Maike Daniels im Interview: "Du musst dir einen Namen erarbeiten"

Interview  Die Neckarsulmer Handball-Jugendkoordinatorin Maike Daniels spricht über Corona-Herausforderungen, Zukunftspläne und den Bundesliga-Bonus. Auch zum Plan eines Sportinternats in Neckarsulm äußert sie sich.

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Maike Daniels will in Neckarsulm etwas bewegen. Auch für die NSU-Jugendkoordinatorin erschwert die Coronavirus-Pandemie die Arbeit. Trotzdem gibt sich Daniels zuversichtlich.

Foto: Alexander Bertok

Maike Daniels ist in Neckarsulm eine Frau mit vielen Aufgaben. Die ehemalige Bundesliga-Spielmacherin ist nach der aktiven Handball-Karriere in verschiedene Rollen geschlüpft: Co-Trainerin der ersten Mannschaft, Cheftrainerin der U23 und dazu Jungendkoordinatorin. Im vergangenen Jahr hätte die 35-Jährige gerne mehr bewegt, weiß aber, dass Fortschritte "nur über Geduld, über Monate und Jahre" gehen. Nicht mehr ewig soll es dagegen dauern, bis in Neckarsulm ein Sportinternat entsteht, verrät Maike Daniels im Interview.

Frau Daniels, EM-Pause für die Neckarsulmer Bundesliga-Handballerinnen, bei denen Sie Co-Trainerin sind, dazu coronabedingtes Spiel- und Trainingsverbot für Reserve und Jugend, die Sie bei der Sport-Union koordinieren - so viel Zeit hatten Sie wohl lange nicht mehr, oder?

Maike Daniels: Bei der Jugend habe ich ja mittlerweile ohnehin überall eine Trainerin oder einen Trainer und muss zum Glück nicht mehr drei Mannschaften coachen, das war ein bisschen herausfordernd. Für mich fällt also aktuell die Tätigkeit als Cheftrainerin der U23 weg. Aber klar bleibt aktuell mehr Zeit - auch für die Dinge, die ein bisschen liegen geblieben sind, die man nicht einfach im Tagesgeschäft unterbringt.

Und was ist das?

Daniels: 2019 hätte ich gerne mehr bewegt, da bin ich ganz ehrlich. Aber in der Zeit mit 13 Trainingseinheiten in fünf Tagen plus zwei Spielen am Wochenende, manchmal mehr - viel zusätzlich war da nicht leistbar. Ende Januar 2020 kam dann die Cheftrainer-Interimszeit in der 1. Bundesliga. Dann kam Corona, da konnte ich tatsächlich viel im Hintergrund machen. Ich möchte, dass wir uns bei den Trainern personell noch breiter aufstellen und uns auch qualitativ weiterentwickeln. Wir haben ein Konzept entwickelt, wohin wir kurzfristig, mittelfristig und langfristig in den einzelnen Altersklassen wollen. Wir werden unser Profil ein bisschen schärfen.

Und was steht - auf den Punkt gebracht - in dem Konzept?

Daniels: Wir haben erstmal den Ist-Zustand erhoben, mit Zahlen untermauert und analysiert. Und da haben wir uns im Verein überlegt, wo wir überhaupt hin wollen. Daraus ergibt sich, ganz banal gesagt, der Soll-Zustand. Ich glaube, wir sind gut unterwegs - es ist aber auch immer die Frage, mit wem du dich vergleichst.

Zur Person

Maike Daniels ist gebürtige Bottroperin und über ihre aktive Spieler-Karriere 2015 nach Neckarsulm gekommen, wo sie die Handballschuhe 2018 an den Nagel hing, um sich bei der Sport-Union als Trainerin und Jugendkoordinatorin einzubringen. Abseits der Halle schätzt die 35-Jährige vor allem Spaziergänge in den Weinbergen, um Kraft zu tanken. Momentan beschäftigt sich Daniels mit dem Erwerb der A-Lizenz, sie war schon übergangsweise als Bundesligatrainerin tätig.

Der Soll-Zustand in Sachen Sportinternat war in Neckarsulm ja auch Thema. Wie sehen denn da die Ambitionen des Verein mittlerweile aus?

Daniels: Ambitioniert sind wir auf jeden Fall (lacht lange). Wir machen uns sehr viele Gedanken darüber. Überlegen, wie so etwas aussehen kann. Ich kenne das aus meiner eigenen Jugend-Zeit in Leipzig und habe mir auch schon das Internat der Rhein-Neckar Löwen angeschaut. Konkret geschaut, wie es aufgebaut ist, wie die Strukturen und Abläufe sind und wie die Zimmer aufgeteilt sind. Es gibt Bestrebungen dahin. Und wir haben hier auch mit dem Schwimmen, eventuell dem Triathlon die Sportarten zusammen, mit denen wir das stemmen wollen. Wann das wirklich kommen kann - da sind wir am Anfang.

Wenn Sie sich schon konkrete Zimmeraufteilungen anschauen, klingt das aber nicht unbedingt danach, dass es noch zehn Jahre dauert...

Daniels: Erstmal müsste es ja auch finanziell gedeckelt sein. Man muss schauen, dass man es auf grundsolide Füße stellt. Wenn, muss es langfristig funktionieren und seriös sein. Aber es ist auch klar: Wenn hier ein Sportinternat für Frauen-Handball käme, wären wir der erste Standort in Baden-Württemberg.

Das wäre nicht gerade nachteilig beim Werben um Top-Talente...

Daniels: Wir müssen ja nicht lange drumherum reden, dass die Konkurrenz sehr groß ist und man sich mit manchen Dingen voneinander abheben muss. Abgesehen davon weiß ich auch, dass gerade Mädels darauf bedacht sind, immer auch ein zweites Standbein zu haben. Bei Wechselgesprächen geht es auch um die Ausbildungs- und Berufschancen. Die duale Karriere steht sehr im Vordergrund.

Stark in den Hintergrund rückt durch die Coronavirus-Pandemie gerade der Sport. Es sind schwere Zeiten, um die Kinder überhaupt noch zu erreichen. Ernüchternd für Sie?

Daniels: Natürlich ist es herausfordernder, an den Kids dran zu bleiben, ganz klar. Wir müssen hinterher sein, dass die Spielerinnen dran bleiben. Aber auch schauen, wo wir Spielerinnen herbekommen.

Ist denn bereits ein Corona-Effekt in Neckarsulm zu spüren?

Daniels: Von der Quantität erstmal nicht. Aber ich kann nicht genau einschätzen, was es mit den Spielerinnen macht. Wer weiß, wie es im Januar aussieht. Auch wenn man jemand für einen Wechsel hierher anspricht, spürt man oft große Unsicherheit wegen der Planung. Wir wollen auch in der kommenden Saison alle Jugenden besetzen und im besten Fall verstärken. Wir unterstützen unsere Spielerinnen auch in dieser herausfordernden Phase mit Trainingsplänen, die athletische als auch handballerische Elemente enthalten - und natürlich wollen wir die Talente auch nach den Lockerungen der Maßnahmen wieder in den Hallen fördern und fordern. Sie haben sich für Handball entschieden, weil sie gerne mit anderen Sport machen, nicht alleine.

Für welchen sportlichen Weg steht denn die Sport-Union? Geht es bei den Mädels mittelfristig ohnehin nur noch um Hochleistung?

Daniels: Klar wollen wir Spielerinnen für den Leistungssport ausbilden. Aber eben auch dahin gehend - und das betone ich ganz klar -, was die soziale Komponente betrifft, den Teamgedanken. Ich werde nicht jede für den Spitzensport ausbilden können, sondern später auch für die U23 oder andere Clubs wie Bönnigheim, Schozach-Bottwartal, Kochertürn, Oedheim - wie sie alle heißen. Wir bilden nicht vorrangig für diese Vereine aus, sondern zwangsläufig; was auch okay ist. Aber natürlich soll es auch regelmäßig Spielerinnen für die Bundesliga geben - das ist ein Ziel.

Wie attraktiv ist Neckarsulm denn für Toptalente von anderswo?

Daniels: Wir sind ein Standort, der direkt an der Autobahn liegt, was für uns von Vorteil ist - die Verkehrssituation allerdings nicht gerade. Unabhängig von Distanzen muss es sich für eine Spielerin lohnen, hierher zu fahren. Das Flaggschiff ist die erste Mannschaft, da haben wir einen großen Schritt nach vorne gemacht, das merkt man natürlich, was die Wahrnehmung, das Image betrifft. Der Verein und die Trainerinnen sind bereit, Spielerinnen in die Bundesligamannschaft zu führen und zu integrieren, was wir auch schon bewiesen haben. Darüber hinaus musst du dir einen Namen erarbeiten. Aber das geht leider nur über Geduld, über Monate und Jahre.


Dominik Knobloch

Dominik Knobloch

Sportredakteur

Dominik Knobloch ging 2012 erstmals als Praktikant für die Heilbronner Stimme aufs Feld. Nach seinem Volontariat wurde er 2015 als Redakteur im Sportressort übernommen.

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