Ein wildes Wiedersehen für Tanja Logvin

Handball  Chaotisches 24:24 der Neckarsulmer Bundesliga-Frauen beim Ex-Club der Trainerin. Die Sport-Union verspielt eine zwischenzeitliche 23:19-Führung und muss mit einem Punkt leben.

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Auf dem Sprung zum Sieg gerieten die Neckarsulmerinnen um Joanna Rode noch aus dem Gleichgewicht.

Foto: imago images / VIADATA

Am liebsten wäre Tanja Logvin in den Schlussminuten wohl selbst aufs Spielfeld ihrer alten Wirkungsstätte gespurtet. Energisch sprang die Trainerin der Neckarsulmer Sport-Union an der Seitenlinie auf und ab. Wedelte in der Erdgas-Sportarena ihres Ex-Clubs SV Union Halle-Neustadt immer wieder wild mit den Armen. Doch das, was am Sonntagnachmittag drohte, konnte die 46-Jährigen nicht mehr abwenden.

Nicht, als sie in der 58. Minute noch einmal zur finalen Auszeit griff, nachdem aus einer Neckarsulmer 23:19-Führung (54.) ein zittriges 24:23 geworden war. Und nicht, als sie sich ob ihrer lautstarken Zwischenrufe die Gelbe Karte abholte. Letztlich ließ Logvins neue Mannschaft mit einem 24:24 (11:13) gegen bissige Wildcats unnötig den erhofften Sieg beim Aufsteiger liegen.

Nach der Schlusssirene feiert nur eine Mannschaft

Wer den Bundesliga-Punkt gewonnen hatte, machten die Szenen nach der Schlusssirene deutlich. Während die SV-Spielerinnen freudig im Kreis tanzten, schlichen die Gäste mit hängenden Köpfen vom Spielfeld. Schon vorab hatte ihnen das nötige Köpfchen, die richtige Körpersprache gefehlt. Trotzdem wollte es Tanja Logvin nicht zu negativ sehen: "Natürlich müssen wir es besser zu Ende spielen. Aber auswärts ein Punkt ist immerhin ein Punkt - vor allem bei einem so schlechten Spiel von uns, indem wir vielleicht 50 Prozent unseres Niveaus erreichen."

Eigentlich war nach einer chaotischen aber packenden Partie auf mittelmäßigem Niveau alles parat für ein Neckarsulmer Happy End. In der 59. Minute trat Halles Danique Boonkamp an die Siebenmeterlinie. Zum sechsten Mal. Und scheiterte mit dem Wurf zum Ausgleich zum ersten Mal an ihrer ehemaligen Mannschaftskollegin Isabel Gois im Neckarsulmer Tor. Noch 85 Sekunden auf der Uhr und den Ball in den eigenen Reihen - die Sport-Union hatte bereits neun Finger an den nächsten zwei Punkten. Wildcats-Keeperin Anica Gudelj allerdings, die hatte auch beim letzten Neckarsulmer Wurf von Carmen Moser die Hand am Ball. Ihre Schwester Marija Gudelj besorgte dann den Ausgleichtreffer.

Bis zur Pause klappt im Neckarsulmer Spiel wenig

Besonders die Gudelj zwischen den Pfosten hatte Tanja Logvin von Anfang an ein unbarmherziges Wiedersehen bereitet. Immer wieder raufte sich Logvin die Haare, weil die formstarke SV-Keeperin Anica Gudelj auch klarste Neckarsulmer Chancen zunichte machte. Acht Paraden legte sie in der ersten Hälfte aufs Parkett. Hatte maßgeblichen Anteil am schwachen 1:4-Start der Sport-Union und Logvins erster Auszeit nach elf Minuten. Richtig in der Spur fand Neckarsulm aber bis zum 5:9 (18.) nicht.

Dann fing der SV an, fahriger zu werden. Und brachte den Gast damit ins Rollen. Mit einem 4:1-Lauf drückten die Neckarsulmerinnen kräftig aufs Tempo und bestraften die technischen Fehler der immer nervöser werdenden Wildcats. Ein Gegenstoß von NSU-Kapitänin Nathalie Hendrikse brachte beim 11:11 (27.) den ersten Ausgleich. Komplett auf der Höhe waren die Neckarsulmerinnen bei den Abschlüssen aber noch immer nicht. Die Strafe war der 11:13-Pausenrückstand.

Logvins Umstellungen bringen Neckarsulm vermeintlich auf die Siegerstraße

Ein wildes Wiedersehen für Tanja Logvin

Tanja Logvin erlebte eine emotionale Rückkehr.

Foto: imago images / Eibner

Tanja Logvin tat alles, um ihrer Mannschaft zu helfen. An ihrem Coaching sollte es nicht liegen. Durch zwei taktischen Maßnahmen brachte sie die Sport-Union auf die Siegerstraße und die SV-Deckung mit Sara Senvald als zweiter NSU-Kreisläuferin statt einer Halbrechten völlig aus dem Konzept. Auch die Umstellung von einer 6:0- auf eine 5:1-Abwehrformation funktionierte. Zwar musste sich die neu strukturierte Mannschaft fünf Minuten lang finden, nach einem 11:15 marschierte sie aber zum 17:16 (44.) und damit der ersten Führung.

Beim 20:18 (49. Minute) betrug die Neckarsulmer Führung erstmals zwei Tore. Eine offensive Abwehrumstellung des SV half der Sport-Union dann eher, als dass sie ihr schadete und so setzte sich der Gast auf 23:19 ab.

Statt die beiden Punkte souverän nach Hause zu bringen, leisteten sich die Neckarsulmerinnen aber plötzlich Anfängerfehler im Aufbauspiel. "Vorsprung halten lernen, geht eben nicht mit einem Klatschen in die Hände", sagte die ehemalige Weltklasse-Spielerin Logvin. Zumindest abseits des Feldes kann sie beim Lernprozess helfen.

Neckarsulmer SU: Wachter (5 Paraden), Gois (3 Paraden) - Kalmbach (1/1), Wolf, Senvald, Hendrikse (4), Knippenborg (3), Wick (1/1), Perez (2), Kooij (1), Kretzschmar (5), Rode (1), Moser (2/1).

Beste Schützin SV: Mikkelsen (5).

Siebenmeter: NSU 3/5, SV 5/6. Zeitstr.: 5/5.

 

Vor den Augen des prominenten Papas

Unter den 400 Zuschauern in der stimmungsvollen Erdgas-Arena des SV Union Halle-Neustadt war auch ein besonders prominenter Gast. Unweit der Leipziger Heimat hatte es sich Handball-Ikone Stefan Kretzschmar nicht nehmen lassen, seiner Tochter Lucie-Marie mit der Familie vor Ort zuzugucken. Der ehemalige Nationalspieler sah die Neckarsulmer Nummer 33 in der ersten Hälfte vorwiegend im Mittelblock neben Irene Espinola Perez, wo das Talent trotz zweier früher Zeitstrafen einen sehr souveränen Job machte. Im Angriff musste Kretzschmar aber zunächst meist für Lynn Knippenborg Platz machen. Im zweiten Durchgang durfte die 20-Jährige jedoch mehr auf halblinks ran. Und machte ihre Sache auch dort gut. Fünf Feldtore bei sechs Wurfversuchen waren die beste Quote der Sport-Union. Auch in der umformierten 5:1-Deckung stand Kretzschmar stabil. Bis zur 57. Minute. Dann sah sie ihre dritte Zeitstrafe und damit die Rote Karte. Papa Kretzschmar hatte dennoch einen der bisher besten Auftritte seiner Tochter im Bundesliga-Trikot der Sport-Union gesehen. Sein erster Besuch in der Neckarsulmer Ballei sollte also nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. 


Dominik Knobloch

Dominik Knobloch

Sportredakteur

Dominik Knobloch ging 2012 erstmals als Praktikant für die Heilbronner Stimme aufs Feld. Nach seinem Volontariat wurde er 2015 als Redakteur im Sportressort übernommen.

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