Neckarsulmer Sport-Union übersteht ihren Gruselmoment

Handball  Beim Bundesliga-Geisterspiel in Oldenburg setzen sich die Neckarsulmerinnen trotz einer Schwächephase souverän mit 27:22 durch. Acht Tore erzielte allein das spanische Schreckgespenst, Espinola Perez.

Email

Neckarsulms Irene Espinola Perez ist für die Gegnerinnen gerade nur sehr schwer zu halten. Auch in Oldenburg hatte die Spanierin mit acht Toren wieder maßgeblichen Anteil am Erfolg.

Foto: Archiv/Berger

Tanja Logvins schrille Stimme hallte immer wieder unüberhörbar durch die Oldenburger EWE Arena. Selbst, wenn die Bundesliga-Partie am Sonntag nicht ohne Zuschauer hätte stattfinden müssen, wäre wohl so manchem Fan ganz klar zu Ohren gekommen, was der Neckarsulmer Trainerin nach einem soliden 8:4-Start ihrer Mannschaft missfiel. "Die erste Halbzeit war danach nicht so einfach. Sie haben gedacht, sie könnten rückwärts spielen - da war kein Tempo, nur kurze Angriffe", war Logvin wenig überrascht, als ihr Team zur Pause plötzlich mit 13:15 hinten lag.

Vernünftige Ansprache der Trainerin in der Pause

Der 19-minütige Gruselmoment im ersten Geisterspiel der Sport-Union gegen einen beängstigend schwachen VfL nahm den Neckarsulmerinnen aber nicht den Kampfgeist. Auch, weil Logvin ihnen vor dem Start der zweiten Hälfte mit "einer vernünftige Ansprache" wieder ordentlich Leben einhauchte. Am Ende stand ein verdientes 27:22 und die Erfüllung der "erwarteten Pflicht", wie die NSU-Trainerin die Zähler zehn und elf des Tabellenfünften bezeichnete.

Maßgeblichen Anteil am fünften NSU-Erfolg hatte erneut Irene Espionla Perez, das spanische Schreckgespenst für die Oldenburgerinnen. "Sie bringt seit drei Spielen ganz konstante Leistungen", fand Tanja Logvin lobende Worte für ihre formstarke Nummer 21. Ob im Mittelblock der Sport-Union, als Shooterin auf halbrechts oder Unruhestifterin auf Außen - die sonnige 27-Jährige aus Granada wirft ihren Schatten mittlerweile weit über Neckarsulm hinaus.

Espionla Perez hat sich in den erweiterten Kader der spanischen Nationalmannschaft gespielt und darf sich mit jedem weiteren starken Spiel für Neckarsulm mehr Hoffnungen auf die Europameisterschaft im Dezember machen.

Unorthodoxe Aufstellung verwirrt die Oldenburgerinnen

Auch beim VfL hatte man die NSU-Toptorschützin natürlich auf dem Schirm - aber eben doch nie im Griff. Wichtiger als ihre insgesamt acht Tore waren für den Neckarsulmer Angriff aber die Lücken, die Espinola Perez nach der ersten Hälfte als Rechtsaußen riss. Die Oldenburgerinnen hatten nach der unorthodoxen Umstellung der 1,85-Meter-Frau große Schwierigkeiten mit der Zuordnung. Jill Kooij am Kreis und Anouk Nieuwenweg auf halb nutzten den Raum, um den Pausenrückstand zügig in eine 20:17-Führung (37. Minute) zu verwandeln. "Ich bin glücklich darüber, dass meine Mannschaft kreativ mitzieht. So können wir den Gegner Schachmatt setzen", sagte Tanja Logvin, die auch wieder mit zwei Kreisläuferinnen erfolgreich Verwirrung beim VfL stiftete, als der zwischenzeitlich zum 21:22 (45.) aufschloss.

In der Schlussviertelstunde machte dann vor allem die gute Neckarsulmer 6:0-Deckung das Spiel so deutlich. Nicht nur der Mittelblock mit Irene Espinola Perez und Lucie-Marie Kretzschmar stand stark, auch Sarah Wachter in Neckarsulmer Kasten war immer wieder zur Stelle. Selbst mit siebter Feldspielerin fanden die fahrigen Oldenburgerinnen kaum Lösungen.

Neue mentale Stärke der Sport-Union

War der Kopf in der Vergangenheit oftmals das Problem der Neckarsulmerinnen, scheinen sie unter Tanja Logvin mehr und mehr zu mentaler Stärke zu finden. "Man merkt, dass immer alle spielen, um zu gewinnen. Sie haben eine ganz andere Ausstrahlung", betont die Trainerin das neue Köpfchen ihres Teams, selbst wenn die Leistung einmal schwankt. Der Teamgeist stimmt. Auch bei Geisterspielen.

Nicht nur die Neckarsulmer Trainerin war in der Oldenburger EWE Arena immer wieder zu hören, sondern auch die Neckarsulmer Bank. Gruselmomente führen nicht mehr zu kollektiver Angst, sondern zu klaren Kampfansagen.


Neckarsulmer SU: Gois, Wachter - Kalmbach, Wolf, Senvald, Hendrikse (2), Knippenborg (4), Wick (1/1), Espinola Perez (8), Kooij (4), Nieuwenweg (5), Kretzschmar (3), Moser.

Beste Schützin VfL: Carstensen (7/5). Siebenmeter: VfL 5/6, NSU 1/4; Zeitstrafen: 3/2.

Siebenmeter-Problem

Neckarsulms Trainerin Tanja Logvin nahm die schwache Siebenmeter-Quote mit Humor. "Vielleicht muss ich das nächste Mal selbst aufs Feld", kommentierte sie die drei Fehlwürfe von drei verschiedenen Spielerinnen. Tatsächlich war die ehemalige Weltklasse-Handballerin zu ihrer aktiven Zeit auch für Siebenmeter zuständig und weiß: "Das ist nicht so einfach, wie manche denken. Egal, wie oft du es trainierst." Trotzdem will sie das Problem natürlich in den Griff bekommen: "Es wäre schon leichter, wenn man trifft." Fast die komplette NSU-Mannschaft durfte sich in dieser Saison schon beim Siebenmeter versuchen. In Oldenburg sogar Kreisläuferin Jill Kooij - vergeblich. Die Topkandidatin gibt es noch nicht.


Dominik Knobloch

Dominik Knobloch

Sportredakteur

Dominik Knobloch ging 2012 erstmals als Praktikant für die Heilbronner Stimme aufs Feld. Nach seinem Volontariat wurde er 2015 als Redakteur im Sportressort übernommen.

Kommentar hinzufügen