"Mammutturniere wären unattraktiv für Zuschauer"

Interview  Der frühere DHB-Präsident Bernhard Bauer spricht über die Chancen einer Heim-WM, Harzverbot und eine Spielplan-Reform.

Von Stephan Sonntag
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"Alles andere als das Halbfinale wäre eine Enttäuschung"
Der ehemalige DHB-Präsident Bernhard Bauer vertritt auch heute noch eine klare Meinung. Foto: dpa

Es passt zu dem bescheidenen Menschen Bernhard Bauer, dass er zum Interview-Termin erstmals den Vip-Bereich bei den Bundesligaspielen der Neckarsulmer Handballfrauen in der Ballei betritt, obwohl er immer freien Zugang hätte.

 

Herr Bauer, was machen Sie während der WM 2019?

Bernhard Bauer: Zum Eröffnungsspiel und zum Halbfinale in Hamburg bin ich vom DHB eingeladen worden. Darüber freue ich mich. Zudem will ich zu einem Spieltag nach München fahren. Im Übrigen werde ich die Spiele vor dem Fernseher verfolgen und natürlich der deutschen Nationalmannschaft die Daumen drücken.

 

Bedauern Sie, nicht mehr in verantwortlicher Position dabei zu sein?

Bauer: Nein, ich genieße die Zuschauerrolle. Ich freue mich allerdings noch immer sehr darüber, dass es uns 2013 gemeinsam mit Dänemark gelungen ist, die Weltmeisterschaft in unsere Länder zu holen.

 

Erst vor Jahresfrist fand die Frauen-WM in Deutschland statt, jetzt folgt das Weltturnier der Männer. Ist das nicht zu viel?

Bauer: Nein. Ich bin der Auffassung, dass es für einen Verband und ein Land nichts Schöneres geben kann, als Gastgeber für die weltbesten Sportlerinnen und Sportler zu sein, sie hautnah erleben zu dürfen. Wir sollten uns deshalb einfach darüber freuen, dass wir zwei so herausragende Ereignisse durchführen dürfen. Im Übrigen sind solche Weltturniere auch einzigartige Gelegenheiten, um unseren Sport Menschen näherzubringen, die bisher noch keinen Bezug zum Handball haben.

 

Da werden Sie es sicher begrüßen, dass dieses Mal bereits früh feststand, dass die Spiele im Free-TV zu sehen sind?

Bauer: Unbedingt. Eine Heim-WM kann ihre Wirkung nur entfalten und viele Menschen erreichen, wenn sie im frei empfangbaren Fernsehen gezeigt wird.

 

Im Weltverband IHF wird ja bereits diskutiert, das WM-Teilnehmerfeld ähnlich wie im Fußball aufzustocken. Was halten Sie davon?

Bauer: Wenig. Ich verstehe natürlich, dass viele Länder, in denen Handball ein populärer Sport ist, gerne mal bei einer WM mitspielen würden. Andererseits würden Mammutturniere nicht nur die Belastung der Spieler erhöhen, sondern durch große Leistungsunterschiede, die es im Handball gibt, unattraktiv für die Zuschauer werden. Deshalb halte ich die aktuelle Teilnehmerzahl für ausreichend.

 

Ein Dauerbrenner-Thema bei der IHF ist das Harzverbot. Wie stehen Sie zum Handball-Haftmittel?

Bauer: Der Handball, wie er heute mit all seinen Finessen gezeigt wird, wäre ohne Harz nicht denkbar. Handball ohne Harz ist für mich wie Linsen ohne Spätzle - etwas Wesentliches würde fehlen. Deshalb haben wir uns im Handballverband Württemberg schon vor Jahren dafür eingesetzt, dass in den kommunalen Sporthallen möglichst kein Harzverbot ausgesprochen wird. Wer sich weiter an Drehern und anderen Tricks erfreuen will, kann nicht gegen Haftmittel sein.

 

Sie haben die hohe Belastung der Topspieler angesprochen. Durch die Verletzung von Julius Kühn ist die Diskussion darüber auch in Deutschland wieder in vollem Gange. Lässt sich das Problem lösen?

Bauer: Die Belastung der Topspieler ist zweifelsohne sehr hoch, oft vielleicht sogar zu hoch. Und dies, obwohl in den Vereinen die ärztliche und physiotherapeutische Betreuung deutlich besser ist als noch vor zehn oder 20 Jahren. Ich würde mir wünschen, dass die Bundesligasaison - ähnlich wie im Fußball - Ende Mai enden würde. Dann könnte die Sommerpause Anfang Juni beginnen. Wenn das erste Pflichtspiel Mitte September ansteht, hätten alle Spieler ausreichend Zeit, um zu regenerieren und sich vorzubereiten.

 

Wie soll das gelingen?

Bauer: Dieses Ziel könnte man erreichen, wenn vor allem in der ersten Saisonhälfte mehr Englische Wochen gespielt würden. Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Rhythmus auch den Spielern lieber ist, als die ganze Woche nur zu trainieren.

 

Eine echte WM-Vorbereitung wie man sie im Fußball kennt, wäre für die Handballer vielleicht auch nicht schlecht.

Bauer: Auch wenn die Trainingsgestaltung bei einem Bundestrainer anders ist als bei einem Vereinstrainer, wäre es natürlich wünschenswert, wenn vor einem großen Turnier ausreichend Zeit zur Verfügung stünde, um Abläufe und spieltaktische Dinge zu trainieren. Ich denke, dass sich diese Zeit beispielsweise durch die angesprochenen Englischen Wochen gewinnen ließe. Andere Sportarten schaffen dies ja auch.

 

Wichtig ist auch, dass die Nationalspieler die spieltaktischen Ideen des Bundestrainers annehmen. Bei der vergangenen EM war das offensichtlich nicht immer der Fall.

Bauer: Jeder, der hochklassig Handball gespielt hat, weiß, dass es irgendwann immer mal zu Differenzen zwischen Trainer und Mannschaft kommen kann. Entscheidend ist, dass die Kritikpunkte dann offen angesprochen, diskutiert und gelöst werden. Wenn dies geschehen ist - und davon gehe ich bei der Nationalmannschaft aus - kann man aus so einer Situation sogar gestärkt hervorgehen und als Einheit noch enger zusammenwachsen.

 

Ist die deutsche Nationalmannschaft überhaupt gut genug für den WM-Titel?

Bauer: Deutschland gehört zur erweiterten Weltspitze. In diesem Kreis sind die Unterschiede so gering, dass oft die Tagesform entscheidet. Wenn Deutschland komplett spielen kann, zählt das Team sicher zu den fünf, sechs Mannschaften, die den Titel unter sich ausmachen werden.

 

Werden wir 2019 ein Wintermärchen 2.0 erleben?

Bauer: Wenn es der Mannschaft, aber auch jedem einzelnen Spieler gelingt, seine Fähigkeiten auf die Platte zu bringen, wird sehr schnell wieder große Begeisterung aufkommen. Ob es ein Wintermärchen wird, hängt natürlich davon ab, ob es Deutschland schafft, bis ins Halbfinale oder Finale vorzudringen. 2007 hat die weit über die Handballfans hinausreichende Euphorie der Menschen in Deutschland eigentlich erst mit dem umkämpften Halbfinalsieg gegen Frankreich große Wellen geschlagen. Starke Auftritte in der Vorrunde könnten allerdings die zündenden Funken sein, die das Feuer früher entfachen lassen.

 

Zur Person

Bernhard Bauer ist am 14. November 1950 in Neckarsulm geboren und stand dort ab der C-Jugend im Tor. Weitere Stationen seiner Aktiven-Karriere waren Oßweil, Neuhausen/Erms, Kornwestheim und Göppingen. Seine Funktionärslaufbahn begann der Rechtswissenschaftler und einstige politische Beamte 2002 als Präsident des Handballverbandes Württemberg. Von 2013 bis 2015 stand Bauer als DHB-Präsident an der Spitze des deutschen Handballs. Auch im Ruhestand ist der Leonberger als Mitglied im Normenkontrollrat der Landesregierung noch aktiv. Der 68-Jährige ist seit 2018 Ehrenmitglied seines Heimatvereins und Dauergast bei den Bundesliga-Heimspielen der Neckarsulmer Handball-Frauen.

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