Ludwigshafen ist lachender Dritter, Ege-Trans-Arena wird zum doppelten Trauerhaus

Handball  In einem denkwürdigen Saisonfinale der Handball-Bundesliga entscheidet am Ende ein Tor über Klassenerhalt oder Abstieg.

Von Stephan Sonntag
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Ludwigshafen ist lachender Dritter, Ege-Trans-Arena wird zum doppelten Trauerhaus

Pure Freude: Ludwighafens Spieler Alexander Feld und sein Trainer Ben Matschke (re.) können ihr Glück am letzten Spieltag kaum fassen.

Foto: imago-images / Oliver Zimmermann

Bis in die letzten Sekunden dieses Bundesliga-Saisonfinals war alles möglich. In Bietigheim vergibt Mimi Kraus zehn Sekunden vor dem Ende das mögliche Siegtor. In Ludwigshafen trifft Jonathan Scholz zum 31:30 gegen Minden. In Bietigheim lässt der VfL Gummersbach die restlichen Sekunden verstreichen, hofft darauf, dass das 25:25 zum Klassenerhalt reicht.

In Ludwigshafen blocken die Eulen den letzten Wurf der Gäste, gewinnen das Spiel und ziehen als lachender Dritter an beiden punktgleichen Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt vorbei. Ein einziges Tor hat in der Abschlusstabelle den Ausschlag gegeben.

Die eben noch ohrenbetäubend lärmende Ege-Trans-Arena in Bietigheim verwandelt sich schlagartig in ein doppeltes Trauerhaus, während in der Friedrich-Ebert-Halle in Ludwigshafen alle Dämme brechen.

Klarheit in der Wischpause

Ludwigshafen ist lachender Dritter, Ege-Trans-Arena wird zum doppelten Trauerhaus

Bietigheims Torhüter Domenico Ebner weinte nach Spielende hemmungslos und wird den Verein in Richtung Hannover verlassen.

"Während einer Wischpause eine Minute vor Schluss ist plötzlich die gesamte Halle aufgestanden. Da war klar, dass das Spiel in Bietigheim Unentschieden ausgegangen war. Wenn ich nur daran denke, kriege ich schon wieder Gänsehaut", sagte Ben Matschke am Pfingstmontag.

Gemeinsam mit seinem Co-Trainer war der Eulen-Coach da gerade auf Mallorca gelandet. "Einen Tag Pause, um alles zu verarbeiten", erklärte der 36-Jährige. Die Mannschaft hatte zeitgleich eine Villa auf Ibiza bezogen. "Da lasse ich die Jungs gerne mal alleine feiern, das haben sie sich nach elf Monaten harter Arbeit verdient", sagte der gebürtige Heilbronner, der wie sein Team keine Sekunde geschlafen hatte.

Mimi Kraus entschuldigt sich nicht dafür, Mimi Kraus zu sein

Um den Schlaf gebracht haben dürfte Bietigheims Spielmacher sein Fehlwurf kurz vor Ende. "Damit muss ich jetzt leben. Ich werde mich aber nicht dafür entschuldigen, dass ich Mimi Kraus bin und die Verantwortung übernommen habe", machte der 35-Jährige deutlich.

Es war beinahe schon ein medizinisches Wunder, dass der Weltmeister von 2007 nach seinem Muskelbündelriss mit einer schweren Bandage am Oberschenkel überhaupt einige Minuten auf dem Feld stehen konnte und sogar noch drei Tore erzielte. "Ich habe mich vollgepumpt mit Schmerzmitteln", lautete seine simple Erklärung.

Bietigheim macht den Sack nicht zu

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Gummersbachs Ivan Martinovic kann kaum begreifen, dass der VfL nach 43 Jahren Bundesligazugehörigkeit tatsächlich absteigt.

Fotos: dpa

Lange hatten seine Bietigheimer auch ohne ihren Leitwolf funktioniert. Die knappe 14:13-Pausenführung baute die SG BBM bis auf vier Treffer aus. "Ziehen wir in der Phase auf fünf davon, wäre Gummersbach wohl nicht mehr zurückgekommen", war Bietigheims Sportlicher Leiter Jochen Zürn hinterher sicher. "Wir haben den Sack nicht zugemacht", ärgerte sich auch Kraus.

Mit einem 4:0-Lauf wie aus dem Nichts drehte der Bundesliga-Dino aber in der Schlussphase die Partie, schien auf den letzten Drücker doch noch einmal dem ersten Abstieg der Vereinsgeschichte zu entrinnen. Doch Kraus mit einem genialen Wurf um die Abwehr herum, schubste den VfL wieder Richtung Abgrund. Obwohl die Gummersbacher bereits im Vorfeld wussten, dass ein Remis zu wenig sein könnte, ließen sie die Gelegenheit für einen allerletzten Angriff verstreichen.

VfL-Trainer sieht "nur weinende Männer"

Als die Nachricht vom Ludwigshafener Sieg schließlich die Runde machte, sackten die Riesen in blau und gelb in sich zusammen, verbargen ihre Gesichter in den Trikots oder ließen die Tränen hemmungslos laufen. "Man sieht nur weinende Männer", sagte VfL-Trainer Torge Greve und meinte damit auch die Bietigheimer.

"Es war ein Riesenspiel, eine Riesenkulisse, eine Riesensaison. Das bleibt unvergessen", sagte Zürn, ebenfalls mit Tränen in den Augen. "Wir werden aber wiederkommen", schickte der 57-Jährige aller Trauer zum Trotz eine Kampfansage direkt hinterher.

 

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