Weitspringerin Malaika Mihambo glaubt an ihren Anlauf und holt Gold

Leichtathletik  Die Weitspringerin knackt erst im letzten Versuch die sieben Meter. Was vier kleine Schritte doch für einen großen Unterschied machen.

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Die Emotionen müssen raus: Malaika Mihambo jubelt nach einem spannenden olympischen Weitsprung-Finale mit sieben Metern über ihr Gold.

Foto: dpa

Im entscheidenden Moment fühlt Malaika Mihambo innere Stärke. Ruhe. Gelassenheit. Sie spürt den Glauben an sich selbst. Obwohl diese Frau bis in den Sommer immer wieder zweifelt. An sich. Allen voran aber an ihrem Anlauf. Ihre Seele ist damit belastet. Diese vermaledeiten vier Schritte mehr. Statt 16 will sie wieder mit 20 bis zum Brett sprinten, um dessen Katapultwirkung effizient zu nutzen - wie vor ihren Problemen mit dem Rücken. Um diesen zu schonen, verkürzt sie 2020 ihren Anlauf. Was simpel klingt, ist die komplexe Veränderung eines exakt justierten Systems.

Im Finale von Tokio zeigt sich trotz der täglichen Arbeit mit Weitsprung-Bundestrainer Uli Knapp, dass eben jene Feinabstimmung selbst bei einer der Weltbesten weiterhin fragile, da inkonstante Elemente enthält.

Triumph 21 Jahre nach Heike Drechsler

All das aber ist spätestens in diesem Augenblick freudigst weggewischt, als Malaika Mihambo mit der Deutschland-Fahne erst auf dem Tartanbelag des Olympiastadions umherhüpft, ehe sie kniet, um zu fassen, was so schwer zu fassen ist. Sie gewinnt Gold. 21 Jahre nach Heike Drechsler feiert wieder eine deutsche Weitspringerin ihren Olympiasieg. Dank eines Fluges auf sieben Meter. Im sechsten Versuch. Ihrem letzten. Spannungsgeladener geht es nicht, weil auch noch einige Minuten des Bangens bevorstehen. Eine gehasste Situation, die Malaika Mihambo nur mit geschlossenen Augen erträgt. Sie ist zum Zuschauen verdammt, hofft, dass Brittney Reese (USA/Silber) und die Nigerianerin Ese Brume (Bronze/beide 6,97 Meter) nicht weiterspringen.

Es ist der härteste Wettkampf, der zum bisher wertvollsten Triumph der zweimaligen Sportlerin des Jahres führt. Angespannt läuft Malaika Mihambo hin und her, ruht nicht in sich wie 2019 in Doha, wo sie Weltmeisterin wird. Sie sagt: "Ich bin dankbar, dass ich als beste Version meiner selbst hier stehe. Es ist ein bescheidenes Glücksgefühl, das ich sehr genieße und wertschätze."

Harter, steiniger und doch lehrreicher Weg

Geraume Zeit hält der Zustand des Überwältigtseins an, dass sie nach diesem harten, steinigen und doch lehrreichen Weg am wichtigsten Tag der Saison ihren ersten Satz auf sieben Meter schafft. Zwar übertrifft sie diese Marke schon in Stockholm, doch mit zu viel Hilfe des Windes. Mit diesem Wissen saugt Malaika Mihambo Selbstvertrauen auf. Sie blitzt auf, die lang vermisste Leichtigkeit der Frau, die so gerne fliegt. Im Jumbo. Mit dem Segelflugzeug. Oder mit dem Gleitschirm.

Die Antwort, ob ihre vor den nationalen Meisterschaften gefärbten Haare blond oder goldblond sind, gibt der Engel, so die Übersetzung ihres Vornamens aus dem Arabischen, selbst - ohne ein Wort darüber zu verlieren. Malaika Mihambo hat ihren eigenen Kopf, dankt nach ihrem Coup in Tokio daher auch jenen, die "mich so nehmen, wie ich bin": Eine Athletin, die nach Triumphen auch einfach mal abtaucht, statt sich herumreichen zu lassen. Wie nach ihrem Erfolg vor zwei Jahren in Katar, wo sie nach Südostasien weiterfliegt, um Ruhe zu finden. Wie nach ihrem EM-Titel von Berlin 2018, wo sie mit dem Rucksack Indien bereist, bis zu zehn Stunden am Tag meditiert und sagt: "Das stärkt den Geist, man ist fokussiert und lernt sich danach besser kennen. Man kann alle Eindrücke auch im Sport umsetzen." Wie in Tokio gestern.

Goldsprung macht klar, warum sie das Gesicht ihrer Sportart ist

Malaika Mihambo muss weder sich noch irgendjemandem sonst beweisen, wozu sie physisch wie psychisch auf dem schnellen Weg in die Sandgrube in der Lage ist. Und doch hat ihr Goldsprung nochmal klargemacht, warum sie das Gesicht ihrer Sportart ist.

Eine Frage aber bleibt: Wohin diese Begabung gepaart mit Fleiß, Ehrgeiz, mentaler Stärke und einem gesteigerten Körpergefühl noch führt. "Dieses Jahr habe ich noch keine Bestleistung aufgestellt", sagt Malaika Mihambo. Sie weiß aber auch, dass es keine Utopie ist, ihre 7,30 Meter nochmals zu wiederholen oder gar zu steigern. Besonders nicht mit dem Wissen, bei ihrem letzten Versuch in Tokio noch satte 19,5 Zentimeter verschenkt zu haben, weil einzig die Spitze ihres Sprungschuhs das Brett berührt.

Im Oktober soll der Wechsel zu Carl Lewis kommen

Angedacht ist, dass der Weg der Studentin für Umweltwissenschaften doch noch in die USA führt. Wegen der Pandemie verschiebt Malaika Mihambo zunächst ihr Vorhaben zu Carl Lewis zu wechseln. Von Oktober an könnte der viermalige Weitsprung-Olympiasieger ihre sportive Bezugsperson werden - nach einer Zeit der Entspannung, in der sie "so wenig wie möglich" über den Sport nachdenke.

Der Kontakt besteht weiterhin. Es soll ein Versuch werden. Ob daraus ein Projekt entsteht, hängt von zahlreichen Faktoren ab: Gefällt es Mihambo? Macht ihr Körper mit? "Das sind einfach Dinge, die noch mit im Raum stehen. Daher konzentriere ich mich erst mal auf das Leben hier. Amerika ist für mich noch nicht in Sichtweite."

 

Stefanie Wahl

Stefanie Wahl

Leiterin der Sportredaktion

Sport bedeutet mehr als Sieg und Niederlage: Seit 2005 leitet Stefanie Wahl das Ressort bei der Stimme. Die ehemalige Leichtathletin beschäftigt sich mit Wintersport und fungiert seit 2007 als Geschäftsführerin der Sporthilfe Unterland e.V.

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