Stimme+
Ringen
Hinzugefügt. Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Wie Marius Braun um sein Leben rang

   | 
Lesezeit  5 Min
Erfolgreich kopiert!

Ein halbes Jahr nach der ersten von sechs Darm-Operationen steht Marius Braun von den Heilbronner Red Devils wieder auf der Bundesliga-Matte.

Von Stefanie Wahl
Marius Braun hat sich nach vielen schweren Monaten zurück ins Team der Heilbronner Red Devils gekämpft. Foto: Andreas Veigel
Marius Braun hat sich nach vielen schweren Monaten zurück ins Team der Heilbronner Red Devils gekämpft. Foto: Andreas Veigel  Foto: Berger, Mario

Raclette. Das wünscht sich Marius Braun schon als Kind zu Weihnachten. Er liebt dieses Essen, mit seinen älteren Geschwistern Stefan und Beate besteht er darauf. Bestenfalls Saitenwürstle mit Kartoffelsalat akzeptieren sie noch an Heiligabend bei Mama. Beim Gedanken an das lieb gewonnene Ritual lächelt Marius Braun.

"Es ist ein Hochgenuss, wieder alles zu essen, wozu ich Lust habe", sagt der 26-Jährige. Von wegen reinbeißen und runterdrücken. Essen ist für ihn zum wertvollen Gut geworden. Bissen für Bissen. Schluck für Schluck.

Kopfkino. Die kleine Pause verrät, in Marius Braun laufen Bilder und Szenen ab. Grässliche Gedanken an schlechte Zeiten. Zwei Wochen lang darf der Student der Medizintechnik nichts essen - er ringt um sein Leben. Der Griechisch-Römisch-Spezialist des Bundesligisten Red Devils Heilbronn überlegt lange, ob er all die Emotionen noch einmal durchmachen mag.

Sechs Operationen und eine aufgeplatzte Naht überstanden

Dann erzählt er über seine Zeit der Leiden. Wie er sich nach einer lebensbedrohlichen Darmerkrankung zurückkämpft. Wie er sechs Operationen durchsteht, eine aufgeplatzte Naht im Körperinneren überlebt und vorübergehend mit einem künstlichen Darmausgang klarkommt. Marius Braun lässt nichts aus. Auch nicht, dass er mit 14 Kilo weniger früher als von allen erwartet trainiert, am 6. Oktober zum Bundesligakampf in Aachen-Weilheim wieder auf der Matte antritt.

Nicht einmal, wie ihn der Besuch mit seinen Vereinskameraden in der Neonatologie der Kinderklinik Heilbronn am 1. Dezember aufwühlt. Den kleinen Luis Heilig, ein Frühchen, zu sehen, das wie er ein großer Kämpfer ist. Umso überraschender klingt der Braunsche Satz nach einem Tag intensivster Gefühle: "Es hat gut getan, alles wieder aufzurollen, um mir nochmal bewusst zu machen: Alles ist gut."

Nach einer TV-Show landet er in einem Münchner Krankenhaus

Red Devils Ringer: Marius Braun (links) und Frank Stäbler mit Vater Werner Heilig beim Besuch im Krankenhaus am Gesundbrunnen. Foto: Andreas Veigel
Red Devils Ringer: Marius Braun (links) und Frank Stäbler mit Vater Werner Heilig beim Besuch im Krankenhaus am Gesundbrunnen. Foto: Andreas Veigel  Foto: Veigel, Andreas

April 2018. Marius Braun begleitet seinen Freund und Trainingspartner, Ringer-Weltmeister Frank Stäbler, zur TV-Show "Beginner gegen Gewinner" nach München. "Ein geiler Abend", sagt Marius Braun. Wären da nicht die Bauchschmerzen. Sie sind so extrem, dass der deutsche Vizemeister von 2017 auf die After-Show-Party verzichtet. In der Nacht traut sich der Geplagte nicht, einen Krankenwagen ins Hotel zu rufen. Am Morgen fährt er mit Stäbler nicht nach Hause, sondern in die Notaufnahme des Klinikums Rechts der Isar. Hoffen. Bangen. Leiden. Operation.

Erste Diagnose: Darmverdrehung mit Darmverschluss. Marius Braun leidet an einem Meckel-Divertikel, einer fehlförmigen Ausstülpung des Darms. Eine angeborene Fehlbildung, von der er nichts weiß. Bis jetzt. Zwar hat Marius Braun eine Sonde, um den Magen zu entlasten, doch er fühlt sich nicht gut. Nach fünf Tagen werden die stechenden Schmerzen im Bauch schlimmer als zuvor. "Ich bin auf den Gang gerannt, habe um Hilfe geschrieen", sagt Marius Braun.

Die Naht am Darm ist geplatzt, die Bauchhöhle schwer entzündet. Lebensgefahr. Not-Operation. Fünf Stunden lang spülen die Ärzte literweise Flüssigkeit durch seinen Körper, entnehmen 60 Zentimeter des Dünndarms. Der Fünfte der Universiade von 2014 und 2016 erhält einen künstlichen Darmausgang. "Aus meinem Körper sind neun Schläuche gekommen, ich hatte Angst, wenn ich die Augen zumache, dass ich sie nicht mehr aufbekomme."

Braun: "Ich war so schwach, da ist sterben einfacher als alles andere"

Marius Braun ist schwach. So sehr, dass er beim ersten Aufstehen nicht mehr als fünf Schritte schafft. Für einen Leistungssportler ein Drama. Er, der Bewegungsmensch, der läuft so viel es geht, im Fitnessstudio, wo er nebenbei arbeitet, Gewichte stemmt und auf der Matte kämpft, weiß nicht mehr weiter. Es fließen viele Tränen. In seinem offenen Körper arbeitet eine Vakuumpumpe, die in einer weiteren Operation wieder entfernt wird. Braun zieht sein T-Shirt nach oben, zeigt seine großen Narben.

Es geht ihm schlecht. "Ich war so schwach, da ist sterben einfacher als alles andere", sagt Marius Braun. Er glaubt, er kann nicht mehr. Doch da ist Nelly, seine Freundin, die eigentlich Cornelia heißt. Sie treibt ihn an zu kämpfen, ist immer da und klagt keine Minute, obwohl die Berufseinsteigerin gerade in der Probezeit steckt. Nelly zeigt ihm ihre Liebe und sagt, sie wolle ihn doch irgendwann heiraten. Braun nutzt den Moment, macht ihr am 5. Mai aus dem Krankenbett einen Antrag - nachdem er seine Mama zum Juwelier geschickt hat, um einen Ring zu kaufen. 2020 soll das Fest sein.

In der Zeit verliert Marius Braun 14 Kilo Körpergewicht

Nach zwei Wochen darf Marius Braun nach Hause. Mama Carola, selbst Krankenschwester, fährt ihren Sohn nach Hause. Doch nach nur einem Tag daheim in Holzgerlingen eitert die Wunde. Noch in der Notaufnahme des Böblinger Krankenhauses operieren die Ärzte erneut. Für eine Narkose bleibt keine Zeit, Schmerzmittel müssen genügen. Wieder eine Vakuumversiegelung, die mehrmals gewechselt wird, wieder zwei Wochen Klinikaufenthalt. "Die ersten Wochen war ich pflegebedürftig", sagt der Ringer. Was er isst, kaut er extrem lang, weil sein Hauptverdauungsort der Mund ist. Braun wiegt statt 86 Kilogramm nur noch 72.

Jens Petzold, Abteilungsleiter der Red Devils besucht ihn, bringt eine Sporttasche mit allen Utensilien mit. Ein Zeichen, dass ihn seine Mannschaft braucht. "Das war eine schöne Geste", sagt Marius Braun, "er wollte mir zeigen, dass ich zum Team gehöre - egal, was passiert." Die Motivation kommt an. Es geht bergauf. Die Reha im Schwarzwald tritt Marius Braun nicht an. Daheim hat er seinen Stoma-Therapeuten, "alles andere braucht mir keiner sagen, das weiß ich selbst am besten", sagt der Mann, der erst mit 16 Jahren zum Ringen kommt.

"Alles, was 2019 kommt, ist eine Zugabe"

Er vermisst seinen Sport, also geht er ins Fitnessstudio. Hier kennen sie ihn als muskelbepackten Athleten. Nun erleben sie einen Mann, der "ein bisschen an den Geräten rumzupft", die für ihn einen ersten Schritt zurück in die Normalität bedeuten. "Training ist ein riesiger Bestandteil meines Lebens", sagt Marius Braun.

Er berappelt sich. Körperlich wie mental. Obwohl es Momente gibt, in denen er heult. Doch Freunde wie Konkurrenten melden sich, machen ihm Mut. Er selbst fährt immer wieder in den Kuhstall auf den elterlichen Hof von Frank Stäbler nach Musberg, schaut den Kumpels im Training zu. "Franky hat mir extra ein Sofa hingestellt", erzählt Braun. Es juckt ihn, selbst zu ringen. Und er tut es - vier Monate nach der ersten OP. "Der Typ ist so verrückt", sagt Stäbler voller Respekt. "Wir haben den künstlichen Darmausgang zugeklebt und einen Nierengurt genommen, damit nichts passiert."

Bis zur sechsten Operation Ende Juli, der Rückverlegung des Darms, nimmt er sechs Kilo zu. Das gibt ihm Substanz für den Eingriff. Die Angst, ob alles gut geht, vertreibt er damit nicht. Komplikationen bleiben zum Glück aus. Anfang September ist die Wunde zugewachsen. Vier Wochen später steht Marius Braun in der 1. Liga wieder auf der Matte. Ein Freudentag. Dass er gewinnt, ist fast kitschig. Frank Stäbler sagt: "Es war unfassbar, dass er nach dieser Tortur so schnell wieder dabei ist."

In den Playoffs aber fehlt Marius Braun seinem Team. Gegen Lübtheen zieht er sich eine Schultereckgelenkssprengung zu. Die Saison ist gelaufen. Aus der Traum des Trainings-Trios Braun, Stäbler und Abdolmohammad Papi, gemeinsam in den Playoffs aufzulaufen. "Das Ziel ist nur verschoben", tröstet Frank Stäbler. Immerhin bleibt dem Freund eine weitere OP erspart. Marius Braun spürt tiefe Dankbarkeit: "Ich weiß nicht, was noch auf mich wartet. Aber die Krankheit war bisher der Kampf meines Lebens, härter als jeder Ringkampf. Alles, was 2019 kommt, ist eine Zugabe."

Vor Marius Braun steht ein Schnitzel-Teller. Er lacht glücklich - und schneidet ein Stück Fleisch ab.


Sie können mithelfen

Anfang Dezember haben die Red Devils eine Spendenaktion für die sozialmedizinische Familiennachsorge der Kinderklinik Heilbronn gestartet. Sie unterstützen Familien, die mit ihren frühgeborenen, kranken oder behinderten Kindern lange Klinikaufenthalte hinter sich haben, bei der Rückkehr nach Hause. Spenden sind noch möglich an den Förderverein der Ringer des VfL Neckargartach im SV Heilbronn a. Leinbach e.V. IBAN: DE69 6205 0000 0004 8147 42, Kreissparkasse Heilbronn. Verwendungszweck: "Spendenaktion".

 

Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben