Der Oberliga-Tanz der NSU-Handballer geht zu Ende

Handball  Die Neckarsulmer Sport-Union zieht das Männerteam aus finanziellen Gründen am Saisonende aus der Baden-Württemberg Oberlig zurück. Die NSU-Handballer stehen seit dem Aufstieg 2017 im Schatten der Bundesliga-Frauen.

Email

Vor dreieinhalb Jahren feierten die Neckarsulmer Männer den Aufstieg in die Oberliga. "Wir haben es mit mega Spaß einfach laufen lassen", sagte Fabian Göppele (Zweiter von rechts) damals.

Fotos: Archiv/Veigel

Virtuell musste Rolf Härdtner am Montagabend die schlechte Nachricht überbringen. "Das hat es noch schwerer gemacht", sagte der Vorsitzende der Neckarsulmer Sport-Union am Dienstag im Gespräch mit der Heilbronner Stimme. Der Verein wird seine Handball-Männer am Saisonende aus der Baden-Württemberg Oberliga (BWOL) zurückziehen. "Coronabedingt können wir die Mannschaft nicht mehr finanzieren", begründete Härdtner die Entscheidung, die er in enger Abstimmung mit dem für Handball zuständigen Vorstandsmitglied Bernd Dollmann und Abteilungsleiter Christian Saup getroffen hat.

Die laufende Saison soll noch ordnungsgemäß zu Ende gebracht werden, sofern der Spielbetrieb im neuen Jahr wieder aufgenommen werden sollte. Unabhängig vom sportlichen Ausgang (Neckarsulm ist mit drei Niederlagen aktuell Tabellenletzter), ist das Kapitel Viertklassigkeit beendet. "Das ist unwahrscheinlich schade. Ich habe gehofft, dass es nicht soweit kommt. In diesen Zeiten muss aber wohl jeder mit so etwas rechnen", sagte Trainer Clemens Borchardt am Dienstag.

Kapitän Schreider: Schlimmste Befürchtung eingetreten

Auch die Spieler sahen ihre "schlimmste Befürchtung" eingetreten, wie Kapitän Benjamin Schreider sagte: "Es hat sich zwar angedeutet, dass etwas passiert. Das Ausmaß hat mich aber überrascht." Der 31-Jährige bedauert die Entscheidung natürlich, betonte aber: "Ich weiß, dass sich der Verein damit sehr schwergetan hat."

Der Oberliga-Tanz der NSU-Handballer geht zu Ende

Spektakuläre Derbys gegen den TSV Weinsberg wird es für Felix Hofacker (links) und seine Neckarsulmer in der nächsten Saison nicht mehr geben.

Das bestätigte Abteilungsleiter Christian Saup in der offiziellen Vereinsmitteilung: "Die momentane Situation ist für niemanden im Amateursport einfach. Wir sehen uns zum jetzigen Zeitpunkt jedoch nicht seriös in der Lage für einen BWOL-Spielbetrieb im kommenden Jahr zu planen, unabhängig davon, ob wir uns sportlich qualifizieren würden oder nicht." Mit dem Rückzug des Oberligateams soll aber keineswegs der Männer-Handball in Neckarsulm begraben werden. "Den wird es bei uns weitergeben", versicherte Härdtner. In welcher Liga und mit wie vielen Mannschaften, ist indes völlig offen und hängt davon ab, wie viele Spieler auch in der fünften Liga, oder gar noch tiefer für Neckarsulm spielen wollen.

NSU-Vorsitzender Rolf Härdtner sieht die Spieler am Zug

"Wir werden uns in der Mannschaft sicher bald besprechen, brauchen aber natürlich eine Perspektive des Vereins", so Schreider. Härdtner sieht jedoch die Spieler am Zug: "Wir haben die Entscheidung bewusst so früh getroffen, damit die Spieler genügend Zeit haben, ihre sportliche Zukunft zu planen", sagte Härdtner.

Die Männer standen auch nach dem Oberliga-Aufstieg 2017 immer im Schatten der Bundesliga-Frauen. Müssen sie jetzt endgültig der teuren Profitruppe Tribut zollen? "Nein", sagte Härdtner entschieden. "Vielmehr haben die Frauen in der Vergangenheit die Männer mitfinanziert. Aus dem Männerbereich kam nichts."

Den Frauen fehlen die wichtigen Zuschauereinnahmen

Der Oberliga-Tanz der NSU-Handballer geht zu Ende

Auch Trainer Clemens Borchardt geht einer ungewissen Zukunft entgegen.

Dem Bundesligateam fehlen in dieser Saison allerdings auch die wichtigen Zuschauereinnahmen. Fast alle Spiele mussten vor leeren Rängen absolviert werden. Da auch sämtliche Feste abgesagt wurden, aus denen der Verein sonst wichtige Einnahmen erzielt, wurden die Handball-Männer offenbar immer mehr zur reinen Kostenstelle. Jetzt hat der Verein die Kosten-Notbremse gezogen und den Etat für die kommende Saison drastisch reduziert, "aber nicht auf null runtergefahren", wie Härdtner betonte. Aber eben doch soweit, dass damit keine konkurrenzfähige Oberliga-Mannschaft finanziert werden kann.

"Als Sportler, welcher dem Neckarsulmer Männer-Handball schon seit 51 Jahren auch familiär eng verbunden ist, trifft mich die Entscheidung zum Rückzug der Mannschaft tief ins Mark", sagte der frühere Abteilungsleiter Alfred Bauer. "Dass mit dem BWOL-Aufstieg erreichte Ziel will man - aus welchen Gründen auch immer - nicht mehr fortführen." Neckarsulms Urgestein Reiner Kazmeier, aktuell Trainer in Flein, meinte: "Es tut mir sehr leid für alle, die den Männer-Handball in den vergangenen 15 Jahren wieder vorangebracht haben. Es ist frustrierend."

 

Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig.

Kommentar hinzufügen