Handball-Saisonende lässt viele Fragen offen

Handball  Die Corona-Krise beschert den Amateurhandballern das Saisonende - und den Neckarsulmer Männer- und den Nordheimer Frauenteams plötzlich den Klassenerhalt. Doch in der Region wird es wohl nicht nur Gewinner geben.

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Kapitän Benjamin Schreider (li.) und seine Neckarsulmer dürfen sich freuen: der Oberliga-Klassenerhalt ist geschafft.

Fotos: Archiv/Veigel

Der Handballverband Württemberg ist in den Chor der Landesverbände eingestimmt und hat das Saisonende 2019/20 beschlossen. Das sorgt für Erleichterung bei allen um den Klassenerhalt kämpfenden Teams, denn sportliche Absteiger wird es keine geben.

Planungssicherheit haben die Vereine damit aber keineswegs, denn wie die Aufstiegsregelungen im Einzelnen aussehen und wer sich für welche Liga qualifizieren wird, ist weiter offen. Der Überblick über die vermeintlichen Gewinner und die möglichen Verlierer.

Neckarsulmer Sport-Union: In den sieben Spielen seit Jahresbeginn gelang kein Sieg, bereits fünf Punkte fehlten den Oberliga-Männern zum rettenden Ufer. "In dieser Saison wäre es echt eng für uns geworden, jetzt darf jeder ein bisschen Aufatmen", sagt Henning Tittel. Als "verhalten euphorisiert", über die absehbare Entscheidung bezeichnete sich der Sportliche Leiter bereits am Dienstag. Grundsätzlich stünde einer weiteren Saison in der Oberliga nichts im Wege. "Es wird sicher Einschnitte bei den Sponsoreneinnahmen geben, doch der Spielbetrieb ist absehbar nicht in Gefahr." Auch bei den abstiegsgefährdeten Landesliga-Männern der Sport-Union darf der Klassenerhalt gefeiert werden. "Insofern bringt das unsägliche Coronavirus für die Sport-Union doch noch Positives mit sich", sagt Tittel.

TSV Nordheim: In der Theorie sind die Frauenteams des TSV der größte Gewinner. Denn sowohl die Württembergliga- als auch die Landesligamannschaft sind abgeschlagen Letzter, würden jetzt aber die Klasse halten. Doch von jeglicher Feierlaune ist Württembergliga-Coach Nils Koch weit entfernt: "Wir werden erst einmal ruhig bleiben und Stück für Stück schauen, was für uns möglich ist." Denn die Planungen waren für sein Team natürlich auf eine Runde in der geplanten neuen Verbandsliga ausgerichtet. "Jetzt ist alles wieder auf Null gestellt. Vieles steht noch in den Sternen", sagt Koch. Der Sportler in ihm sagt natürlich, dass die höchst mögliche Liga gespielt werden sollte.

Handball-Saisonende lässt viele Fragen offen

Die Nordheimer Württembergliga-Frauen um Elisa Dermaku (beim Wurf) waren abgeschlagenes Schlusslicht, dürfen jetzt aber in der fünfthöchsten Klasse bleiben.

Und aufgrund der Leistungssteigerung in der Rückrunde sieht er sein Team grundsätzlich auch dazu in der Lage, in der Württembergliga zu bestehen. Getreu dem Motto: "Neue Runde, neues Glück." Doch natürlich muss letztlich gemeinsam im Verein geklärt werden, ob das personell und finanziell auch möglich ist. Zumal Koch ohnehin ein weiteres Problem kommen sieht. "Ich gehe davon aus, dass die neue Runde nicht pünktlich starten wird, sondern dass die Beschränkungen aufgrund des Coronavirus länger bestehen bleiben werden."

SKV Oberstenfeld: Als Tabellensiebter der Württembergliga sind die SKV-Männer voraussichtlich vor einem Gang in die Verbandsliga sicher, sollte sie denn - wie der HVW gerne möchte - zur nächsten Saison eingeführt werden. "Das würde mich ultra, ultra freuen", sagt Michael Walter. Der scheidende Trainer fühlt aber mit den Teams ab Rang acht: "Ich würde es auch als Abstieg betrachten, künftig in der Verbandsliga spielen zu müssen. Ich bin mir sicher, dass die betroffenen Vereine dagegen Einspruch einlegen werden."

TV Flein: Platz eins in der Landesliga und womöglich ein Verlierer? Vielleicht. Denn kommt die Verbandsliga, wäre eine direkte Rückkehr der Männer in die Württembergliga nicht möglich. "Wir nehmen es, wie es kommt", sagt Ralf Pitzke. Der Fleiner Abteilungsleiter weiß um die schwere Aufgabe des Verbandes: "Ich möchte nicht in der Haut der Funktionäre stecken, die Situation ist total verzwickt." Das gilt auch für die zweite Mannschaft in der Bezirksliga. Wird Relegationsplatz zwei jetzt zum Aufstieg berechtigen? Oder bekommt der TSB Horkheim II den Vorzug, der zwar zwei Punkte weniger auf dem Konto hat, dafür aber noch zwei Nachholspiele in der Hinterhand und das einzige direkte Duell beider Mannschaften klar gewonnen hat. "Wir würden im Zweifelsfall sogar den Horkheimern den Vortritt lassen. Ich bin für einvernehmliche Lösungen. Für Vereine, die rechtliche Schritte erwägen, habe ich überhaupt kein Verständnis", macht Pitzke deutlich.

HSG Hohenlohe: Die Bezirksliga-Männer haben sich bereits am letzten regulär ausgetragenen Spieltag den Titel gesichert und steigen damit in die Landesliga auf. "Den Schritt werden wir auf jeden Fall wahrnehmen", sagt Manuel Gentner. Nach dem Weggang von Spielertrainer Sören Vogt und weiterer Leistungsträgern waren zuletzt Gerüchte aufgekommen, die HSG würde womöglich verzichten. "Wir sind uns mit einem neuen Trainer nahezu einig", verriet HSG-Vorstandsmitglied Gentner. Die Landesligafrauen sind aktuell Vierter, mit nur zwei Punkten Rückstand auf den Spitzenreiter. Ursprünglich wäre dies ein Aufstiegsplatz in Richtung der neuen Verbandsliga gewesen. "Wird die Liga wie geplant eingeführt, gehen wir auch davon aus, dabei zu sein", sagt Gentner. Wenn nicht, würde die HSG womöglich ihrer Aufstiegschancen beraubt.


Kommentar "Dilemma"

Die Aufgabe eines Landesverbandes im Sport besteht in erster Linie darin, einen regelgerechten Spielbetrieb zu gewährleisten. Den Vereinen muss klar sein, welche Leistung für das Erreichen einer höheren Spielklasse nötig ist und in welchem Fall ein Abstieg droht. In diesen ungewissen Corona-Zeiten ist dies allerdings eine Herkulesaufgabe. Zurzeit weiß ja nicht mal jemand, ob im Herbst überhaupt ein regulärer Saisonstart möglich ist.

Bei der Wertung der nun offiziell beendeten Spielzeit 2019/20 hat der HVW das zusätzliche Problem, dass mit der allein durch den Schiedsrichtermangel notwendigen Einführung einer Verbandsliga eine große Strukturreform geplant war. 28 Teams in zwei Staffeln sollten künftig in dieser sechsten Spielklasse antreten, gespeist durch vier Aufsteiger aus den drei Landesligen plus die acht schwächsten Teams aus den beiden Württembergligen.

Bundesweit hat sich der deutsche Handball vergangene Woche aber darauf geeinigt, dass es keinerlei Absteiger geben soll. Jeder betroffene Württembergligist würde den Gang in die neue Verbandsliga aber als solchen empfinden. Per Definition bedeutet Abstieg das "Eingestuftwerden in eine niedrigere Leistungsklasse". Im konkreten Fall von der fünfthöchsten Klasse in die sechsthöchste.

Der HVW vertritt allerdings die These, dass es sich hier um eine Strukturreform handle und es sich daher nicht um sportliche Abstiege handle. Der Ärger um diese Sichtweisen ist programmiert.


Stephan Sonntag

Stephan Sonntag

Autor

Stephan Sonntag arbeitet seit Oktober 2008 für die Heilbronner Stimme. Nach seinem Volontariat wurde der gebürtige Westerwälder in die Sportredaktion übernommen. Dort ist er für Handball, Eishockey, Boxen und Rugby zuständig. 

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