis 28. Juni in Ilsfeld wie geplant stattfinden kann. "Wenn sich die Leute nicht trauen, bei uns etwas zu essen, dann kannst du kein Turnier machen." Am Donnerstag habe er die kleine Halle des Vereins mit einem Schloss versehen müssen, weil es sich um eine geschlossene Sportstätte handele.

"Im Moment bricht alles weg", sagt Frank Uhde. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung verschicke zwar jeden Tag neue Erkenntnisse, habe aber auch keine Lösungen. "Wir müssen einfach schauen, dass wir jeden Tag unsere Pferde versorgt bekommen."

Ausweichen aus Angst

Ann-Kathrin Lindner beschreibt die Stimmung im Stall des RV Heilbronn am Trappensee, wo sie sechs Pferde zu versorgen hat, als mulmig. "Innerhalb von ein paar Stunden trifft man höchstens fünf Menschen. Ich bin die einzige, die noch zur Arbeit geht. Mir weichen alle aus, weil sie Angst haben, dass ich etwas aus dem Geschäft mitbringe", sagt das 23-jährige Mitglied des Bundeskaders - Ann-Kathrin Lindner verdient ihr Geld als Physiotherapeutin. Noch vor ein paar Tagen sei sie wegen der Nähe zu Patienten total entspannt gewesen, mittlerweile habe sie aber Respekt. "Es ist besser, dass gerade alles ruht. Wenn ich so das Risiko vermindern kann, dass meine Familie erkrankt, dann verzichte ich 2020 gerne auf Turniere."

Das nächste Turnier kommt bestimmt - die Frage ist nur wann. Sie trainiere derzeit nicht so viele Lektionen mit ihren Pferden, sagt Ann-Kathrin Lindner, "ich schaue, dass sie gymnastiziert bleiben und auch mal nur Auslauf haben. Sie sollen Kraft tanken." Denn womöglich komme im Herbst alles geballt. Hoffentlich.

Lindner feiert Erfolge in Belgien

Den Reitern droht ein Vereinssterben

So war es im Sommer 2019: Ann-Kathrin Lindner beim Großen Preis von Ilsfeld. Foto: Andreas Veigel

Ann-Kathrin Lindner hat vielen Reitsportlern etwas voraus. Die amtierende U25-Team-Europameisterin hat dieses Jahr schon bei zwei Turnieren gesattelt: vor einer Woche in Pforzheim sowie zwei Wochen zuvor in Lier (Belgien). Dort feierte die Kaderreiterin eine doppelte Premiere: Es war der erste Start der 23-Jährigen bei einem internationalen Vier-Sterne-Turnier und im Sattel des 16-jährigen Flatley ihr erster Grand Prix Special (68,468 Prozent). Zudem meldete sich ihr EM-Partner Sunfire nach siebenmonatiger Turnierpause mit zwei Siegen zurück (U25-Grand Prix und U25-Kür - die 76,115 Prozent sind persönliche Bestleistung).

Außerdem präsentierte Lindner ihre 13-jährige Dulcia. "Ich bin so froh, dass ich auf diesem Turnier war", sagt Ann-Kathrin Lindner vom RV Heilbronn. Das sei ein Vorteil gegenüber der Konkurrenz, die zum Teil noch gar nicht unter Wettkampfbedingungen geritten sei. "Sunfire hat gezeigt, dass wir da sind." Parallel zu Lier hatte der RV Heilbronn am 29. Februar ein Late-Entry-Springturnier durchgeführt - für längere Zeit das vorerst letzte in der Region. 

 

Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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