EM in Rom ist für Frank Stäbler eine Zwischenstation

Ringen  Die Europameisterschaft nutzt Ringer Frank Stäbler als Motivation für seine Tortur bis Tokio. Alles ist den Olympischen Spielen untergeordnet.

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Eine Notlösung, kein Herzenswunsch: Weil der jahrelange Streit mit dem TSV Musberg kein Ende nimmt, hat Frank Stäbler keine andere Möglichkeit gesehen, als sich sein eigenes Zentrum zu schaffen. Mehr als 7000 Arbeitsstunden stecken in dem Umbau.

In seinem Kopf sind die Bilder schon präsent. Fotos mit Medaille um den Hals - vor dem Kolosseum in Rom, "der Geburtsstätte der Gladiatoren", sagt Frank Stäbler. Welch passendes Motiv für Deutschlands besten Ringer. In den Trainingsplan des Berufkämpfers aus Musberg passt sie diesmal perfekt, die Europameisterschaft (10. bis 16. Februar) in Rom.

Zu weit wäre sonst der zeitliche Abstand zwischen der Ringer-Bundesliga - wo Frank Stäbler mit den Red Devils Heilbronn am 4. Januar überraschend im Viertelfinale am ASV Mainz gescheitert ist - und dem finalen Karriere-Highlight, den Olympischen Spielen in Tokio. "Wenn ich mein Ziel nicht vor Augen habe, schwimmt das Training zu sehr dahin", sagt Frank Stäbler.

Die Matte liegt im ehemaligen Hühnerstall

Rom ist für Frank Stäbler eine Zwischenstation

Einst Hühnerstall, nun Trainingsstätte des dreimaligen Weltmeisters Frank Stäbler − hier mit Sparringspartner und Ex-Red-Devil Abdolmohammad Papi.

Fotos: Stefanie Wahl

2012 ist er letztmals Europameister geworden. "Es kommt mir gar nicht so lange vor", sagt der 30-Jährige in seiner neuen Trainingsstätte in Musberg. Binnen sieben Monaten ist der frühere Hühnerstall auf dem elterlichen Hof am Rande des Dorfes zum Frank-Stäbler-Worldcamp umgebaut worden. Mit mehreren Fenstern, ausreichend Wärme und einer professionellen Matte. Ein Kraftakt in mehr als 7000 Arbeitsstunden, die mehrheitlich Papa Theo Stäbler, Opa Klaus und Uwe Krieg geleistet haben. Auch daher nennt sie Frank Stäbler voller Dankbarkeit "meine drei Musketiere".

Nötig geworden ist die Maßnahme, weil sich Stäbler und seine Ringerkollegen seit Jahren mit dem TSV Musberg streiten, mit dem KSV Musberg einen eigenen Verein gegründet haben und seitdem nur noch sehr eingeschränkten Zutritt zur städtischen Sporthalle mit dem Ringeraum erhalten. Nun hat Frank Stäbler eine schmucke neue Stätte, um sich mit seinen Sparringspartnern, zu denen auch der ehemalige Red-Devil Abdolmohammad Papi zählt, auf Rom und Tokio vorzubereiten. Nächste Woche werden auch noch die Gerätschaften für die Krafteinheiten angeliefert.

Bei Olympia tritt Stäbler in einer leichteren Gewichtsklasse an

In Italiens Kapitale geht Griechisch-Römisch-Spezialist Frank Stäbler im Limit bis 72 Kilogramm auf die Matte. Leistungssportlich ist dies seine Wohlfühlzone. Weil die Gewichtsklasse aber nicht-olympisch ist, steht ihm nach der EM bis August erneut eine Radikalkur bevor. Mit einer wissenschaftlich begleiteten Ernährungsumstellung geht der Vater der kleinen Alia Marie ins Limit bis 67 Kilo. Eine physische Tortur und zugleich eine psychische Grenzerfahrung.

Fernziel 5. August 2020

Schmerzen ist Frank Stäbler gewohnt, er weiß mit ihnen zu leben und sagt doch nicht nur im Spaß: "Ich werde zu alt für den Scheiß, ich stecke die Belastung nicht mehr so weg." Doch einmal geht er seinen Weg noch, macht in aller Konsequenz sein Ding. Um sich im Idealfall am 5. August den Traum vom olympischen Gold zu erfüllen.

Die Motivation, all die Strapazen davor durchzuhalten, holt er sich in Rom. Mehr als 60 Fans, weiß allein Mama Michaela Stäbler, reisen ihrem Liebling hinterher. Sie feuern ihn an, damit das Foto mit der Medaille vor dem Kolosseum in einer Woche schon Realität werden kann.

Noch aber verdrängt Frank Stäbler die Gedanken daran. Im Hier und Jetzt zählt die EM - wissend, "dass alles da ist, was Rang und Namen hat". Weil in seinem Limit keine Qualifikationsturniere für Olympia die Weltklasseathleten zu einer Entscheidung zwingen. "Wer den Titel will, muss einige Brocken aus dem Weg schaffen", sagt Frank Stäbler. Er ist bereit dazu.

Am Sonntag fliegt der Schwabe mit seinem Trainer Andreas Stäbler nach Rom. Direkt. Die Erlaubnis hat er Bundestrainer Michael Carl abgerungen, denn Stäblers Nationalmannschaftskollegen - zu ihnen zählt auch Red Devil Pascal Eisele (bis 77 Kilo) - reisen ab Frankfurt. "Ich habe ihn überzeugt, dass ich von Stuttgart aus schneller in Rom als in Frankfurt bin", sagt Frank Stäbler und grinst. Kräfte sparen tut Not nach der zehrenden Vorbereitung am Olympiastützpunkt in Heidelberg. Dort habe er sich in der ersten Woche "so verdammt schwer getan, dass mir jeder Zentimeter meines Körpers weh getan hat und ich nicht mal mehr meine Socken anziehen konnte".

 

 

 


Stefanie Wahl

Stefanie Wahl

Leiterin der Sportredaktion

Sport bedeutet mehr als Sieg und Niederlage: Seit 2005 leitet Stefanie Wahl das Ressort bei der Stimme. Die ehemalige Leichtathletin beschäftigt sich mit Wintersport und fungiert seit 2007 als Geschäftsführerin der Sporthilfe Unterland e.V.

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