Die Heilbronner Falken haben eine Trainerdiskussion

Eishockey  Die Fans der Heilbronner Falken machen im Internet gegen Michel Zeiter mobil: Nach dem schwachen Auftritt in Bietigheim fordern sie die Ablösung des Schweizers. Und auch intern nimmt die Kritik an Zeiter zu.

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UPDATE (5. Februar, 9:45 Uhr): Bill Stewart übernimmt das Traineramt bei den Falken

Ungewohnt emotional: Falken-Trainer Michel Zeiter schreit in Richtung Eisfläche.

Foto: Ralf Seidel

Eine Zugverbindung ist im digitalen Zeitalter sehr schnell zur Hand. Kurz nach dem 1:4 der Heilbronner Falken am Dienstagabend in Bietigheim hatte eine Anhängerin der Unterländer einen Screenshot im Forum gepostet. Heilbronn - Zürich: vier Stunden 28 Minuten. Kosten: 71 Euro. Abfahrt: 4.55 Uhr.

Die Botschaft: Weg mit dem Trainer. Zurück nach Zürich, die Heimat von Michel Zeiter. Und das am besten so schnell wie möglich. Die Zugverbindung war für den frühen Mittwochmorgen terminiert. Einem anderen Anhänger war das zu spät: Er schlug vor, noch in der Nacht direkt ab Bietigheim zu buchen.

Der Frust war unmittelbar nach dem Spiel entsprechend groß, doch auch in den Tagen nach dem schwachen 1:4 hat sich die Meinung vieler Fans nicht geändert: Bei einer Umfrage im Forum stimmten bis Donnerstagnachmittag rund 200 Fans dafür, dass der zu dieser Saison geholte Zeiter gehen muss. Tenor: Der Schweizer hatte genug Zeit.

Michel Zeiter scheint das Vertrauen der Basis verloren zu haben

Zwei Fans waren dafür, dem Trainer noch eine Chance zu geben, einer war der Meinung, dass es nicht am Trainer liegt. Diese Umfrage mag zwar nicht repräsentativ sein, manche Teilnehmer stimmten mehrmals gegen Zeiter. Aber die Tendenz zeigt: Zeiter scheint einen Teil der Basis nicht hinter sich zu haben. Das Vertrauen, dass die Falken mit ihm die Wende schaffen, ist offenbar dahin. Ob es die Falken wollen oder nicht: Spätestens seit Dienstag haben sie eine Trainerdiskussion an der Backe.

Wobei es Geschäftsführer Stefan Rapp doch anders formuliert wissen möchte: "Wir haben eine Diskussion zur sportlichen Leistung an der Backe." Das beziehe Team und Trainer mit ein. Das Ergebnis im prestigeträchtigen Derby ist für ihn zweitrangig. "Aber die Art und Weise war beschämend." Die Aufarbeitung des Geschehens sei im Gange. "Wir haben das Thema angenommen", sagt Stefan Rapp, der wie die Gesellschafter von den frustrierten Anhängern im Internet zum Handeln aufgefordert wurde. Wobei Rapp auch da differenziert: zwischen Grundsatzpessimisten sowie konstruktiven Kritikern. Über Letztere habe er sich gefreut, weil sie mit Anregungen und Ideen einen sinnvollen Beitrag in einer für die Falken schwierigen Situation leisten.

Es wird deutlicher: Die Falken stehen zurecht am Ende der Tabelle

Denn auch wenn es im neuen Jahr für die Falken besser als in 2020 läuft: Sie sind immer noch Tabellenletzter. Und inzwischen wird immer deutlicher, dass sie zurecht Schlusslicht der DEL 2 sind. Die in den Corona-Wirren aufgetürmten Nachholspiele werden von Woche zu Woche weniger - der Abstand zur Konkurrenz aber nicht kleiner. Im Gegenteil: Die Falken liegen sechs Punkte hinter dem Vorletzten Weißwasser, der drei Spiele mehr absolviert hat. Um an den Füchsen vorbeizuziehen, bräuchte Heilbronn aus diesen drei Spielen sieben Punkte.

Das ist allerdings selbst mit dem 2021er Schnitt von 1,5 Punkten pro Spiel nicht machbar. Und die Aussichten, dass die Falken aus der aktuellen Situation heraus eine Serie starten, sind eher düster. Es fehlt an Kontinuität, guten Spielen folgen auf dem Fuß miese Auftritte. Rapp leitet daraus die zentrale Frage für die interne Aufarbeitung ab: "Wie kann es sein, dass wir extreme Ausschläge haben - sowohl nach unten als auch nach oben?" Nicht in den Ergebnissen, sondern in den Leistungen. Das Bietigheim-Spiel sei nur Abbild der sportlichen Leistungen insgesamt.

Es klingt, als würde die Luft für Michel Zeiter intern immer dünner

Vielleicht das eine zu viel? Vieles müsse aus Sicht von Stefan Rapp nun hinterfragt werden: Struktur, Spielverständnis, System. Es klingt so, als wäre die Luft für Zeiter auch intern dünner geworden.

Rapp hatte Zeiter schon vergangene Woche angezählt. Beim 3:6 zu Hause gegen Kaufbeuren vermisste der Manager die Emotionalität auf der Bank und schloss bei seiner Kritik den Trainer ausdrücklich mit ein. Öffentlich. Und doch: Zeiter sagt, dass er das Vertrauen der Verantwortlichen auch jetzt noch spüre. "Wieso nicht?", fragt er. Zwar sei die sportliche Situation auch für ihn enttäuschend. "Ich kämpfe aber jeden Tag dafür, die Situation zu korrigieren." In seiner Analyse ist vor allem das Dienstagsspiel, das dritte in fünf Tagen, "das, was uns immer runterzieht". Diese Partie brauche "Extrakonzentration, das ist eine Kopfsache." Sein Ziel: In den nächsten Wochen den Fokus schärfen. Ans Zugfahren denkt Zeiter erst gar nicht.

Die Leistung gegen Kaufbeuren korrigieren

Was gut machen: Das ist das Ziel von Michel Zeiter und seinem Team nach dem schwachen Auftritt am Dienstag in Bietigheim. Vor dem Heimspiel diesen Freitag, 20 Uhr, gegen Kaufbeuren geht es darum, "die Leistung zu korrigieren". Konzentriert, strukturiert und geduldig wollen die Heilbronner gegen den Drittletzten auftreten, gegen den sie vor zehn Tagen mit 3:6 daheim verloren hatten. Verzichten muss Zeiter weiter auf den angeschlagenen Brock Maschmeyer, der auch am Sonntag in Frankfurt (16 Uhr) nicht wieder mitmischen kann. "Wir werden mit derselben Mannschaft auftreten wie die letzten beiden Spiele", sagt Zeiter. Nur die Leistung soll besser werden. 


Martin Peter

Martin Peter

Autor

Über Umwege ist Martin Peter im August 2017 bei der Heilbronner Stimme gelandet. Der gebürtige Norddeutsche lebte davor lange Zeit am Alpenrand und berichtet nun über Eishockey und das sportliche Geschehen im Kraichgau.

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