Eine Saison der Extreme für die Heilbronner Falken

Eishockey  Hinter den Falken liegt ein denkwürdiges Jahr mit vielen Tiefen, aber auch mit einigen Höhen. Aufgrund der Begleitumstände war es sicher das schwierigste Jahr der Clubgeschichte.

Email

Was war das für ein Jahr? Um Jahrzehnte gealtert sei er, sagt Stefan Rapp. Dabei ist der 50-Jährige erst seit Mitte Mai des Vorjahres Geschäftsführer der Heilbronner Falken. Aber mit einer normalen Saison sei das alles nicht zu vergleichen gewesen. "Das war vermutlich die lehrreichste Saison, die der Profisport hat erleben dürfen", sagt er. Ein Auf und Ab, bedingt durch extreme Einflüsse von außen. Die Saison der Falken im Rückblick:

Neustart: Die Absage der Playoffs der alten Saison trifft die Falken hart, das Team fühlte sich nach dem besten Hauptrunden-Ergebnis seit Jahren mit Platz vier dazu berufen, mehr zu erreichen. Weit zu kommen. Der Abbruch: nur schwer zu akzeptieren. "Es ist, als ob einem was genommen wird", sagt Yannik Valenti damals. Die harte Arbeit von einem Jahr: "Für nichts." Noch im April folgen erste Personalentscheidungen: In Michel Zeiter präsentieren die Falken ihren neuen Trainer, Mitte Mai folgt etwas überraschend der Geschäftsführer-Wechsel: Rapp übernimmt für Atilla Eren. Nach und nach kommen Spielerverpflichtungen hinzu, der Großteil des Erfolgsteams bleibt zusammen: Es will seine Mission vollenden.

Euphorie: Heilbronn startet früh in die Vorbereitung. Die Vorfreude wächst, wenngleich unklar ist, wann die DEL2-Saison startet. Im September steigt seit über 200 Tagen mit dem Test gegen die GCK Lions wieder ein Heimspiel im Eisstadion am Europaplatz. Sogar mit Zuschauern. Es ist ein Testlauf unter geltenden Hygienebedingungen. Es bleibt das erste und einzige Spiel mit Zuschauern. Der Saisonstart ist von Anfang Oktober auf Anfang November verschoben. Es könne "keine professionell notwendige Planung und Umsetzung des Spielbetriebs gewähr-leistet werden", teilt die Liga mit. Die Vorbereitung der Falken mutiert zur Endlos-Veranstaltung, die Ergebnisse werden zum Ende hin schlechter. Und mit Davis Koch und Ian Brady fallen zwei Leistungsträger aus.

Fehlstart: Es geht los. Aber ohne Zuschauer, komplett. Dazu legen die Falken noch einen Fehlstart hin und stecken von Beginn an im Tabellenkeller. "Wir wissen aber, wo wir den Hebel ansetzen müssen", sagt Zeiter nach zwei Pleiten. Viel anzusetzen gibt es aber nicht: Nach Spiel drei ist Schluss. Es hagelt Spielabsagen für die Falken, weil ihre Gegner reihenweise in Quarantäne müssen. "Corona hat den Tages-Rhythmus komplett verändert", sagt Rapp. Organisatorisch, aber auch sportlich.

Absturz: Schnell sammeln sich mehr Absagen als Punkte an. Heilbronn ist völlig aus dem Tritt, steckt unten fest. Dann ist Corona da. Pause. Quarantäne. Erst kurz vor Weihnachten geht es weiter. Die Falken: Abgeschlagener Letzter. Ein Tiefpunkt. Zudem pfeift die Mannschaft personell aus dem letzten Loch. "Wir sind eher eine Volleyball- als Eishockeymannschaft", sagt Trainer Michel Zeiter, der die Spielphilosophie ändert. Defensiver Überlebenskampf ist fortan angesagt. Doch das erhoffte Weihnachtswunder bleibt aus, die Falken gewinnen im alten Jahr kein Spiel mehr.

Stagnation: Erst: ein Hoffnungsschimmer. Die Falken starten eine kleine Serie, es ist die beste Phase unter dem Schweizer Zeiter. Sogar gegen Bietigheim gelingt ein furioser 6:2-Sieg. Doch dem Aufschwung fehlt die Nachhaltigkeit, Zweifel an Zeiter werden lauter. Anfang Februar ist dann Schluss für ihn. Die richtige Entscheidung, wie sich später zeigen sollte. "Die Mannschaft hat danach ganz andere Leistungen abgeliefert", sagt Rapp. Ob man hätte früher reagieren müssen? "Es gab so viele Einflüsse, ich weiß nicht, ob es ein anderer Trainer da viel besser gemacht hätte."

Aufschwung: Haudegen Bill Stewart räumt auf, verändert die Kultur, weg vom Kaffee-Club, wie er ihn nach eigener Aussage angetroffen hat. Er verpasst seinem Team eine neue Struktur, erinnert mit markigen Sprüchen an das einfache, geradlinige des Sports. "Du kannst das Spiel nicht mit einem Rock spielen", sagt er. Er fordert mehr Härte, lässt seinen Spielern wenig durchgehen. Das geht auf: Unter ihm machen die Falken in wenigen Wochen Platz um Platz gut und ziehen als Achter in die Playoffs ein. Zwar wird die Hauptrunde kurz vor dem Ende abgebrochen. Stefan Rapp ist sich jedoch sicher: "Auch ohne den Abbruch hätten wir den Platz gehalten." Die Falken waren auf dem richtigen Weg.

Tiefpunkt: Doch wieder trifft es die Falken hart. "Corona hat uns die Playoffs verhagelt", fasst der Manager zusammen. Das halbe Team ist betroffen, fällt aus für die anstehende Meisterrunde. Und das ausgerechnet gegen die Kassel Huskies, die die DEL 2 dominiert haben. Die Falken stehen schon vor dem Start der Serie auf verlorenem Posten. "Wir hatten nicht die Möglichkeit, eine außergewöhnliche, stressige Saison mit dem bestmöglichen Erfolg zu beenden", sagt Rapp.

Schlusspunkt: Und doch verkaufen sich die Falken gut, zeigen Charakter, bieten dem Favoriten die Stirn - und verabschieden sich in allen Ehren. "Mit erhobenen Haupt. Es ist absolut bemerkenswert, was die Mannschaft in den Playoffs geleistet hat", sagt Rapp.


Kommentar: Abhaken

Haken dran. Die Saison der Heilbronner Falken in der DEL 2 ist zu Ende. Und man muss sagen: Gott sei Dank. Endlich. Denn bei allem Einsatz, bei aller Leidenschaft: Unter diesen Umständen war es kein Vergnügen, kein unbeschwertes Erlebnis. Vom sportlichen Wert ganz zu schweigen. Gerade für die Falken. Mit nur dem halben Team in diese noch eindrucksvoll erreichten Playoffs starten zu können, starten zu dürfen, hat mit fairem Wettbewerb nichts zu tun. Egal gegen wen.

Aber klar: Das waren die Spielregeln, denen haben auch die Falken zugestimmt. Eine Wahl gab es freilich nie. Die Falken sind ihrer Pflicht als faire Sportsmänner nachgekommen, haben Charakter gezeigt, sich gegen das Schicksal gestemmt. Für den Sport. Für die Liga, die ausgerechnet in dieser Saison seit Ewigkeiten wieder einen Aufsteiger stellen darf - sofern der Meister denn aus Kassel, Bietigheim oder Frankfurt kommt. Dafür gebührt Verantwortlichen, Spielern, einfach allen Beteiligten höchster Respekt.

Das Saison-Aus hat den Vorteil, vom Krisen- in den Normalmodus übergehen zu können. Die Zukunft zu planen. Sich besser aufzustellen als zu dieser Saison, die zu keinem Zeitpunkt unter einem guten Stern stand, für alle nicht. Die Dauerkrise der Liga, ausgelöst durch eine Pandemie, hat eigene Probleme aber kaschiert. Die Wahl des Trainers zum Beispiel, mitunter die Zusammenstellung des Kaders, in jedem Fall die Kombination aus beidem zu Beginn der Saison. Wenn die Saison zu etwas gut war: Dann aus ihr zu lernen und das Eishockey am Leben zu halten. Ansonsten gilt: Haken dran.


Martin Peter

Martin Peter

Autor

Über Umwege ist Martin Peter im August 2017 bei der Heilbronner Stimme gelandet. Der gebürtige Norddeutsche lebte davor lange Zeit am Alpenrand und berichtet nun über Eishockey und das sportliche Geschehen im Kraichgau.

Kommentar hinzufügen