Pluschenko löst Kontroverse aus - Lindemann bieder
Mit seiner Arroganz spaltet der russische Goldfavorit Jewgeni Pluschenko die Fachwelt. Einwandfreie Sprünge, aber mangelhafte künstlerische Darbietung, lautete der Vorwurf der zahlreichen Kritiker an dem russischen Eisartisten nach dem Kurzprogramm.

Dennoch legte der St. Petersburger Teenie-Schwarm die Basis für sein zweites Olympia-Gold bei Winterspielen. «Es heißt Eiskunstlauf und nicht Eisspringen», schimpfte der deutsche Preisrichter Ulf Denzer im Pacific Coliseum von Vancouver, «Pluschenko begeistert zwar die jungen Mädels mit seinem Hüftschwung, aber seine Schritte sind nicht besser als vor Jahren.»
Genau darum dreht sich die Kontroverse: Das neue Wertungssystem soll die frühere Bevorzugung der reinen Springer abschaffen, der Kunst dagegen wieder mehr Gewicht geben. «Mir sind die Noten egal. Männer sollten vierfach springen», setzte Pluschenko provokant dagegen und rechtfertigte seine mangelhaften Schrittfolgen mit der Konzentration auf die Höchstschwierigkeiten, die andere nicht beherrschen. Weltmeister Evan Lysacek (USA) und Daisuke Takahashi (Japan) als Verfolger von Pluschenko sowie ganz besonders der Schweizer Stéphane Lambiel (Rang 5) stehen dagegen für einen flüssigen Laufstil und die Interpretation der Musik.
Der Vorsprung des dreimaligen Weltmeisters ist mit 0,6 Punkten nur hauchdünn, der Kampf um Gold wird hoch spannend. «Ich war so nervös, ich habe vorher zwei Kilo abgenommen», erzählte Pluschenko von seinem ersten Auftritt und kündigte ein kämpferisches Sprungfestival für die Kür an. Wenn er sich keine Schwäche erlaubt, werden die Preisrichter nicht an ihm vorbeikommen. Andererseits könnte jeder Wackler die Niederlage bedeuten. Besonders die Anhänger des weicheren Laufstils würden dann triumphieren. Vor allem die Amerikaner und Kanadier, die der Russen mit seiner herrischen Art immer wieder vor den Kopf stößt, pflegen diese Art des Laufens.
Um das Risiko des vierfachen Toeloops kreisen vor dem letzten Wettkampf der Karriere auch die Gedanken von Stefan Lindemann, der allerdings nicht mehr viel rausreißen kann. Nach einem soliden, aber etwas biederen Vortrag zur Filmmusik «Die Firma» stufte ihn die Jury auf dem 17. Zwischenrang ein. Dem Erfurter gelang zwar ein dreifacher Axel sowie eine Sprungkombination - für eine höhere Platzierung fehlte der Esprit. «Für mich ist das eine Super-Abschiedstour», sagte der WM-Dritte von 2004, «der Aufwand des Comebacks hat sich auf alle Fälle gelohnt.»
Wegen akuter Schmerzen an der Achillessehne will der 29-Jährige kurzfristig entscheiden, ob er nach langer Zeit noch einmal vierfach springt. Mit Lasertherapie und Massagen wird die Entzündung behandelt, beim Abschlusstraining soll die Entscheidung fallen. «Es bringt keine Punkte, wenn wir einen Sturz riskieren», sagte Trainerin Viola Striegler, die mit der Einstufung ihres Schülers nicht zufrieden war. «Ich habe mit mehr gerechnet, aber die Freude überwiegt, weil Stefan sich hier so stabil präsentiert», sagte die Berlinerin.
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