Aus Enttäuschung wird beiden Red Devils schnell Freude

Ringen  Nach der 9:12-Niederlage im Final-Rückkampf gegen Mannschaftsmeister Burghausen, feiern auch die Heilbronner und ihr Anhang.

Von Stefanie Wahl
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Aus Enttäuschung wird beiden Red Devils schnell Freude

Nach dem ersten Frust präsentieren die Heilbronner stolz ihren silbernen Pott.

Über Nacht kommt das Verstehen. Erst im Bett ist Zeit, um nachzudenken und zu realisieren, was passiert ist. Im Hier und Jetzt rauschen Eduard Popp die Gefühle durch den Kopf, sein Körper ist mit elementaren Dingen beschäftigt. Er schwitzt stark, bei der Dopingkontrolle plagen ihn Krämpfe, seine Stimme ist kratzig, hungrig ist er auch. Die Stirn zieren rote Striemen. Spuren des Kampfes gegen Erik Thiele. "Ich habe alles versucht", sagt der 27-Jährige, "nun ist der Akku einfach komplett leer."

Eduard Popps Worte klingen fast entschuldigend. 2:4 unterliegt der Schwergewichtler am Samstagabend im Final-Rückkampf zwischen den Red Devils Heilbronn und dem SV Wacker Burghausen. Lange führt der Griechisch-Römisch-Spezialist gegen den EM-Dritten im Freistil, ehe er drei Sekunden vor dem Ende die entscheidende Wertung kassiert.

Eine Niederlage in einem Schlüsselkampf, die schmerzt. Weil Popp mit einer selten gezeigten Aggressivität agiert und eindrucksvoll beweist, wie er zum Weltklasseathleten gereift ist. Allein seine Augen verraten unbändigen Siegeswillen. "Ich habe an das Unmögliche geglaubt", sagt der Olympia-Fünfte von Rio, "wollte für meine Heimat das Beste herauszuholen, um nochmals das Feuer zu entfachen. Das ist so nicht geglückt."

Dustin Scherf verliert Schlüsselkampf

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Und die etwa 100 mitgereisten Fans jubeln ihren Bundesliga-Ringern zu.

Die Red Devils verlieren das Finale in der ausverkauften Sportparkhalle zu Burghausen mit 9:12. Weil auch Dustin Scherf (66 Kilo, GR), wie schon eine Woche zuvor im Hinkampf, seinen Schlüsselkampf abgibt, gelingt den Heilbronnern der Coup nicht mehr - trotz einer Aufholjagd nach der Pause, die zum 9:12 führt.

"Burghausen hat es sportlich verdient", sagt Ex- Europameister Pascal Eisele. Der starke Wiesbadener zählt auch in der zweiten Bundesliga-Saison der Unterländer zu den fleißigsten Punktesammlern. Er steht wie seine Mannschaftskameraden zunächst tief enttäuscht am Mattenrand und beobachtet, wie die Oberbayern die Magnumflaschen entkorken, entfesselt unter Konfettiregen tanzen, sich zur Polonaise treffen, ehe sie den goldenen Meisterpokal wild jubelnd in die Höhe recken und lauthals singend ihren Feiermarathon starten.

Burghausen war einen Tick erfahrener

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Erst gibt Eduard Popp (links) auf der Matte alles, ehe er nach überstandener Dopingkontrolle seinen Nationalmannschaftskollegen Pascal Eisele mit Blicken stärkt.

"Wir hätten Meister werden können, aber Burghausen war einen Tick erfahrener und cleverer", meint Weltmeister Frank Stäbler, den sie mit frenetischem Applaus in der Halle begrüßen. Wenig später ringt er einem seiner besten Freunde, Matthias Maasch, einen 5:3-Punktsieg ab, weil wieder einmal der Kopf stärker ist als der von Antibiotika geschwächte Körper.

"Jeder hat gesehen: Es gibt einen großen Gewinner - und das ist das deutsche Ringen. Es waren zwei mega Finals und daher bin ich nicht mehr niedergeschlagen", sagt der Musberger. Und doch: "Es ist so schade", meint Pascal Eisele, "wenn du im Finale stehst, willst du es gewinnen." Sie alle haben es gewollt, den eindrucksvollsten Beleg dafür hat Eduard Popp geliefert. Über ihn sagt der 26-Jährige: "Ich weiß, was ihm das Finale bedeutet hat."

Stolz über das Erreichte verdrängt die Enttäuschung

Doch spätestens als Bogdan Eismont mit dem silbernen Pott für Platz zwei zu den etwa hundert mitgereisten Fans eilt, um ihnen strahlend das Prachtstück zu präsentieren, wandelt sich die Stimmung. Der Stolz über das Geleistete verdrängt die Enttäuschung. Die Freude über das Saisonende lässt keinen Raum mehr für Traurigkeit. "Ey, ey, ey, super Heilbronn" singen sie im Gleichklang.

Eine Mattenbreite entfernt, lobt Jannis Zamanduridis die Red Devils als "einen sehr sehr würdigen Vizemeister". Auch der Sportdirektor des Deutschen Ringerbundes greift Eduard Popp als Musterbeispiel heraus. "So deutlich habe ich das bei ihm noch nie wahrgenommen, wie unbedingt er gewinnen wollte. Das hätte ich mir bei der WM im vergangenen Jahr gewünscht - vielleicht setzen wir genau da an."

 

 

Aus den Fehlern lernen

Aus Enttäuschung wird beiden Red Devils schnell Freude

Dustin Scherf hadert lange mit seiner Niederlage. Wie vor einer Woche im Hinkampf holt der 30-jährige Leipziger im Trikot der Devils keinen Punkt. Fotos: Alexander Bertok

Die Red Devils werden alles probieren, um nächste Saison die Meisterschaft zu holen, denn: "Es wäre der größte Fehler, daraus nichts zu lernen. Es gibt immer noch die eine oder andere Schraube, an der gedreht werden muss", sagt Pascal Eisele. Hinter ihm steht Eduard Popp, lässt die Party auf sich wirken und meint: "Es ist genial, was wir geleistet haben. Doch jetzt ist es wichtig, weiter Erfahrung zu sammeln. Wir sind im Profisport angekommen."

Doch selbst dort geht es nicht ohne Freiwillige. Am Sonntagmorgen kommen die Burghausener Anhänger wieder in ihre Ringerhalle - um nach der großen Sause "den Saustall aufzuräumen", wie Abteilungsleiter Jürgen Löblein sagt. 

 

 

 

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