Vertauschte Rollen in Bönnigheim

Handball  Aufsteiger Neustadt-Hohenacker spielt abgezockter als der oberligaerfahrene TSV Bönnigheim und siegt verdient mit 28:22.

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Zu oft schauten die TSV-Spielerinnen wie hier Katja Kerner (re.) verlorenen Bällen nach und liefen beständig einem Rückstand hinterher.

Fotos: Christiana Kunz

Fünf Minuten vor Schluss ereignete sich eine für das Spiel typische Szene. Bönnigheim lag 19:23 zurück, war ausnahmsweise mal in Überzahl und ließ den SV Hohenacker-Neustadt dennoch in aller Seelenruhe angreifen. Mit einem Wackler düpierte Denise-Marie Kindsvater ihre Gegenspielerin und traf frei zum 24:19. "Das war ein Stück weit der Genickbruch", gab TSV-Trainer Stefan Martin hinterher zu.

Mit 28:22 (12:10) entführte der Vorjahres-Aufsteiger am Samstag überraschend beide Punkte aus der Halle des etablierten Oberligisten. Über weite Strecken sahen die zahlreichen Zuschauer eine Partie mit vertauschten Rollen.

TSV bekommt keine Bewegung ins Spiel

Das Heißmachen vor dem Spiel gewannen noch die Gastgeberinnen. Die Vorfreude und Motivation der Spielerinnen nach einjähriger Pflichtspielpause war den lautstarken Anfeuerungsrufen eindeutig zu entnehmen. Doch das Spiel war von der ersten Sekunde an eine zähe Angelegenheit. Die offensive 3:2:1-Abwehr der Gäste raubte jedes Tempo aus dem TSV-Spiel. "Wir haben es nie geschafft, in die Bewegung zu kommen. Nach zwei, drei Pässen haben sie uns festgemacht. In die Eins-gegen-Eins-Situationen sind wir fast immer aus dem Stand gegangen und haben sie entsprechend verloren", monierte Martin.

Die zweikampfstarke und flink verschiebende Defensive blieb über 60 Minuten eine Herkulesaufgabe. Jedes Tor musste sich der TSV hart erarbeiten. Oft geriet das Team dabei unter Zeitdruck, musste schwierige Würfe von Außen oder unvorbereitete Abschlüsse aus dem Rückraum nehmen. Da zudem noch die ersten beiden Siebenmeter verworfen wurden, lief Bönnigheim nach der 1:0-Führung kontinuierlich einem Rückstand hinterher.

Selbst der Gästetrainer ist von seiner Mannschaft überrascht

Vertauschte Rollen in Bönnigheim

Lena Halupka (am Ball) und Alexandra Zäh (li.) mühten sich die meiste Zeit vergeblich, um Lücken in der Defensive des SV Neustadt-Hohenacker zu finden.

Dank ihrer überragenden Abwehr genügte Neustadt-Hohenacker eine durchschnittliche Angriffsleistung, um immer vorzulegen. Angesichts ihres kleinen Kaders spielten die Gäste ihre Angriffe lange aus. Geduldig suchten sie nach der Lücke in der zu passiven 6:0-Formation des TSV. Fand sich keine spielerische Lösung, verließen sie sich auf die individuellen Fähigkeiten ihrer Topspielerinnen Kindsvater und Lara Friese.

Der Aufsteiger erwies sich in vielen Spielsituationen auch als handlungsschneller und cleverer. "Das hat mich auch überrascht", gestand Gäste-Trainer Frank Gehrmann, der Bönnigheim "als klaren Favorit" eingeschätzt hatte. "Wir sind zwar schon im Vorjahr aufgestiegen, fühlen uns aber weiterhin als Neuling, für den nur der Klassenerhalt zählt", sagte Gehrmann. Der 4:0-Punkte-Start scheint sogar höhere Ambitionen zuzulassen. TSV-Coach Martin zählt den Gegner jedenfalls zu den stärkeren Teams der Oberliga.

Bönnigheim bekommt das Spiel nicht gekippt

Für den Samstagabend war diese Einschätzung sicher nicht falsch. Der 10:12-Halbzeitrückstand ließ dem TSV noch alle Optionen, mit einer starken zweiten Hälfte das Auftaktspiel wie in den vergangenen drei Jahren doch noch erfolgreich zu beenden. Sandra Graner und die stärkste Bönnigheimerin Katja Kerner sorgten für den schnellen 12:12-Ausgleich (34.). In dieser Phase hätten die Gastgeberinnen die Partie drehen können. Doch nie gelang der Führungstreffer, der vielleicht einmal die bleierne Schwere aus dem TSV-Spiel genommen hätte.

Eigene Fehler, zu viele Zeitstrafen und das starke Rückzugsverhalten des Gegners waren ausschlaggebend, dass die Gäste mit einer 22:18-Führung in die letzten zehn Minuten gingen. Trotz ihrer wenigen Wechseloptionen ließen die Kräfte nicht nach und sie brachten den Sieg im Stile eines routinierten Viertligisten nach Hause.


TSV Bönnigheim: Altmann, Gerullis (Tor) - Zäh (2), Hafendörfer (1), Gröger, Graner (3/3), Ullrich, Meic (3), Samer, Häberlen (3), Halupka (2), Kerner (7), Grosser (1).

Beste Schützinnen des SV: Friese (7), Ortwein (7/4.).

Siebenmeter: TSV 5/3; SV 4/4.

Zeitstrafen: 7/5.

Disqualifikationen: Friese (SV/54.) und Kerner (TSV/60.) nach jeweils der dritten Zeitstrafe.


Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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