Neckarsulmerinnen legen soliden Grundstein für eine kleine Festung in der Ballei

Handball  Mit einer massiven 6:0-Abwehr erringt Neckarsulm beim speziellen Corona- Heimauftakt vor 272 Fans ein hochverdientes 28:24 gegen Göppingen

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Foto: Mario Berger

In diesem Moment war kein Platz für Mindestabstand. Als die Schlusssirene durch die Ballei tönte, schloss Tanja Logvin jede Spielerin reihum ganz fest in ihre Arme. Auch das Bundesliga-Team der Neckarsulmer Trainerin war in den 60 Minuten zuvor eng zusammengestanden. Und hatte sich beim ersten Heimspiel im Kollektiv einen völlig verdienten 28:24 (16:11)-Derbysieg gegen FrischAuf Göppingen errungen. Gestützt auf eine massive 6:0-Abwehr und das nötigen Vertrauen in die individuellen Fähigkeiten beim eigenen Angriffsspiel.

"Sie haben genau das gemacht, was wir geplant hatten. Das war teilweise schon richtig schöner Handball, den wir gezeigt haben", sagte Logvin am Samstagabend. Nach einer kopflosen Auftakt-Niederlage in Buxtehude hatte ihr Team beim zweiten Auftritt die passende Antwort parat und den Gegner eigentlich bereits nach 20 Minuten und nur sechs Gegentoren geknackt.

Defensiv-Plan geht voll auf

Göppingen mit einer kompakten Deckung zu Würfen aus neun Metern zu zwingen, ging voll auf. "Wir haben eine ganz schlechte erste Halbzeit gespielt. Wir waren zu naiv", ärgerte sich Gäste-Coach Aleksandar Knezevic. Neckarsulm hingegen legte den ersten Grundstein für eine kleine Heim-Festung.

Mit Tempo nach defensiven Ballgewinnen trieb die Sport-Union Knezevic beim 11:6 (20.) zur ersten Auszeit. Aus dem Rhythmus brachte diese die Neckarsulmerinnen aber nicht. Im Gegenteil. Nach 24 Minuten griff der FrischAuf-Coach erneut zur Grünen Karte, als sein Team mit 7:15 in eine Klatsche zu straucheln drohte. Und die 272 zugelassenen Zuschauer alles gaben.

Zugang Joanna Rode zeigt starke Form

An einem neuen Gesicht durften sie direkt gefallen finden. Linksaußen-Zugang Joanna Rode zeigte sich in starker Form und steuerte satte zehn Treffer zum Zwischenerfolg bei. Fünf davon per Siebenmeter, die Neckarsulm immer wieder geschickt heraus holte. Trotzdem durfte nach der Pause Selina Kalmbach als Linksaußen ran. Auch Chantal Wick schickte Tanja Logvin im zweiten Durchgang noch einmal aufs Feld. Obwohl sie in der Endphase der ersten Hälfte nach ihrer Einwechslung mit unglücklichen Minuten mit dafür gesorgt hatte, dass die Halbzeitführung nicht noch deutlicher als 16:11 ausfiel.

"Ich gebe allen Spielerinnen ihre Chance. Alle sind wichtig", sagt Tanja Logvin. Sie will Spielerinnen weiterentwickeln. Und mit einigen guten Aktionen im zweiten Durchgang bewies die Schweizerin Wick, dass sie tatsächlich mehr sein kann, als nur eine Bankdrückerin wie in der Vorsaison. Logvin scheint mit ihrer ehrlichen Art bisher den richtigen Ton im Team zu treffen. "Wir haben alle zusammen gekämpft und wie eine echte Mannschaft gespielt", sagte NSU-Shooterin Irene Espinola Perez: "Tanja hat richtig gute Methoden. Sie hat uns fitter gemacht."

Fans helfen der Mannschaft

Nicht nur körperlich sondern offensichtlich auch mental. Gerade Espinola Perez hatte gegen Buxtehude noch eine gruselige Leistung gezeigt. Im Duell mit Göppingen war auf die Neckarsulmer Dauerläuferin aber wieder Verlass. Genau wie auf die Fans, wie die Spanierin fand: "Es war schon gut mit den Zuschauern. Klar waren es nicht so viele wie sonst, trotzdem war es sehr schön und es hat uns geholfen."

Dass Spielerinnen und Fans am Ende keinen Kantersieg zusammen feierten, lag an Nachlässigkeiten in den letzten acht Minuten, in denen nach dem 26:19 von Wick die Spannung fehlte und der gute Göppinger Kreis sich doch noch etwas entfalten durfte. Mehr als einen soliden Grundstein sah NSU-Trainerin Tanja Logvin deshalb auch nicht in dem verdienten Erfolg: "Die Mädels können noch viel mehr. Wir müssen noch ruhiger spielen. Diesmal waren unsere hektischen Phasen zum Glück nicht so schlimm. Das müssen wir trotzdem verbessern."

Neckarsulmer Sport-Union: Gois Wachter - Kalmbach (2), Wolf, Senvald, Hendrikse (4), Knippenborg, Wick (4/1), Espinola Perez (4), Kooij (3), Kretzschmar, Rode (10/5), Moser (1). Beste Werferin FAG: Brugger (8). Siebenmeter: NSU 6/8, FAG 2/3. Zeitstrafen: 3/2. Zuschauer: 272.


Kommentar: Diszipliniert

Nein, es ist nicht dasselbe. Natürlich nicht. Dass Handball-Spielerinnen und -Funktionäre sich in diesen schwierigen Corona-Zeiten überhaupt bei einer Vollkontakt-Sportart nahe kommen, geht nur mit strikten Tests vor jeder Begegnung. Und das ist gut so. Auch, dass der erste Heimauftritt der Neckarsulmer Sport-Union nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattgefunden hat, war eine richtige Entscheidung. Weil sich alle Anwesenden verantwortungsvoll und diszipliniert verhalten haben. Und weil sich der Verein vorbildlich gewappnet hat.

Wie schon beim Testlauf in der Vorbereitung stimmten in der Neckarsulmer Ballei auch während des ersten Bundesliga-Pflichtspiels gegen FrischAuf Göppingen die Maßnahmen für ein sicheres Miteinander. Die Stimmung ist mit lediglich einem Drittel der normalerweise üblichen Fans natürlich nicht so ausgelassen. Gespenstische Stille herrschte in der Halle allerdings auch nicht. Und das wussten alle Spielerinnen zu schätzen.

Zwar gibt es momentan sicherlich wichtigere Dinge als den Sport und die Befindlichkeiten der Protagonisten. Solange die Disziplin aber auf und abseits des Feldes so stimmt wie in Neckarsulm, steht Spielen mit einem kleinen Teil der Fans nichts im Wege.


Dominik Knobloch

Dominik Knobloch

Sportredakteur

Dominik Knobloch ging 2012 erstmals als Praktikant für die Heilbronner Stimme aufs Feld. Nach seinem Volontariat wurde er 2015 als Redakteur im Sportressort übernommen.

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