Christa Jung ist auch in Stuttgart richtungsweisend

Reitsport  Bad Friedrichshallerin baut seit 42 Jahren Springparcours In der Schleyerhalle messen sich Mitte November die Besten der Besten

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Christa Jung ist auch in Stuttgart richtungsweisend

Der Zollstock als wichtiges Hilfsmittel: Christa Jung zeigt mittels der von ihr (auf-)gebauten Hindernisse Springreitern, wo"s lang geht − wie hier vor vier Jahren beim Turnier in Öhringen-Cappel.

Foto: Archiv/Janßen

Christa Jung hat noch nicht viele Pressekonferenzen gegeben. Das liegt zum einen daran, dass die Bad Friedrichshallerin nicht die Bühne sucht. Zum anderen konnte sie als Lehrerin an der Grund- und Hauptschule Bad Wimpfen nicht mal eben wie gestern an einem Montagmorgen um 11 Uhr in Stuttgart Frage und Antwort stehen.

Seit einem Jahr ist das nun anders: Christa Jung ist pensioniert - und hat endlich mehr Zeit für ihre große Leidenschaft: Die 64-Jährige stellt als Parcoursbauerin Springreitern Hindernisse in den Weg, was sie tut ist richtungsweisend. Auch bei der 35. Auflage des weltbesten Hallenturniers Stuttgart German Masters von 13. bis 17. November in der Schleyerhalle.

Christa Jung hat noch nicht viele Pressekonferenzen gegeben, was nicht heißt, dass sie gestern nass geschwitzt neben fünf Männern saß und nichts zu sagen wusste. Im Gegenteil: Die in der Pressemappe als "kompetente und weltweit herausragende Persönlichkeit" bezeichnete Frau sagt im Parcours seit 42 Jahren, wo"s lang geht ("Man muss auch dominant sein"), schult seit 30 Jahren bei Lehrgängen Parcours-Chefs und Richter.

Jung: Die Zeit muss unheimlich knapp sein

"Fast nass geschwitzt" sei sie nur, wenn sie während einer von ihr gebauten Prüfung gemeinsam mit den Richtern schaut, ob die von ihr festgelegte Zeit nach oben oder nach unten korrigiert werden muss - während der ersten drei Reiter kann die nämlich noch angepasst werden. "Die Zeit muss unheimlich knapp sein", erklärt Christa Jung, "damit es nicht zu viele fehlerfreie Paare gibt." Sie trennt die Spreu vom Weizen - auch wenn wie in drei Wochen in Stuttgart die Allerbesten der Welt da sind.

Viele der Parcours für die Schleyerhalle sind bereits fertig - sie werden übrigens mit Leasinghindernissen gebaut, die Christa Jung Monate vorher in einem Katalog auswählt. Für die EM 2007 in Mannheim puzzelte die Unterländerin ein Jahr lang alles zusammen. Mit drei Leuten, unter anderem ihrem Mann Karl-Georg, stimmt sie sich dann vor Ort ab, bespricht Details. "Das letzte Wort habe ich", sagt Christa Jung.

Detaillierte Planung vor Weltcup- unnd E-Springen

Alles sei auf den Millimeter geplant; etwa acht bis zehn Minuten hat ihr Team Zeit, um in der Schleyerhalle den Parcours aufzubauen, was alleine organisatorisch eine Meisterleistung ist. Auch die Linienführung und die Aufgabenstellung müssen passen. Fallen? Werden nicht eingebaut, "wir wollen ja keine Unfälle". Und wenn doch mal jemand stürzt? "Macht man sich schon so seine Gedanken." Deshalb macht sich Christa Jung vor allem vorher ihre Gedanken - sei es vor dem Weltcup-Springen demnächst in Stuttgart oder vor dem E-Springen bei den Meisterschaften des Pferdesportkreises Franken kürzlich in Schwaigern.

15 bis 18 Turniere baut Christa Jung pro Jahr, jeweils mit 15 bis 25 Prüfungen. Die ehemalige Kunststudentin sagt: "Es ist ein Knochenjob." Den sie nun genießen kann, weil er nicht mehr nur nebenher läuft. Doch, die vergangenen Jahre habe sie Stress gehabt, wenn Turniere und Schule parallel liefen, sie zwischen Turnier und Schule gependelt ist. Christa Jung sagt: "Die Kinder haben sich doch verändert."

Tochter Stefanie eifert Mutter und Vater nach

Unverändert betreiben die Jungs einen Pensionsstall in Bad Friedrichshall-Kochendorf, federführend mittlerweile Tochter Tina (37). Die drei Jahre ältere Stefanie ist Architektin - und wie Mutter und Vater Parcoursbauerin. "Sie darf mittlerweile S-Springen bauen", sagt die Mutter, die im Parcours von allen Helfern nur "Mama" gerufen wird.

Christa Jung ist die einzige Frau in der Riege der internationalen Parcours-Chefs, sie baute bei Welt- und Europameisterschaften, unter anderem in Mexiko. Ihr Heim-Turnier ist der Mannheimer Maimarkt, wo sie seit 1980 die Richtung vorgibt. Weltweit gebe es "keine zehn" Parcoursbauerinnen. Die Macher der Stuttgart German Masters haben recht: Da kann man auch mal zu einer Pressekonferenz mit Christa Jung laden.

 

Die Region ist in der Schleyerhalle mit sechs Assen vertreten

Heute ist Nennungsschluss für die Stuttgart German Masters in der Schleyerhalle. Es kommen die Besten der Besten, bei den Springreitern beispielsweise die in der Weltrangliste führenden Schweizer Steve Guerdat und Martin Fuchs. Da die Eidgenossen lediglich drei Startplätze haben, wird es für Landsmann Bryan Balsiger, den Sieger des Weltcupspringens am Sonntag in Oslo, nicht reichen. "Wir haben noch die Möglichkeit, ihm eine Wildcard zu geben", sagt Andreas Krieg, Turnierleiter Springen. Schon jetzt haben sechs aus der Region ihren Startplatz beim weltbesten Reitturnier sicher.

Beim BW-Bank-Hallenchampionat sind Sven Speidel (RV Ilsfeld, Dawson, 4. der Qualifikation), Barbara Steurer-Collée aus Eberstadt-Hölzern (Quantus, 8.) und Jan Müller (RV Ilsfeld, Charly Champion, 21.) dabei, sie gehören zu den 25 besten Springreitern Baden-Württembergs. Im iWest-Dressur-Cup ist Titelverteidigerin Ann-Kathrin Lindner (TSV Weinsberg, Dulcia, 6.) am Start - Miriam Maurer (RV Bad Friedrichshall) hat mit Solist als 13. das Finale der besten zehn Paare knapp verpasst. Im Nürnberger-Burg-Pokal der Junioren ist Tabea Seiz (RV Ilsfeld, Gustav Brause, 9.) mit dabei - hier sind die besten zehn Paare Baden-Württembergs in Stuttgart startberechtigt.

Nach dem Weltcup in Oslo ist vor dem Weltcup in Helsinki

Das sechste Ass im Ärmel ist der Ilsfelder Sven Schlüsselburg (PLZ Engelsberg). Doch der 38-Jährige sattelt diesmal nicht wie sonst beim Hallenchampionat, sondern hat einen Startplatz für die große Tour bekommen, reitet also mit Guerdat, Fuchs und Co. "Dieses Jahr ist alles anders gelaufen", sagt der Nationenpreis- und Aachen-Starter. "Einmal die große Tour in der Schleyerhalle zu reiten, war ein Traum." Am Wochenende war Sven Schlüsselburg mit Bud Spencer beim Weltcup in Oslo am Start, kommendes Wochenende präsentieren sich beide beim Weltcup in Helsinki.


Lars Müller-Appenzeller

Lars Müller-Appenzeller

Stv. Leiter Sportredaktion

Fußball, Tennis, Ski alpin: Sport bewegt - Tag für Tag auch Lars Müller-Appenzeller. Der Mann vom Bodensee ist seit dem Sommermärchen 2006 für die Heilbronner Stimme sportlich unterwegs.

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