Sebastian Heymann verzichtet auf die WM

Handball  Der Horkheimer Sebastian Heymann fühlt sich nach seiner langen Verletzungspause nicht fit genug für das Turnier in Ägypten. Doch er verzichtet. Sehr schweren Herzens.

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Sebastian Heymann wird in Ägypten nicht im Nationaltrikot zu sehen sein. Der 22-Jährige verzichtet auf die WM-Teilnahme.

Foto: imago-images/Wolf-Sportfoto

Wenn Sebastian Heymann über die Nationalmannschaft spricht, beginnen seine Augen immer zu leuchten: "Mit dem Adler auf der Brust zusammen mit den Jungs in die Halle einlaufen, die Nationalhymne hören, das ist für mich das Allergrößte."

Sätze wie diesen hat der 22-jährige Horkheimer schon nach seinen ersten Berufungen in die Jugend-Nationalmannschaft gesagt, die er bald als Kapitän aufs Feld führte. Nach seinem Debüt in der A-Nationalmannschaft im März 2019 verriet er: "Ich war noch nie so nervös, während ich auf der Bank saß."

Mittlerweile sind vier weitere Länderspiele dazugekommen, doch immer noch ist das Nationalteam die Erfüllung seines Kindheitstraums. Das große Ziel, auf das Heymann unzählige Stunden hingearbeitet hat. Für das er nach seinem Kreuzbandriss ein Jahr geschuftet hat, um wieder fit zu werden. "Es war dieses Bild, das ich dabei immer vor Augen hatte."

Die WM wäre sein nächster wichtiger Schritt auf dem Karriereweg gewesen

Die Weltmeisterschaft im Januar in Ägypten wäre sein erstes großes Turnier mit dem A-Team gewesen. Der nächste wichtige Schritt auf seinem Karriereweg. Die große Chance, sich im internationalen Rampenlicht zu präsentieren. Doch Heymann verzichtet. Schweren Herzens. Um der Gesundheit willen. Um einer langen Karriere willen. Um möglichst vieler weiterer großer Turniere willen. "Das war die schwerste Entscheidung meiner bisherigen Karriere", sagt der Rückraumspieler am Montag im Gespräch mit der Stimme.

Der Entschluss fiel nicht spontan, sondern nach "brutal langen Überlegungen", nach vielen Gesprächen mit seinen Physiotherapeuten, seinem Trainer Hartmut Mayerhoffer, den Verantwortlichen bei FrischAuf Göppingen und natürlich mit Bundestrainer Alfred Gislason sowie DHB-Sportvorstand Axel Kromer. Einfluss hatte auch die schlimme Verletzung des fast gleichaltrigen Nationalmannschaftskollegen Tim Suton, der sich vor zehn Tagen einen Kreuzbandriss zuzog - den zweiten innerhalb von 15 Monaten. Da steht dann die Frage des möglichen Karriereendes ganz schnell im Raum. "Entscheidend war für mich mein Körpergefühl. Wenn ich mich nicht 100 Prozent fit und bereit fühle für so ein hartes Turnier, dann kann ich der Mannschaft auch nicht helfen", sagt Heymann.

Heymann trägt die Verantwortung im Rückraum und im Abwehr-Innenblock

Beim Bundesligisten ist der Rechtshänder derzeit im Drei-, Vier-Tages-Rhythmus gefordert. Da das Team viele Verletzte zu beklagen hat, trägt Heymann die Verantwortung im linken Rückraum und im Abwehr-Innenblock. Nach der Niederlage gegen Melsungen am Sonntag geht es schon am Mittwoch in Berlin weiter, ehe nach dem Heiligabend im Kreise der Familie in Horkheim bereits am zweiten Weihnachtsfeiertag Minden in der EWS-Arena gastiert. "Ich bin körperlich absolut am Limit und mein Körper ist mein Kapital", gibt er zu.

Zumal in dieser spielintensiven Phase keine Zeit für gezieltes Kraft- und Aufbautraining bleibt, um die Stabilität des Knies weiter zu verbessern. Das will Heymann nun im Januar in Göppingen absolvieren und sich die Kollegen im Kampf um Titelehren in Nordafrika vor dem Fernseher anschauen. "Ich bin mir sicher, dass die Jungs eine gute WM spielen. Das ist ein hochtalentiertes Team mit internationalen Klassespielern", ist Heymann überzeugt.

Heymann hofft, dass der Anruf ausbleibt

Aber gibt es möglicherweise nicht doch noch ein Hintertürchen für Sebastian Heymann nach Ägypten? DHB-Sportvorstand Kromer deutete ein solches bei der Pressekonferenz am Montag an. "Die Option, Sebastian Heymann nachzuholen, ist da", sagte der 43-Jährige. Auf die Aussage angesprochen, meinte Heymann: "Ich hoffe, dass kein Anruf kommt. Das hieße schließlich, dass sich einer oder mehrere Spieler verletzt haben und das wünsche ich niemandem."


Kommentar: Reifeprozess

Vor dem Anruf bei Alfred Gislason hatte sogar der gestandene Nationalspieler Patrick Wienczek Angst. Dem gestrengen Bundestrainer die WM-Absage mitzuteilen, sei "kein Spaß gewesen", bestätigte auch Sebastian Heymann.

Doch die Entscheidung verdeutlicht einen Reifeprozess des 22-jährigen Nationalspielers. Der kleine handballverrückte Basti in ihm will natürlich mit nach Ägypten, will sich den WM-Traum erfüllen, für Deutschland den Titel erringen. Doch der rational denkende Profisportler Sebastian Heymann blickt nicht nur auf dieses unmittelbar bevorstehende Ziel, sondern auf seine gesamte sportliche Karriere. Der Kreuzbandriss 2019 und der lange Weg zurückhaben ihm schmerzlich gezeigt, an welch dünnem Faden sportliche Pläne und Ziele hängen können. Wie schnell es vorbei sein kann.

In der Bundesliga trägt Heymann bereits jetzt schon sehr viel mehr Last, als es sein Rückkehrplan vorgesehen hat. Bis zu neun Spiele in 19 WM-Tagen kämen im Januar hinzu, bevor nahtlos die Bundesliga-Rückrunde anstünde. Ist die Saison beendet, steht schon Olympia in Tokio vor der Tür, sofern Deutschland sich qualifiziert und die Pandemie die Spiele zulässt. Ein weiterer großer Traum eines jeden Sportlers.

Dies alles im Blick zu haben, auf die Signale des eigenen Körpers zu hören, nicht immer allen Erwartungen genügen zu wollen, das zeichnet einen mündigen, verantwortungsvollen Sportler aus. Und der kleine Basti wird seine große Chance noch bekommen. Bestimmt.


Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

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