Neckarsulm will zum Buxtehude des BVB werden

Handball  Im Heimspiel gegen den reisegeplagten BVB lauern die Handballerinnen der Neckarsulmer Sport-Union auf ihre Chance. Das Team von Tanja Logvin will da sein, wenn der große Favorit schwächelt.

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Gegen ihre holländische Landsfrau Kelly Dulfer (re.) und den BVB sah die Sport-Union um Kapitänin Nathalie Hendrikse in der vergangenen Saison kein Land. Zu Hause gab es eine 26:39-Pleite, auswärts eine 25:35-Packung.

Foto: Archiv/Veigel

Am vergangenen Samstag Montenegro, am kommenden Samstag Moskau und dazwischen Neckarsulm. 8586 Kilometer Luftlinie legen die Handballfrauen von Borussia Dortmund binnen sieben Tagen zurück. Ein Mammutprogramm - und vielleicht eine Chance für die Neckarsulmer Sport-Union am Mittwochabend (19.30 Uhr) in der Ballei gegen den haushohen Favoriten.

"Für uns ist es weniger eine körperliche als eine mentale Herausforderung. Wir müssen jeden Mittwoch liefern", sagte BVB-Trainer André Fuhr am Dienstag im Gespräch mit der HSt.

In der Liga hat sich sein Team in bisher erst zehn Spielen noch keine Blöße gegeben. Unter anderem gelang ein beeindruckender 28:22-Sieg beim größten Konkurrenten Bietigheim. Im DHB-Pokal-Achtelfinale unterlagen die Schwarz-Gelben hingegen überraschend dem Buxtehuder SV. Und in der europäischen Königsklasse stehen die Dortmunderinnen nach nur einem Sieg aus bisher acht Partien nur auf Rang sechs der Vorrundengruppe B.

In der Champions League hat der BVB teilweise Lehrgeld gezahlt

"Die Bundesliga hat für uns zwar Priorität, aber ich gebe zu, dass wir in der Champions League teilweise Lehrgeld gezahlt haben. Es ist aber auch schwer, da natürlich jegliches Europpokal-Flair durch die fehlenden Zuschauer verloren geht", erklärte Fuhr.

Um das Ansteckungsrisiko auf den vielen Reisen zu minimieren, ist der BVB nur mit Charterflügen unterwegs. "Der Verein hat das aus meiner Sicht optimal organisiert", lobte Fuhr. Am Samstagmorgen flog das Team nach Podgorica, war im Hotel komplett separiert und flog direkt nach Spielende zurück nach Deutschland. "Das Ansteckungsrisiko war sicher nicht größer, als wenn ich in Dortmund in einen Supermarkt gehe", sagte Fuhr. Das Auswärtsspiel am Samstag in Moskau wird ebenso gehandhabt.

Nach Neckarsulm geht es am Mittwoch jedoch ganz konventionell mit dem Bus. Und Fuhr lässt keine Zweifel daran, dass er die Rückreise mit zwei Punkten im Gepäck einplant. "Bei allem Respekt für den Gegner, wir müssen auch in Neckarsulm liefern." Der Höhenflug der Sport-Union in dieser Saison hat den früheren Metzinger Coach nicht überrascht. "Sie waren bereits seit Jahren individuell gut besetzt und hatten den nötigen Etat. Jetzt haben sie beides zusammengebracht."

Die Statistik spricht eindeutig gegen Neckarsulm

Das Lob wird man bei der Sport-Union gerne hören. Doch ist tatsächlich schon so viel Qualität beisammen, um den Dortmunderinnen ein Bein zu stellen? Die Statistik spricht eine eindeutige Sprache. Der letzte Neckarsulmer Erfolg gegen den Reviervclub liegt schon mehr als fünf Jahre zurück. Am letzten Spieltag der Zweitliga-Saison 2014/15 gewann die Sport-Union mit 32:29 beim bereits als Aufsteiger feststehenden BVB. Beste Torschützin der Gäste war damals Isabel Tissekker mit sieben Treffern.

Seit dem Bundesliga-Aufstieg gab es gegen die ambitionierten Dortmunderinnen nichts mehr zu erben: acht Spiele, acht Niederlagen, 174:234 Tore. Das ist deutlich.

Gegen Metzingen hat sich das Team zu viel Druck gemacht

Die Hoffnung auf eine Sensation speist sich daher aus der Tatsache, dieses Mal wieder in der gewohnten Außenseiterrolle ohne Erfolgsdruck frei aufspielen zu können. "Gegen Metzingen haben wir uns vielleicht zu viel Druck gemacht", vermutete Torhüterin Sarah Wachter nach der unglücklichen 22:24-Niederlage am Samstag, als in der zweiten Hälfte noch eine Sechs-Tore-Führung verspielt wurde.

Trainerin Tanja Logvin schickt ihr Team nie mit dem Anspruch ins Spiel, sich möglichst gut zu verkaufen, sondern immer mit dem Ziel, das Spielfeld als Sieger zu verlassen. "Wenn der Favorit schwächelt, musst du als Underdog da sein", sagte Logvin bereits am Sonntag und Fuhr formulierte es in gleicher Weise am Dienstag. So kann Neckarsulm zum zweiten Buxtehude für den BVB werden.

Kein Schwestern-Duell

Auf das Duell mit ihrer großen Schwester Jennifer hatte sich Joanna Rode gefreut. Doch dazu wird es am Mittwochabend in der Ballei nicht kommen. Denn Neckarsulms Linksaußen ist nach einem Bruch des Schienbeinkopfes Ende Oktober noch nicht wieder fit. Die 23-Jährige wird zwar in der Halle sein und ihr Team anfeuern, doch sie ist weiterhin zum Zuschauen verdammt. Eine Enttäuschung erlebte auch Jennifer, als sie kurz vor der EM aus dem Nationalkader gestrichen wurde. son


Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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