"Erste Hausaufgabe ist, durchzuschnaufen"

Handball  Der Trainer der Bundesliga-Frauen der Sport-Union Pascal Morgant spricht im Interview vor dem letzten Saisonspiel über Druck, die Kaderplanung und die Besonderheiten der Sport-Union.

Von Dominik Knobloch

"Erste Hausaufgabe ist, durchzuschnaufen"

Daumen hoch: Für Trainer Pascal Morgant war die erste Saison in Neckarsulm anstrengend, aber letztlich doch zufriedenstellend.

Foto: Veigel, Andreas

Ein letztes Match steht für die Bundesliga-Frauen der Sport-Union noch an, dann ist die Saison geschafft. Trainer Pascal Morgant blickt auf sein erstes Jahr in Neckarsulm zurück, erklärt den heißen Draht nach Holland und spricht über mentale Herausforderungen.

 

Herr Morgant, an diesem Samstag steht das letzte Saisonspiel in Leverkusen an. Sind Sie froh, dass die Runde vorüber ist, oder dürften noch ein paar Partien kommen?

Pascal Morgant: Ich muss schon ehrlich zugeben, dass ich recht froh bin, wenn die Runde vorbei ist. Es war einfach eine sehr anstrengende und lange Saison. Man darf nicht vergessen, welchen Aufwand wir da betreiben. Im Grunde hatten wir kein Weihnachten, kein Ostern, keine Feiertage - wir schießen eigentlich komplett durch, ohne größere Pause.

 

Es liegt also nicht an Neckarsulm im Speziellen?

Morgant: Nein. Aber mein erstes Jahr hier mit einem Riesenumbruch und sehr vielen Aufgaben war natürlich schon sehr aufreibend. Das kam schon auch noch ein Stück weit mit dazu. Nicht im negativen Sinne, sondern mit Blick auf die Größe der Herausforderung.

 

Dem waren Sie sich von Anfang an bewusst. Ist es im Rückblick noch schwieriger gewesen, als erwartet?

Morgant: Eine richtige Vorstellung von dem, was einen erwartet, hat man ja nie wirklich. Jeder Verein tickt etwas anders, jedes Umfeld hat seine Eigenheiten.

 

Und wie eigen ist die Sport-Union?

Morgant: Das ist hier keine GmbH. Wir sind nicht ausgegliedert. Mit Schwimmen, Rugby, Tischtennis und Leichtathletik gibt es im Verein ein ganz großes Paket und mit Kai Stettner nur einen Geschäftsführer, der sich um alles kümmern muss und sich nicht nur auf den Handball konzentrieren kann.

 

Also bräuchte es für dieses große Paket mehr Hände und Schultern?

Morgant: Ich finde, wir haben das im Handball mit Teamwork sehr gut gemacht. Ich möchtes als Trainer auch bei Neuverpflichtungen ein gewichtiges Wort mitsprechen. Wenn man einen Sportlichen Leiter hat, muss man immer ein Stück weit nach Vorgaben arbeiten. Ich glaube, wir haben es mit unserem Modell ganz gut hinbekommen, einen schlagkräftigen Kader für die nächste Saison zusammenzustellen.

 

Mit drei niederländischen Zugängen scheint besonders der Draht nach Holland recht heiß zu sein...

Morgant: Man versucht natürlich schon, nicht nur wild und alles durcheinander einzukaufen, sondern eine Mannschaftszusammenstellung, bei der auch schon persönliche Kontakte da sind. Und da hat es sich eben ergeben, dass wir mit den Niederlanden einen sehr guten Draht gefunden haben.

 

Neckarsulm wird künftig also eine Mischung aus deutscher Brezel mit holländischem Käse?

Morgant: (lacht) Internationales Flair gibt es ja nicht nur bei uns und auch nicht erst seit gestern. Wir schauen natürlich weiter, dass wir eine regionale Identität beibehalten. Aber gleichzeitig müssen wir uns auch dem Niveau der deutschen Eliteliga anpassen. Da kann man eben nicht mehr nur regional denken, das hat sich gewandelt.

 

Macht es das schwieriger, die Zuschauer abzuholen?

Morgant: Nein, ich finde, das kann ein Team auch spannend machen. Andere Persönlichkeiten, andere Kulturen - ich persönlich als Mischlingsmensch mit französischem Vater bin so einer Geschichte gegenüber sehr, sehr aufgeschlossen. Ich denke, sich gegenseitig zu akzeptieren, sollte in unserer Gesellschaft normal sein. Und der Sport kann und muss da eine große Vorbildrolle einnehmen. Hier wird gezeigt, wie schnell Integration läuft. Als Club dabei eine eigene Identität zu verkörpern, gehört aber natürlich auch dazu.

 

Teil eines Clubs sind auch die Fans. Wie beurteilen Sie das Verhältnis?

Morgant: Es ist sehr gut. Gerade beim entscheidend Spiel gegen Halle hat man ja auch den Zuspruch gesehen. Als Gegner habe ich damals die Ballei gesehen und gesagt: "Voll cool - Leinwand, Tribüne und alles." Jetzt zu sehen, was alles dahinter steckt, ist schon der absolute Wahnsinn. Da bin ich extrem froh und stolz, dass wir so tolle Fans und Helfer haben, die sich das Kümmern fast schon zum Hobby gemacht haben. Von der Masse gibt es sicher noch Potenzial, da können wir noch mehr machen.

 

Tief in der Neckarsulmer DNA verwurzelt zu sein, scheint auch das Zittern. Bei Fans und Spielerinnen. Der Kopf war eines der großen Themen der Saison. Wird sich im mentalen Bereich künftig etwas tun?

Morgant: Wir haben da schon unglaublich viel gemacht. Wir hatten eine Mentaltrainerin. Auch das Training bei den Ringern in Obereisesheim hat uns in einer schwierigen Phase viel für den Kopf gebracht. Die Mentaltrainerin ist nach wie vor da, dem Verein sehr verbunden und führt weiter Gespräche mit den Spielerinnen. Wir werden noch entscheiden, ob wir sie dauerhaft brauchen, oder bei Bedarf auf sie zurückgreifen.

 

Viel Bedarf gab es in dieser Runde für die medizinische Abteilung auch unterhalb das Halses. Waren die vielen Verletzungen nur Pech?

Morgant: Die beiden Kreuzbandrisse Anfang der Saison waren, glaube ich, wirklich einfach Pech. Bei Louisa Wolf müssen wir uns schon Gedanken machen, was das mit der Überbelastung zu tun hatte. Der Risikofaktor für Knieprobleme bei Frauen im Hallensport ist aber enorm groß. Dazu gibt es viele Studien. Jeden Verein erwischt es leider mal. Auch dabei haben wir aber gemerkt, dass Neckarsulm im medizinischen Bereich viele Möglichkeiten und ganz tolle Leute hat. Die sieht man nicht groß, für uns sind sie aber extrem wichtig. Das haben wir in dieser Saison sehr gut aufgebaut, weil es so gar nicht da war - das hat mich ein bisschen überrascht.

 

Weniger überraschend war, dass Neckarsulm einmal mehr gegen den Abstieg kämpfen musste. Gerade in den Sozialen Netzwerken gab es immer wieder kritische Kommentare von den eigenen Fans. Lesen Sie die eigentlich alle?

Morgant: Nicht alle, aber es ist sicher nicht so, dass es mich nicht interessiert. Jeder hat das Recht, auf seine Meinung. Wenn aus der Enttäuschung mal ein böser Kommentar kommt, dann trifft das einen natürlich ein Stück weit. Auf der anderen Seite ist es mir aber lieber, wenn die Leute auch mitleben und ihre Emotionen zeigen. Desinteresse wäre viel schlimmer.

 

Wie groß ist denn das Interesse des Trainers, wie fleißig seine Spielerinnen in der Pause sind?

Morgant: Natürlich bekommen die Mädels einen Plan für die freie Zeit, damit wir im Juli nicht bei Null oder im Minus anfangen. Jetzt brauchen sie aber auch mal etwas Abstand. Die erste Hausaufgabe ist, jetzt erstmal durchzuschnaufen.

 


Zur Person

Wäre Pascal Morgant nicht hauptamtlicher Handballtrainer geworden, würde der 43-Jährige heute wohl als Industriemechaniker sein Geld verdienen. Das jedenfalls hat er neben seiner aktiven Karriere als Kreisläufer gelernt. Halt gibt dem passionierten Camper neben dem Reisen vor allem seine Familie. Gemeinsam mit Frau Stefanie hat der ehemalige Göppinger Bundesliga-Spieler zwei Kinder, Tochter Amelie und Sohn Kilian. Von stolzer französischer Abstammung väterlicher Seite, steht Morgant zu seinem bretonischen Dickkopf. dok


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