Auch ohne Meisterstück mehr als manierlich

Handball  Trotz der abschließenden 24:42-Klatsche beim BVB darf die Neckarsulmer Sport-Union stolz auf eine außergewöhnlich gute Saison sein. Es spricht sogar einiges dafür, dass die Saison kein einmaliger Ausreißer nach oben war.

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Applaus, Applaus: Das Team von Neckarsulms Trainerin Tanja Logvin hat sich in den 30 Bundesliga-Spielen weit über Wert verkauft. Foto: Andreas Veigel

Ganz am Ende war für die Neckarsulmerinnen sogar die Meisterschale zum Greifen nah. Allerdings nur rein geographisch. Für das letzte Saison-Spiel war die Sport-Union am Samstag zum verlustpunktfreien Bundesliga-Primus Borussia Dortmund gefahren. Und hatte bei der BVB-Gala vor der schwarz-gelben Meisterfeier mit einem 24:42 zu spüren bekommen, dass zur absoluten Spitze noch ein Stück fehlt. Dennoch darf Neckarsulm auch ohne ein finales Meisterstück stolz auf eine außergewöhnlich gute Saison sein. Fragen und Antworten zum starken sechsten Platz der Sport-Union:

Warum war Neckarsulm gerade in dieser Saison so erfolgreich?

Anders als bei ihrem Debüt in Neckarsulm als Nothelferin im Abstiegskampf hatte Tanja Logvin bei ihrer Rückkehr auf die Trainerbank der Sport-Union diesmal Zeit, ihre Handball-Ideen über eine komplette Vorbereitung und die gesamte Runde lang in den Köpfen der Mannschaft nachhaltig zu verankern. Die mehrsprachige Chefin verfolgt sportlich einen klare Botschaft. Die Kern-Aussage im nicht immer ganz so klaren deutschen Vokabular der kommunikationsstarken Logvin: Selbstwert. Kein Wort, das im gewöhnlichen Sprachgebrauch nicht ganz so geläufig daher kommt, benutzte die 46-Jährige häufiger. Was gemeint ist, war deutlich zu sehen: Die frühere Weltklassespielerin hat ihrem einst von Selbstzweifeln gehemmten Team unverwüstliches Vertrauen in die eigene Stärke eingehämmert - der wichtigste Wandel in Neckarsulm.

Was war personell anders?

Immerhin acht Spielerinnen der Sport-Union standen bereits 2019/20 im Kader. Darunter auch die Leistungsträgerinnen. Gerade bei der Spielregie hat Tanja Logvin aber einen anderen Schwerpunkt als ihr Vorgänger Pascal Morgant gesetzt. Logvin baute in der Mitte wieder komplett auf die routinierte Lynn Knippenborg. Konkurrentin Louisa Wolf - unter Morgant noch zentraler Baustein des Teams - bekam kaum mehr Spielminuten und wurde letztlich sogar nach Göppingen abgegeben. Knippenborg dankte das neue Vertrauen mit dem zweiten Frühling ihrer Karriere. Die 29-jährige Niederländerin spielte fast durchgängig auf Weltklasse-Niveau, übernahm immer wieder in entscheidenden Szenen die Verantwortung und wurde von den NSU-Fans zurecht als Spielerin der Saison gewählt. Neckarsulms Trainerin und ihre Spielmacherin sind eine der entscheidenden Achsen des Erfolges. "Wir können uns mittlerweile auch nur mit den Augen unterhalten", sagt Logvin zum besonderen Verhältnis.

Wäre am Ende sogar noch mehr drin gewesen?

Zwischenzeitlich lag Neckarsulm als Dritter auf Kurs zum internationalen Geschäft. Auch sieben Spiele vor dem Saisonschluss war der Traum von Europa noch nicht ausgeträumt. Im Endspurt nach der Länderspielpause stolperte die Sport-Union aber etwas zu häufig - auch über coronabedingte Spielverschiebungen, Verletzungen und das sehr schwere Schlussprogramm. Die Verantwortlichen dürften vielleicht ganz froh sein, dass es mit dem unverhofften Sprung aufs internationale Parkett noch nicht geklappt hat. Schließlich wären damit auch erhebliche Mehrkosten auf den Verein zugekommen.

War die Saison nur ein Ausreißer?

Mit Gewissheit sagen lässt sich das erst nach der nächsten Saison. Die Vorzeichen für 2021/22 sprechen aber klar gegen eine einmalige Sache und künftig wieder Abstiegskampf in Neckarsulm. Schlüsselspielerin Knippenborg hat ihr Karriereende verschoben und bleibt mindestens ein weiteres Jahr. Auch die anderen Leistungsträgerinnen konnten gehalten werden. Hinzu kommt verheißungsvolle Verstärkung. Mit Johanna Stockschläder steht künftig auf Linksaußen sogar eine Spielerin von Meister Dortmund im jungen Kader der Sport-Union. Mit Svenja Mann kehr zudem ein regionales Toptalent zurück und die erst 20-jährige Daphne Gautschi gilt als echter Rohdiamant.

Wo hatte Neckarsulm noch Luft nach oben?

Die Neckarsulmer Abwehr war besonders in der Rückrunde oftmals zu anfällig. In der zweiten Saisonhälfte setzte es im Schnitt fast 31 Gegentore pro Partie. Bei keiner anderen Mannschaft der Top Ten klingelte es öfter im eigenen Kasten - obwohl dort bei der Sport-Union zwei überdurchschnittlich gute Keeperinnen standen. Auch die Neckarsulmer Ausbeute in der Fremde ist mit 15:15 Punkten ausbaufähig. An der Präsenz von der ersten Minute an sollte Neckarsulm ebenfalls arbeiten. Oft musste die Sport-Union mit Startschwierigkeiten kämpfen.


Dominik Knobloch

Dominik Knobloch

Sportredakteur

Dominik Knobloch ging 2012 erstmals als Praktikant für die Heilbronner Stimme aufs Feld. Nach seinem Volontariat wurde er 2015 als Redakteur im Sportressort übernommen.

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